Sozialcourage

Caritas 2025

Zukunft ist näher als du denkst

Die Grafik zeigt ein schräg gestelltes, verfremdetes und abgeschnittes Caritas-Logo.

Wir wollen von der Zukunft nicht überrascht werden. Das Jahr 2025 mag weit weg erscheinen. Aber wir wollen jetzt für die Caritas in der Diözese Münster überlegen, welche Entwicklungen in der sozialen Arbeit zu erwarten sind und wie wir sie in den kommenden Jahren selbst gestalten wollen. Beispielhaft reißen wir hier ein paar der Themen an, die uns beschäftigen werden. Der Strategieprozess „Caritas2025“ startet mit einer breit angelegten Befragung. Gut 50.000 Broschüren und Fragebögen sind verteilt worden. Wir freuen uns, wenn Ihnen die Beispiele Lust machen, den Fragebogen online zu beantworten. Wir haben ihn auf www.caritas2025.de eingestellt. Dort finden sie weitere Geschichten und Interviews zu Themenfeldern der Caritas.  

Das Leben im Paradies

Wohin steuert die Inklusion? Wird es künftig keine Behindertenwohnheime mehr geben, allenfalls Wohngruppen und sonst nur Einzelappartments? Viele meinen, dass das der Wunsch aller Menschen mit Behinderungen nach einem eigenständigen Leben ist. Aber vielleicht wäre es besser, ihre Wünsche zu erfragen. Dann zeigt sich, dass ihre Vorstellungen genauso individuell sind wie unsere. Ein Beispiel:

Wo das Paradies ist? Renate Fink weiß es, denn sie wohnt dort schon seit 54 Jahren. Verlassen will die 61jährige es verständlicherweise nicht. Ihr Paradies entspricht nicht den landläufigen Vorstellungen und schon gar nicht denen der Politik. St. Bernardin ist ein wuchtiges altes Backsteingebäude, ursprünglich ein Kloster, neben dem kleinen Sonsbecker Ortsteil Hamb am Niederrhein. Eine große „Komplex-Einrichtung“ in der Fachsprache und damit scheinbar aus den Zeiten der Inklusion gefallen.

Aber für Renate Fink und 149 ihrer Mitbewohner ist es das Zuhause, der sichere Rahmen für ihr Leben. Mit sieben Jahren ist sie hier eingezogen, hat Jahrzehnte in der Wäscherei auf dem Gelände gearbeitet und genießt jetzt den Ruhestand mit ihrem Hund und all den anderen Tieren, die zu versorgen sind.

Inklusion, so wie wir sie heute verstehen, scheint das nicht gerade zu sein. Faktisch aber schon, denn sie ist zufrieden in dieser Gemeinschaft, spielt mit Hamber Bürgern, die sie in der Schwimmgruppe kennengelernt hat, regelmäßig Mau-Mau, schaut schon mal in Schule und Kita vorbei, fährt in den Urlaub… „Es ist ein Lernprozess zu akzeptieren, dass der Wille eines Menschen mit Behinderung möglicherweise nicht den eigenen Vorstellungen entspricht“, sagt Hans-Dieter Kitzerow, der die Einrichtung leitet und mit dem Renate Fink mittags gemeinsam isst.

Das neue Bundesteilhabegesetz, dass im Wesentlichen ab 2020 umgesetzt wird, will mehr Selbständigkeit. Ein eigener Mietvertrag für das bewohnte Zimmer, selbständige Entscheidungen über Pflegedienst und Arbeitsplatz. Das ist für Kitzerow sicherlich ein guter Ansatz für viele Menschen mit Einschränkungen, nicht aber unbedingt für die in Behinderteneinrichtungen lebenden mit schweren körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Ihre Zahl ist vergleichsweise gering, wenige hunderttausend von insgesamt sieben Millionen bundesweit.

Für sie können die Bemühungen um Inklusion anstrengend werden. Da müsste es aus Sicht von Thomas Wilmsen, der den Sozialdienst in St. Bernardin leitet, vor allem darum gehen, Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Also nicht aus ideologischen Überlegungen alle großen Einrichtungen abschaffen zu wollen, sondern die behinderten Menschen tatsächlich selbst entscheiden zu lassen, wie sie leben möchten. „Es wird viel zu wenig darauf geschaut, ob sie zufrieden sind“, sagt Wilmsen.

Sie können wie Renate Fink ihren eigenen Weg finden, wenn die Behindertenhilfe sich weiter entwickelt und neue Möglichkeiten bietet. Fink erinnert sich gut, wie sie zum ersten Mal fünf Mark selbst in der Hand hielt. In den Ort zu gehen, selbst einzukaufen, ist heute selbstverständlich. „Nach und nach habe ich mehr Mut bekommen“, erklärt sie. Aber das gehe nur in kleinen Schritten 

BU: Die Tiere in St. Bernardin versorgen zu können, gehört für Renate Fink auch zu den paradiesischen Umständen. Heimleiter Hans-Dieter Kitzerow und Thomas Wilmsen freuen sich darüber. Foto: Andrea Emde 

Bildung ja – aber wie?

Wie die Schulen waren auch die Tageseinrichtungen für Kinder in den vergangenen Jahren ein „Experimentierfeld“ mit immer neuen Anforderungen an die Erzieherinnen. Kann und sollte das so weitergehen, wo ist die Lösung für die Unterfinanzierung und wie kann der Bedarf an Fachkräften künftig gedeckt werden? Auch im Kita-Bereich stellen sich viele Zukunftsfragen. Nicole Mönkediek kennt sie aus der Praxis:

Am Tisch malen zwei Kinder, eine Erzieherin sitzt dabeiImmer neue Herausforderungen für die Kitas. Eine der jüngsten ist die Aufnahme und Integration der FlüchtlingskinderHarald Westbeld

Dass eine Tageseinrichtung heute eine Bildungseinrichtung ist, steht für Nicole Mönkediek außer Frage. Entscheidend für die Leiterin des Kita-Verbundes St. Remigius in Borken ist jedoch das Wie. Wobei das nur eine von vielen Fragen ist, die sich heute und für die nächsten Jahre in der Betreuung der Kinder vor der Einschulung stellen. Woher zum Beispiel sollen die Erzieherinnen kommen, wenn immer mehr Stunden gebucht werden und der U3-Bereich weiter wächst? Wo doch jetzt schon kaum noch Fachkräfte zu bekommen sind und sich auch die Suche nach Lehrern für ihre Ausbildung als zunehmend schwierig erweist. Wird das von der neuen Landesregierung erwartete neue Kinderbildungsgesetz das Problem der Unterfinanzierung endlich lösen und damit auch eine qualitätsvolle Betreuung weiterhin ermöglichen?

Auf ruhige Zeiten müssen die Tageseinrichtungen schon seit einer Weile verzichten. Vor allem das erste „KiBiz“ hat 2008 viel Neues auf den Weg gebracht, stellt Mönkediek fest: „Das Thema Bildung ist gestärkt worden, aber es hat dafür keine ausreichende Finanzierung gegeben.“ Zur Ruhe ist die Kita-Landschaft seitdem nicht mehr gekommen. „Neuestes Steckenpferd“ sei die „alltagsintegrierte Sprachbildung“.

Für Nicole Mönkediek ist dies Ausdruck eines generellen Trends: „Immer mehr Verantwortung wird von der Familie an die Kita abgegeben“. Dafür gibt es eine Reihe von Indizien wie die hohen Stundenbuchungen, das unerwartet starke Wachstum des U3-Bereiches und der immer lauter geäußerte Wunsch nach ausgeweiteten und flexiblen Öffnungszeiten. Auch bleiben inzwischen zwei Drittel der Kinder über Mittag in den fünf Kitas, für die Mönkediek verantwortlich ist. „Manche verbringen mehr Zeit mit uns als mit ihren Eltern“, stellt sie fest.

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