Sozialcourage

Burnout

Seele schützen gegen Stress

Eine gezeichnete Frau sitzt im Schneidersitz. Auf ihrem Pullover steht '30 Prozent'Ruhe bewahren, Aufgaben schrittweise angehen. Und sich Ruhepausen gönnen, um den inneren Akku wieder aufzuladen.Christine Rösch

Sie hat die kleinen Botschafter einfach nicht erkannt. Immer wieder haben ihr die Ohren geklingelt. Ihre Beine konnte sie immer seltener still halten, und immer häufiger hat sie sich am Hals gekratzt. Dann konnte sie sich nicht mehr richtig auf ihre Arbeit konzentrieren. Das war an ihrem Arbeitsplatz aber nötig. Eine falsche Computereingabe, und am Bildschirm lief zu viel schief. Und ihre Arbeit war für das kleine Forschungsinstitut in einer deutschen Metropole doch so wichtig. "Wichtig, wichtig, wichtig! Du hast Verantwortung!" Diese Maxime stand Anna Leuenberger (Name geändert) immer vor Augen.

Im Zielvereinbarungsgespräch machte der Institutsleiter ihr deutlich, dass die Homepage auch ein Instrument der Auftragsakquise sei und daher eine überzeugende Visitenkarte des kleinen 20-Personen-Betriebs sein müsse. Auch Anna lag die politische Forschungsarbeit des Instituts sehr am Herzen. Damit konnte sie sich identifizieren. Und es war damals ihre berufliche Chance, nachdem sie mit Anfang vierzig als arbeitslose Geisteswissenschaftlerin zur IT-Fachfrau umgeschult worden war. Sie wollte es nicht vermasseln.

"Abstand vom Job" ist leicht gesagt

Dann wurden die Botschafter penetranter. Sie besuchten sie nachts. Schlaflos lag sie im Bett und ihre Gedanken kreisten darum, wie sie den neuen Anforderungen in der digitalen Welt als One-Woman-Show auch nur irgendwie gerecht werden könnte. Sie machte im Institut deutlich, dass sie das alleine nicht gestemmt bekommt. Doch für ihren Arbeitsbereich gab es dort keine neuen Mittel. Auch wusste keiner, wo es dafür Drittmittel geben könnte. Sollte sie sich jetzt auch noch darum kümmern, dass ihre Arbeit finanziert wird? Anna fühlte sich alleingelassen und überfordert. Auch der eilends gebuchte Yogakurs konnte nicht mehr verhindern, dass Annas Warnleuchten alle blinkten.

Ein gezeichneter Wochenplan, auf dem verschiedene Aktivitäten eingeplant sindEinen Wochenplan aufstellen, Entspannung und Belohnung einplanen. Sich etwas Gutes tun und genießen. Kreativ sein und sich Zeit nehmen fürs Hobby. Genügend schlafen, gesund leben. Christine Rösch

Dann kam der große Botschafter und legte alle Schalter um auf Dauerbetrieb: Dauerklingeln in den Ohren, Dauerkopfschmerz, Dauerübelkeit, Dauernervosität, begleitet von Panikattacken. Eine Krankmeldung löste die nächste ab. Unterschiedliche Therapieformen wechselten sich ab. "Abstand vom Job!" war jetzt die neue Aufgabe, vor die Anna Leuenberger von ihrem Hausarzt sowie den Therapeuten gestellt wurde.

Es fiel ihr anfangs schwer, loszulassen. Sie fühlte sich doch verantwortlich. Eine Reha wurde zunächst abgelehnt: Frau Leuenberger sei ja nie krank gewesen. Da fehle die erforderliche Vorgeschichte. Medikamente wurden ausprobiert, Tests gemacht. Anna will nicht offenlegen, was sie alles im Laufe von mehr als zwei Jahren hinter sich gebracht hat.

Traf Anna Bekannte im Supermarkt, merkte sie, wie diese geschockt waren. Anna sah verhutzelt und richtiggehend alt aus. Also blieb sie lieber zu Hause bei Mann und Hund. "Mein Hund mit seinem rücksichtslos ungestümen Wesen und seinem Tapsen an der Tür war mein zusätzlicher Therapeut." An langsame betriebliche Wiedereingliederung war nicht zu denken. Allein der Gedanke, wieder im Institut am PC zu sitzen, verursachte bei Anna heftigste Schweißausbrüche. Ein Antrag auf Teilverrentung wurde der inzwischen 54-Jährigen abgelehnt. Nach über 24 Monaten zog sie für sich den Schlussstrich und bat um einen Aufhebungsvertrag.

Nun kann sie wieder durchatmen. Sie schafft es sogar inzwischen, ganz vorsichtig an die Zukunft zu denken und was für sie noch möglich sein könnte. Zum Glück für Anna, denn die notwendigen 35 Jahre Anwartschaft für die Rente hat sie noch nicht erreicht.

Drei gezeichnete Personen sitzen an einem Tisch, die Tischplatte ist eine Uhr.Mit Freunden und Angehörigen Zeit zu verbringen schafft Gelegenheit zum Reden und Zuhören, auch über die eigenen Probleme.Christine Rösch

Anders erging es Frank Kirschbaum (Name ebenso geändert). Im Oktober 2012 musste er den Tag erleben, an dem ihm alle Stecker gezogen wurden. "Ich konnte eines Morgens einfach nicht mehr aufstehen. Ich fühlte mich komplett gelähmt." Sein Hirn kreiste um nichts mehr. "Da war einfach nur noch Stillstand. Ich war ausgeknipst", beschreibt der Theologe es heute, fünf Jahre später. Drei Monate dauerte dieser Zustand. Nur zum Arzt quälte er sich aus dem Bett. Entgegen allen Ratschlägen geht er dann erneut zur Arbeit. Nach drei Tagen muss er abbrechen. Sein Hirn war phasenweise immer noch ausgeknipst. Er bewegte sich mechanisch wie eine Puppe. "Sie sagten alle, es sei ein Burnout. Ich meinte, in absehbarer Zeit wieder einsatzfähig zu sein, und war mir sicher, dass es zumindest nicht nur ein Burnout sein konnte. Ich nahm es persönlich und fühlte mich als Versager."

Erst war es ein Schnupfen …

Heute weiß Frank Kirschbaum, dass auch bei ihm Botschafter die Erkrankung angekündigt hatten. "Ich, der nie etwas hatte, war dauernd krank. Jeder Schnupfenbazillus und jede Virusinfektion hat mich aufs Heftigste niedergestreckt. Mein Immunsystem war zusammengebrochen." 2005 kamen dann mehrere Erkrankungsphasen mit psychischer Diagnose hinzu. Die Botschafter ließen sich also nicht mehr übersehen. Der Theologe, der bei vielen grässlichen Katastrophen immer der umsichtige und strategisch denkende Notfallhelfer vor Ort war, ließ sich in den Innendienst versetzen. "Ich hoffte, dann wieder runterzukommen." In kognitiver Gesprächstherapie versuchte er der Ursache für seine Unrast auf die Spur zu kommen. "Der Psychologe sagte immer, da sei noch was. Aber worum auch immer es sich handle, es stünde ihm keine andere Therapieform zur Verfügung." Ab 2010 ging er wieder zu Einsätzen vor Ort und stieß erneut auf psychisch anstrengende, traumatische Situationen. Er stand vor Massengräbern, traf vergewaltigte Frauen, half Erdbebenopfern. "Ich war total mit meiner Arbeit identifiziert."

… dann kam der Zusammenbruch

Und dann eben der Ausknipstag im Oktober 2012. Ein Familienvater von drei Kindern, ein gerade erst gekauftes Häuschen, das abbezahlt werden wollte - wäre er nicht ausgeknipst gewesen, hätte er allen Grund zur Panik gehabt. Die hatte dafür seine Frau. Zum Glück behielt sie einen klaren Kopf und sorgte dafür, dass sie selbst auch psychologisch betreut wurde. Frank bezieht nur noch Krankengeld - 68 Prozent seines normalen Gehalts. Es wurde knapp im Haushalt. Seine Frau konnte auf keinen Fall ihre Halbtagsstelle aufgeben.

Eine gezeichnete Frau fährt Fahrrad.Sich bewegen und sich spüren, Sport treiben ist gut. Christine Rösch

Aufgrund seiner Vorgeschichte kommt Frank Kirschbaum zügig in eine Rehaklinik. "Das war aber gar nicht mein Ding. Ich konnte mit den anderen Patienten und den Therapien nichts anfangen." Dennoch brachte die Reha den Durchbruch. Nachdem er unzählige Fragebögen ausgefüllt hatte und sein Verhalten von Fachärzten unterschiedlicher Disziplinen beobachtet wurde, kam die Diagnose: eine kumulative posttraumatische Belastungsstörung, PTBS. Mit dieser Klarheit konnte Frank endlich umgehen und von zu Hause aus ganz gezielt therapeutische Maßnahmen angehen. Frank blieb noch ein ganzes Jahr krankgeschrieben, musste versuchen, gesund zu werden mit der Ungewissheit, ob sein Unternehmen ihn noch weiter beschäftigen würde und vor allem, als was. Denn im alten Beruf wird Frank nie mehr arbeiten können.

Seine Erkrankung äußerte sich auch in aggressivem Verhalten gegenüber der Familie. "Ich war ganz knapp unter der Grenze zur Gewalttätigkeit", erinnert er sich. "Mein Glück war, dass mein soziales Umfeld zu mir gehalten hat." Heute fragt er sich, was das alles wohl für Auswirkungen auf die drei Kinder, damals null, fünf und sechs Jahre alt, hatte. Auch wenn alle ihm versichern, dass nur "Hochleister" unter dieser Krankheit leiden können, hat er immer noch Mühe, sich nicht als Versager zu betrachten.

Noch einmal neu anfangen

2014 kommt die Phase der beruflichen Wiedereingliederung. "Zurück in den Betrieb kann man eigentlich nur, wenn man richtig stabil ist", merkt er. Er musste sich auf offene Stellen im Unternehmen bewerben, hatte mehrere Vorstellungsgespräche. "Es ist hart, mit Ende vierzig beruflich nochmals ganz neu anzufangen." Aber es gelingt ihm. Heute kümmert er sich im Unternehmen um das Gesundheitsmanagement und die Personalentwicklung, seit drei Jahren auf einer unbefristeten Stelle. Er wird dafür von den Kolleginnen und Kollegen geschätzt. Und er will über seine Krankheit reden. "Damit sich andere bewusst machen: Es ist eine Erkrankung, mit der man umgehen muss. Tabuisieren und ignorieren hilft zumindest den Erkrankten nicht und den Unternehmen schon gar nicht." Damit ist Frank Kirschbaum nicht alleine. Skisprunglegende Sven Hannawald ist nach massivem Burnout heute ein Botschafter: für Gesundheit.

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