Sozialcourage

Angehörigenhilfe

Ein Café neben dem Gefängnis

Café und Gefängnis - wie passt das zusammen?", fragten sich die Eheleute Ina und Klaus Trappiel, als sie zum ersten Mal von der Projektidee "Café Luise" in der Zeitung lasen. "Ein Café auf dem Außengelände der Justizvollzugsanstalt kam uns ungewöhnlich vor, aber es hatte auch etwas Reizvolles", erzählt der 77-Jährige. 2004 zogen die Eheleute von Hamburg ins Rheinland. In Siegburg wollten die Rentner ehrenamtlich aktiv werden. Die Café-Idee des SKM Rhein-Sieg weckte die Neugier der beiden. "Wir beschlossen, einfach mal zu schauen, ob das etwas für uns sein könnte", so die 74-Jährige.

Eine ältere Frau schenkt ihrem Mann eine Tasse Kaffee ein.Ina Trappiel weiß, dass eine gute Tasse Kaffee immer eine Einladung zum Gespräch ist.Julia Hitschfeld

Hier darf man sich wohlfühlen

An diesem grauen, verregneten Nachmittag kommen wenige Besucher die Stufen zum "Café Luise" hinauf. Ina Trappiel gießt ihrem Mann eine Tasse Kaffee ein, das Radio läuft leise. Die Lampen werfen warmes Licht in den Raum. Die entspannte und ruhige Atmosphäre lädt zum Verweilen und Wohlfühlen ein. Nichts hier im Café lässt darauf schließen, dass sich schräg gegenüber eine Haftanstalt befindet.

Plötzlich geht die Tür auf, eine Frau kommt herein. "Ich habe draußen die Schilder gesehen und wollte mich mal umschauen", sagt sie und setzt sich an einen Tisch. Ina Trappiel bietet ihr Kaffee und Gebäck an. Beides ist kostenfrei. Schnell kommen die Frauen ins Gespräch. Die Besucherin bestaunt die Bilder an den Wänden. "Die meisten Bilder wurden von Inhaftierten gemalt. Wir tauschen sie regelmäßig aus, damit es immer neue zu sehen gibt", erklärt Ina Trappiel. Nach ein paar Minuten verabschiedet sich die Frau wieder. Der kurze Besuch war nicht ungewöhnlich. "Wir drängen niemandem ein Gespräch auf. Wenn jemand reden und seine Seele lockern will, sind wir da", erläutert Klaus Trappiel. "Wir holen die Menschen da ab, wo sie stehen." Mit der Zeit sind viele Besucher zu "Stammkunden" geworden. Sie verbinden die Besuchszeiten in der JVA mit einem Besuch im "Café Luise". "Wir haben das Gefühl, dass die Menschen, die einmal da waren, gerne wiederkommen", sagt Ina Trappiel strahlend. Für gewöhnlich suchen an einem Nachmittag bis zu neun Besucher das Café auf.

Auf den Umgang mit Angehörigen von Inhaftierten wurden die Ehrenamtlichen vorbereitet. Neben Fortbildungen und Kursen gab es eine Führung durch die JVA, um ihnen einen Eindruck von der Haftanstalt zu vermitteln. "Wir haben uns schnell darauf geeinigt, dass das ,Café Luise‘ kein Beratungsangebot für Angehörige darstellt. Die Besucher können den Raum hier so nutzen, wie sie möchten", erklärt SKM-Projektleiterin Silke Eschweiler.

Kuchen macht manches leichter

Seit der Eröffnung des "Cafés Luise" sind vier Jahre vergangen, das Ehepaar Trappiel war von Anfang an dabei. Gemeinsam mit sechs weiteren Ehrenamtlichen und ihrer Ansprechpartnerin Silke Eschweiler richteten sie das Café ein, erstellten Schichtpläne und brachten ihre eigenen Ideen ein. "Auf meine Initiative hin ist die Spielecke für Kinder entstanden", berichtet Ina Trappiel.

Das Café betreiben die Ehrenamtlichen selbstständig: Sie sind verantwortlich für das Öffnen und Schließen des Cafés, für den Einkauf, und sie haben auch bei der Gestaltung freie Hand. Die Aufgaben und Schichten teilen sie sich untereinander auf. "Wir können uns alle aufeinander verlassen", freut sich Klaus Trappiel. Als ehemaliger Konditor versorgt er die Besucher regelmäßig mit Selbstgebackenem. Einmal im Quartal finden Teamsitzungen mit Silke Eschweiler statt, um Probleme, Organisatorisches oder Neuzugänge zu besprechen: "Ich bin immer auf der Suche nach weiteren Ehrenamtlichen, um zusätzliche Öffnungszeiten des ‚Cafés Luise‘ anzubieten."

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

Mit dem "Café Luise" wurde ein Angebot für Angehörige von Inhaftierten geschaffen, das in seiner Form landesweit einzigartig ist. Im geschützten Rahmen können die Angehörigen Wartezeiten überbrücken, sich von langen Anreisen erholen oder nach belastenden Gefängnisbesuchen durchatmen. Vorteilhaft ist, dass das Café sich außerhalb der Haftanstalt befindet, weiß Werner Kaser, Vorsitzender des Katholischen Gefängnisvereins: "Hierbei ist im Vorfeld klar, dass es sich nicht um eine Anstaltsveranstaltung handelt, denn das hält die Angehörigen oftmals ab."

Drei Frauen und ein Mann stehen auf einer Treppe vor einer Tür.Je mehr Ehrenamtliche sich finden, umso öfter kann das „Café Luise“ öffnen.Julia Hitschfeld

Regelmäßig bietet der Gefängnisseelsorger Fortbildungen für die Ehrenamtlichen an und veranstaltet "Literaturabende im Café Luise". Jeden Dienstagnachmittag widmen die Eheleute Trappiel ihre Zeit den Angehörigen der Häftlinge. "Es ist ein schönes Gefühl, etwas für die Angehörigen tun zu können, die im Schatten der ganzen Situation stehen", sagt Klaus Trappiel. Seine Frau fügt hinzu: "Wir haben in unserem Leben mit unseren Kindern sehr viel Glück gehabt. Das ist nicht selbstverständlich, und da will man der Gesellschaft auch ein Stück zurückgeben."


Infos und Kontakt

Das "Café Luise" ist ein Projekt des SKM - Katholischer Verein für soziale Dienste im Rhein-Sieg-Kreis e. V. in Kooperation mit dem Katholischen Gefängnisverein Siegburg e. V. und der Justizvollzugsanstalt Siegburg.
Die Öffnungszeiten des Cafés (Di. 14 - 19 Uhr, Do. 13 - 16 Uhr) orientieren sich an den Besuchszeiten der JVA. 
Hier können Angehörige von Inhaftierten in angenehmer Atmosphäre Wartezeiten überbrücken.

www.skm-rhein-sieg.de

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