Sozialcourage

Engagement fördern

Türen öffnen gegen Einsamkeit

Eine Frau und eine bettlägige Seniorin halten lächelnd HändchenZwei, die einander der Himmel geschickt hat.Christian Protte

Vielleicht noch einmal sehen zu können, das ist ihr großer Wunsch. Erfüllen wird er sich wohl nicht. Josefa Wenker-Hüpel ist 91 Jahre alt, blind, schwerhörig, ans Bett gefesselt. Aber ihr Kopf, der arbeitet noch so, wie er soll. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt die weißhaarige Frau, die nichts mehr sieht, und fasst die Hand von Anne Mäteling fester. Die lächelt. Einmal in der Woche besucht sie die bettlägerige Seniorin. Wenn sie kommt, öffnet sich für Josefa Wenker-Hüpel eine Tür – raus aus der Welt des Zimmers, in dem sie Tag aus, Tag ein liegt, gefangen in Schattierungen aus hellgrau bis schwarz. Anne Mäteling ist ihr Türöffner.

Die Ehrenamtliche gehört zur "Türöffner"-Initiative in Wellingholzhausen, einem Ortsteil der Stadt Melle im Osnabrücker Land. Ländlich ist es hier, das Dorf klein, man kennt sich. Es gibt eine aktive Kirchengemeinde, Angebote für Sportbegeisterte und Familien, einen Schützenverein. Für die Gruppe der Hochbetagten gab es bislang wenig. Das hat sich vor knapp zwei Jahren mit dem Startschuss für die "Türöffner" geändert. "Einsamkeit findet häufig hinter verschlossenen Türen statt", sagt Monika Sewöster-Lumme. "Da lag es nahe, unsere Gruppe nach dem zu benennen, was ihre Aktiven tun: diese Türen öffnen."

"Frau, 91, sucht Gesprächspartner, selbstständige Friseurin"

In der Küche von Monika Sewöster-Lumme liegen Zettel und Notizen verstreut auf dem Tisch. Hier ist eine der Schaltzentralen der "Türöffner"-Initiative. Immer im Austausch mit den anderen Mitgliedern des Organisationsteams sichtet die 51-Jährige die neuen Namen, die eine Begleitung durch einen Türöffner wünschen. Das ehrenamtliche Orga-Team bringt die Hochbetagten und die Freiwilligen zusammen. Die sieben Mitglieder, etwa die Leiterin der Sozialstation oder die Vorsitzende der örtlichen Katholischen Frauengemeinschaft (kfd), sind hervorragend vernetzt im Dorf. Sie sehen oder hören, wo ein Bedarf an Begleitung da ist, und erstellen daraus ein anonymes Profil. "Frau, 91, sucht Gesprächspartner, selbstständige Friseurin", steht auf einem der Zettel als Profil. Nun geht die Suche nach einem passenden Türöffner los.

Wie im Falle der 91-jährigen Friseurmeisterin. "Da werden wir schauen, dass wir jemanden finden, der vielleicht selbst Friseur oder Friseurin ist oder war oder zumindest ein Interesse an diesen Themen hat", sagt Monika Sewöster-Lumme. Sie tippt das Profil direkt in ihr Handy ein, um die übrigen Mitglieder des Orga-Teams über die Anfrage zu informieren. Dann läuft der "Türöffner"-Motor warm: Jeder streckt seine Fühler aus, überlegt, hört sich um, dann werden die Ergebnisse zusammengetragen. Einer aus dem Orga-Team spricht dann die Person an, die für die Begleitung infrage kommen könnte. Der persönliche Kontakt, der sehr konkrete Anlass, die Aussicht, das Engagement den eigenen Möglichkeiten entsprechend gestalten zu können – meistens haben die Organisatoren der Initiative mit ihrer Anfrage Erfolg.

Zwei lachende Frauen sitzen zusammenEs tut so gut, wenn mal jemand kommt und einfach etwas Zeit mitbringt.Christian Protte

Aus zwei Fremden wird ein vertrautes Team

"Ich wollte mich engagieren, aber als Krankenschwester im Schichtdienst kann ich mich kaum an feste Zeiten halten", sagt Susanne Hunfeld-Wolf. Mal hat sie vormittags Zeit, mal nachmittags, und manchmal passt es gar nicht, weil die dreifache Mutter anderweitig eingespannt ist. Im Rollstuhl neben ihr sitzt Hildegard Klein, die Hände im Schoß verschränkt, das ergraute Haar in ordentliche Locken gelegt. "Es ist so gut, dass ich dich habe", sagt die 78-Jährige zu ihrer Türöffnerin.

Am Anfang, sagt Susanne Hunfeld-Wolf, hätten beide einander erst kennenlernen müssen. Das war im Januar dieses Jahres. Hildegard Klein war gerade ins Caritas-Pflegezentrum St. Konrad gezogen, ihr Mann kurz zuvor verstorben, das große Haus konnte sie nicht mehr alleine bewohnen. Im Altenheim war alles neu für sie – und dann kam da auch noch diese Frau zu ihr, mit einem freundlichen Lachen und einem großen Herzen. Es hat etwas gedauert, bis die Seniorin die Zuwendung der Türöffnerin annehmen konnte. "Aber dann", sagt Susanne Hunfeld-Wolf, "ist aus Frau Klein ganz schnell Hilde geworden."

Inzwischen sind die beiden ein vertrautes Team. Kaffee und Kuchen gibt es eigentlich immer, wenn sie sich sehen. Mal im Pflegezentrum, aber viel lieber in einem Café in der Nähe, das sich auch im Rollstuhl erreichen lässt. Oder sie unternehmen einen Ausflug zusammen, denn der Rollstuhl passt ja in den Kofferraum. "Kürzlich waren wir beim Minigolf", sagt Susanne Hunfeld-Wolf. Beide Frauen fassen sich lachend an den Händen, als sie sich an diesen Tag mit Sonnenstrahlen erinnern. "Aber wir haben nur zugeguckt." Zum Friedhof geht es auch oft, denn dort liegt Hildegard Kleins Mann begraben.  Mit der 48-Jährigen an ihrer Seite ist Vertrautheit in das Leben der Seniorin zurückgekehrt.

Begleitung und Anerkennung sind wichtige Komponenten

"Dass sich der Türöffner und der Begleitete erst einmal beschnuppern müssen, ist ganz normal", meint Monika Sewöster-Lumme. Es sei auch schon vorgekommen, dass ein Tandem nicht funktioniert habe, weil die Chemie nicht stimmte. Um in solchen Fällen gemeinsam eine Lösung zu finden, ohne dass auf einer Seite Frust entsteht, dafür steht das Organisationsteam bereit. Deren Mitglieder sind jederzeit ansprechbar für die Türöffner. Auch das pastorale Team der Kirchengemeinde steht der Initiative wohlwollend gegenüber. Caritas-Referentin Elisabeth Jacobs weiß: "Ehrenamtliche fühlen sich dort wohl, wo sie verlässlich begleitet werden." Dazu gehört nicht nur, feste Ansprechpartner zu haben, sondern auch eine überzeugende Anerkennungskultur.

Auch Anne Mäteling, die am Bett von Josefa Wenker-Hüpel sitzt und ihre Hand hält, hat vor etwa anderthalb Jahren bei einem Informationsnachmittag bei der kfd von den "Türöffnern" erfahren. Und sie sah dieses Profil: "Frau, 90, bettlägerig, blind, sucht religiöse Begleitung". Das konnte sie sich vorstellen. Sie dachte noch ein paar Tage darüber nach, dann sagte sie dem Orga-Team zu – und inzwischen möchte sie die Begegnungen nicht mehr missen.

Informationen zum Projekt und die "Starthilfe" gibt es bei Monika Sewöster-Lumme, Tel. 0541/ 34978-168, msewoester-lumme@caritas-os.dewww.caritas-os.de/ckd

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