Sozialcourage

Betreutes Jugendwohnen

Caritas Jugendwohnen - Miteinander auf dem Weg der Integration

Junge Flüchtlinge im GrünenDie Jugendlichen aus Afghanistan und Syrien haben sich in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens integriert.Simon Gebhard

Nach kurzer Vorbereitungszeit konnten im Dezember 2015 im Caritas Jugendwohnen zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien aufgenommen werden. Im ersten Jahr haben sich die Jugendlichen in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens integriert. Der Weg dahin war für die Jugendlichen, aber auch für die Mitarbeiter, eine spannende Reise. Um die sich anzeigende Integration zu stabilisieren und fortzuführen, bedarf es weiterer Begleitung.

Umgang mit Traumata

Die Beziehung zu Familie und Freunden kann nicht im persönlichen Kontakt gepflegt werden. Manche haben Angehörige auf der Flucht verloren oder es ist seit längerem kein Kontakt mehr gelungen. Durch die täglichen Nachrichten aus der Heimat sind sie in Sorge um ihre Lieben. Es fehlt an tragfähiger Beziehung und Halt. Die Flucht wurde als unsichere Situation erlebt. Auf sich alleine gestellt werden die Fragen, "Wem kann ich vertrauen, wem muss ich misstrauen?", zur Überlebensstrategie. Unabhängig von dem Erleben kriegerischer Handlungen, Tötungen, Missbrauch oder ähnlichem erleben die Jugendlichen die Trennung von ihrer Familie als Trauma.

Angekommen in Deutschland erleben sie sich in einer völlig anderen Welt. Rituale, soziale Verhaltensweisen, Normen, Werte bieten Sicherheit und Halt im sozialen Miteinander. Auf andere Kulturen reagieren die Jugendlichen teils mit Neugier, teils mit Verunsicherung. Es entstehen zusätzlich durch die vorhandenen Sprachbarrieren Missverständnisse, die weiter verunsichern. Wir können davon ausgehen, dass das Wiederfinden von Beziehung, Vertrauen, Halt, Sicherheit und Beschäftigung wichtige Säulen zum Gelingen von Integration und zum "Händeln" traumatischer Erfahrungen sind.

Gestaltete Wand"ME and YOU" - von den Jugendlichen gestaltete Wand im Wohnzimmer.Rita Lehmann

Der Weg der Integration: Deutschlernen - Nutzung der Freizeitangebote in Görlitz - Aufbau eines sozialen Netzwerkes

Um den Einzelnen die Möglichkeit zu geben, die Gruppe als geschützten und stützenden Rahmen zu nutzen, war der konzeptionelle Ansatz der ersten sechs Monate gruppenorientiert. Die Mahlzeiten wurden gemeinsam vorbereitet und eingenommen. Freizeitveranstaltungen waren gemeinschaftlich orientiert. Das half, in der Stadt anzukommen.

Mit der Zeit benötigten die Jugendlichen mehr Freiheiten, um weitere Schritte der Integration zu gehen. In einem längeren Prozess, der sich in Kleingruppen und Einzelgesprächen vollzog, wurde der Rahmen neu gesetzt. Einkauf, kochen und Mahlzeiteneinnahme sowie die Durchführung von Diensten fanden nun in Teams statt.

Zur Überbrückung bis zum Schuleintritt wurden ehrenamtliche Mitarbeiter für Sprachkurse und ein vierwöchiger Deutsch VHS-Kurs (Volkshochschule) organisiert. Auf Drängen der Fachabteilung wurde die Bildungsagentur Bautzen aktiv, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihre Schulpflicht zu erfüllen. So konnten die Jugendlichen im April am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) beziehungsweise an einer Oberschule in DAZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) eingeschult werden. Mittlerweile schafften fünf Jugendliche den Sprung in die Regelklasse der Oberschule. Die anderen arbeiteten daran, durch stetiges Verbessern ihrer Deutschkenntnisse in einzelnen Fächern Regelunterricht zu besuchen.

Während der Sommerferien nahmen die Jugendlichen an unterschiedlichen Freizeitangeboten und Sommercamps teil. Im Weiteren erfolgten die Aufnahme in Sportvereine, Jugendfeuerwehr und Fitness-Studios. Öffentliche Fußballangebote wurden genutzt. Das half, Menschen außerhalb des Hauses kennen zu lernen und sich Netzwerke aufzubauen.

Hilfeplangespräche

In regelmäßigen Abständen wurden Entwicklungsgespräche geführt. Dolmetscher unterstützten die sprachliche Verständigung und halfen, kulturelle Missverständnisse aufzulösen.
Die Integration ist dem in der Konzeption festgesetzten Leitziel untergeordnet: "Heranreifen zu einer eigenverantwortlichen, selbstständigen Persönlichkeit, die in der Lage ist, die Belange des eigenen Lebens (in einer zunächst fremden Welt) selbst zu regeln."
Das heißt, immer wieder folgende Fragen präsent zu haben: Was kann der Jugendliche schon selbst erledigen? Für welche Teilschritte benötigt er Hilfe? Welche konkrete Unterstützung benötigt er, um die Aufgaben dieses Teilschrittes zu lernen?

Hilfen für junge Volljährige

Für Jugendliche, die erst gut ein Jahr in Deutschland sind, blieb wenig Zeit, sich auf die Verselbstständigung vorzubereiten. Es braucht weitere Hilfen, um diesen Weg zu begleiten. Hierfür wurde ein Konzept für eine Wohngruppe in der 2. Etage entwickelt. Anfang des Jahres konnten nun drei volljährige Jugendliche in diese aufgenommen werden. Demnächst werden die nächsten drei Jugendlichen die zweite Wohngruppe beziehen. Ziel ist es, den Jugendlichen individuelle Hilfe anzubieten, um sie auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Im Übergang in das eigene Wohnen werden die Jugendlichen bei den notwendigen Schritten durch ambulant betreutes Wohnen begleitet und abgelöst.

Retraumatisierungen im Rahmen des Asylverfahrens

Der Weg der Integration ist durch das eingeleitete Asylverfahren begleitet. Nach einer Aktenanlage im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfolgt ein mehrstündiges Interview zu Fluchtgründen und Fluchtroute des Asylsuchenden. Im Rahmen dieser Anhörung müssen die Einzelnen nachweisen, dass sie in ihrem Heimatland persönlich bedroht waren. Hierzu ist es notwendig, die nach einem Jahr gut verschlossenen traumatischen Erfahrungen wieder aufzumachen. Die Gefahr der Retraumatisierung ist groß und geht mit sich Alleingelassen fühlen, Misstrauen, Angst, Unsicherheit und Lähmung einher. Retraumatisierungen behindern somit die eingeleiteten Integrationsprozesse. Die Aufgabe der Mitarbeiter ist es, den Jugendlichen entsprechende Hilfsangebote an die Hand zu geben und sie zu unterstützen, wieder Beziehung, Vertrauen, Halt und Sicherheit zu finden und sich auf Beschäftigung einzulassen.

Betriebserlaubnis und Perspektiven

Nach einem längeren Antragsverfahren liegt nun eine Betriebserlaubnis für die Paragrafen 34 und 35a SGB VIII vor. Entsprechend der eingereichten Konzeption ist diese nicht auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beschränkt. Und so wird zukünftig Integration im Caritas Jugendwohnen sich dadurch ereignen, dass deutsche Jugendliche und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge miteinander unter einem Dach leben.

INFO:

Caritas-Regionalstelle Görlitz
Jugendwohnen
Blumenstraße 36, 02826 Görlitz
Telefon: 0 35 81 40 10 36
E-Mail: Jugendwohnen.leitung@caritasgoerlitz.de

 

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