Sozialcourage

Sprachpatenschaften

Gemeinsam schaffen wir das

älterer Mann im PorträtRüdiger Schumacher koordiniert als Ruheständler die Arbeit von 100 ehrenamtlichen Sprachpaten.Yannik Willing und Paula Holtz

Als er im Oktober 2013 im Familienzentrum St. Ansgar in Itzehoe anfing, hatte das Haus gerade neu eröffnet und er übernahm den Dienst am Empfang. Doch seit er gemeinsam mit Migrationsberaterin Silvia Bruns in die Arbeit mit den Sprachpaten eingestiegen ist, ist daraus ein Vollzeitjob mit bis zu 40 Stunden pro Woche geworden. 

Der umtriebige Ehrenamtler, 61 Jahre alt, der seit über 30 Jahren in Itzehoe lebt und als Informatiker in der EDV-Branche tätig war, konnte Freunde, Bekannte und ehemalige Arbeitskollegen als Sprachpaten gewinnen. Er stellte das Projekt bei verschiedenen Serviceclubs vor, deren Geldspenden für die Anschaffung von Unterrichtsmaterial verwendet wurden. Die örtliche Presse berichtet regelmäßig und jedes Mal folgen weitere Spenden, melden sich neue Ehrenamtliche. Zurzeit weist Rüdiger Schumacher wöchentlich neue Sprachpaten in ihren Dienst ein.

Weit mehr als Sprachhilfe

Auch bei den Flüchtlingen ist das Interesse an der Sprachförderung groß, denn die meisten möchten so schnell wie möglich Deutsch lernen. Auf die Teilnahme am offiziellen Sprachkurs des "Starterpakets für Flüchtlinge" (STAFF) müssen sie oft monatelang warten. Die Migrationsberaterinnen der Caritas erstellen von jedem Interessenten ein persönliches Profil. Auch die neuen Sprachpaten werden befragt, was sie sich vorstellen können, ob sie einen oder mehrere Schüler möchten, wann sie Zeit haben. Rüdiger Schumacher führt dann beide Profile zusammen und sucht für jeden Sprachschüler den passenden Paten aus.

Junge Frau im Mantel im PorträtEman Santiha stellt klar: „Ich bin Muslimin und ich bin gegen Terrorismus.“Yannik Willing und Paula Holtz

Alles Weitere machen Schüler und Pate untereinander aus. Im Familienzentrum stehen sechs Räume für das Projekt zur Verfügung, die zu Spitzenzeiten auch alle belegt sind. Manche treffen sich aber lieber an einem anderen Ort, in der Bücherei, im Café oder in der Privatwohnung. Bei Bedarf begleiten die Paten auch beim Einkaufen oder auf Ämter, man unternimmt etwas gemeinsam, es entstehen Freundschaften. Rüdiger Schumacher war neulich bei einer Schülerin zur Hochzeit eingeladen. "Das ist schon ein bisschen mehr als Sprachhilfe, was wir hier machen, das ist Integrationsarbeit", sagt er.

Haupt- und Ehrenamtliche arbeiten auf Augenhöhe

"Die Sprachpaten können immer zu uns kommen", sagt Migrationsberaterin Silvia Bruns, "auch zusammen mit den Flüchtlingen, wenn sie ausländerrechtliche Fragen haben oder Fragen zum Asylverfahren." Für die beiden Caritas-Beraterinnen im Familienzentrum sind die vielen Sprachpaten "eine Riesenentlastung". Andererseits haben die Ehrenamtlichen einen hohen Informationsbedarf. Meist kann Rüdiger Schumacher weiterhelfen. Für speziellere Fragen gibt es monatliche Treffen, bei denen immer eine Caritas-Beraterin dabei ist. Da die Paten beim Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen oft mit schwierigen Situationen konfrontiert sind, ist geplant, künftig auch Supervision anzubieten.

Frau in lila-farbener JackeHilft Flüchtlingen und Paten bei allen Fragen: Caritas-­Migrationsberaterin Silvia Bruns.Yannik Willing und Paula Holtz

"Das ist schon toll, was Rüdiger Schumacher hier aufgebaut hat. Aber wir sehen auch, dass das eigentlich ehrenamtlich nicht leistbar ist", sagt Silvia Bruns mit Blick auf die 40-Stunden-Woche ihres ehrenamtlichen Kollegen. Seit kurzem gibt es Unterstützung von der Caritas in Neumünster. Migrationsberaterin Ludmila Schlahn bekam ein zusätzliches Stundenkontingent für die Erstbefragung der Sprachpaten. Das hat Schumacher sonst immer noch am Wochenende erledigt. Haupt- und Ehrenamtliche sprechen sich miteinander ab und arbeiten auf Augenhöhe. "Ich würde das nicht so intensiv machen, wenn das Umfeld nicht stimmen würde", sagt Rüdiger Schumacher. "Wir arbeiten hier fantastisch zusammen."

"Ich habe schon auf dem Fußboden gelegen, um zu zeigen, was ‚liegen‘ ist." Schumacher lässt den Sprachpaten viel Freiheit bei der Gestaltung ihrer Aufgabe. Den allermeisten geht es wie ihm selbst, sie sagen nach der ersten Stunde: "Das bringt ja richtig Spaß!"


Lesen Sie die Fortsetzung des Sozialcourage-Artikels unter dem Titel "Das Potenzial der Helfer war erschöpft".

Materialtipps: Deutsch für Flüchtlinge

Das Willkommens-ABC. 36 Seiten Bilder und Begriffe auf Deutsch und Englisch, Farben, Zahlen - das Einfachste, aber kostenlos! Arsedition, München 2015. Kostenloses Herunterladen unter www.willkommensabc.de, E-Book, ISBN 978-3-8458-1602-9, www.arsedition.de

Junger Mann mit Jacke im Porträt„Dass irgendwann Frieden herrscht in der Welt, hoffe ich“: Kotaeba Obeid ist optimistisch.Yannik Willing und Paula Holtz

Unterrichtsmaterial Deutsch als Fremdsprache. Im Internet kostenlos für ehrenamtliche Lehrkräfte. Bilder und Begriffe auf Deutsch, Zahlen, Materialsammlung mit Arbeitsblättern zum Wortschatztraining, Erläuterungen und Übungen zur Grammatik. Teils für Unterricht mit Teilnehmern ohne Vorkenntnisse. 69 Seiten herunterladbar auf www.lingolia.com/de/daf

Viele Arbeitsblätter, auch Spiele oder Aktivitäten. Kostenlos zum Herunterladen: www.graf-gutfreund.at

Hunderte Arbeitsblätter zum unentgeltlichen Herunterladen, Illustrationen und Trainingsmaterial auch für Jugendliche geeignet. www.deutschalsfremdsprache.ch, www.sekundarschulvorbereitung.ch

1200 Arbeitsblätter für den Deutschunterricht zum unentgeltlichen Download. Für gut motivierte und talentierte Sprachschüler: Kann Spracherwerb und -beherrschung bis in höhere Level ermöglichen. Mit interaktiver Suchfunktion. www.mittelschulvorbereitung.ch

Deutschland. Erste Informationen für Flüchtlinge. Auf Deutsch und Arabisch, gegliedert nach Informationen, Hinweisen und Hintergrundwissen. Verlag Herder und Konrad-Adenauer-Stiftung 2015
128 Seiten, 2 Euro bei einer Mindestbestellmenge von 10 Stück. ISBN 978-3-451-34944-7, www.kas.de

Weitere Tipps gibt es im Artikel "Kostenlose Online-Hilfen für Flüchtlinge" zu finden.

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Eigentlich wollte Rüdiger Schumacher in der passiven Phase seiner Altersteilzeit nur zehn Stunden in der Woche ehrenamtlich tätig sein. Dann hat er das Sprachpatenprojekt des Caritas-Migrationsdienstes im Familienzentrum in Itzehoe neu belebt und koordiniert mittlerweile die Arbeit von 100 ehrenamtlichen Sprachpaten für 200 Flüchtlinge. mehr

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