neue caritas

Extremismus Jugendlicher

Prävention ist alles

Eine Gruppe Jugendlicher im freundschaftlichen Gespr�ch unter freiem HimmelIm Dienst des guten Zusammenlebens junger Menschen steht das Hildesheimer Präventionsprojekt "Radius" (Bild stammt nicht aus der Projektarbeit).Fotolia/Rawpixel.com

Im Büro nebenan überprüft der TÜV die Fahrtauglichkeit von Menschen. Ganz so einfach verhält es sich im Fach „Demokratie und Toleranz“ natürlich nicht. Die Service- und Beratungsstelle gegen Radikalisierung und Demokratiefeindlichkeit der Caritas Hildesheim, „Radius“, wurde im Herbst 2017 eröffnet – ein wichtiger Schritt, im Vorfeld von Radikalisierungsprozessen tätig zu werden.1 Die beiden Mitarbeitenden der Beratungsstelle organisieren Primärprävention, eine anspruchsvolle Aufgabe. Anja Hoppe, Sozialpädagogin und zuständig für Clearing und Einzelberatung, sagt schmunzelnd: „Es gibt durchaus die Vorstellung, wir würden wie Streetworker arbeiten. Radikale Islamisten jagen, stellen und bekehren, indem wir uns in der Hildesheimer Nordstadt vor den Supermarkt stellen und warten, dass einer vorbeikommt. Und dann gut zureden – fertig, geheilt.“ Natürlich verfügt „Radius“ weder über einen Demokratie-Schnelltest, noch überprüfen die Mitarbeitenden verdächtige Personen. Letzteres ist Aufgabe des Verfassungsschutzes. Primärprävention setzt auf breitgefächerte Instrumente, um die Akteure im Sozialraum zu unterstützen. Ob Eltern, Erzieher(innen), Lehrer(innen) oder ehrenamtliche Helfer(innen) in der Flüchtlingsarbeit, hängt vom Bedarf ab. „Die Caritas als Träger wurde ausgewählt, weil wir über viel Erfahrung im Bereich Gemeinwesenarbeit verfügen“, sagt Projektleiter Jörg Piprek. „Wir greifen auf ein breites Netzwerk zurück: Schulen, Kirchengemeinden, Moscheen, politische Gemeinden, Jobcenter, Verbände und Vereine, Uni, Fachhochschule, kurz, die ganze Landschaft der sozialen Arbeit.“

Ein Beispiel: An der Konzeption haben auch zwei muslimische Gemeinden mitgearbeitet. Die Grundlagenarbeit erforderte Zeit, sorgt aber dafür, dass es eine intermediäre Zusammenarbeit gibt. Fachgruppen begleiten das Projekt, der Link zur Politik und den Akteuren im Sozialraum funktioniert. Schließlich werden die Betroffenen – also Jugendliche und junge Erwachsene – beteiligt. Das Ziel ist, sie als Multiplikator(inn)en zu gewinnen.

Radikalisierung hat viele Gesichter

„Radius“ ist eine Plattform. Zunächst werden Bedarfe ermittelt. Es folgen Kursangebote und Schulungen, vor Ort oder in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren. Koordinierung von Präventionsangeboten, Multiplikatoren- Ausbildungen, Netzwerktreffen, Kennenlernen von Kooperationspartnern. Und natürlich Öffentlichkeitsarbeit: Bekanntwerden als Anlaufstelle für alle, die Rat und Hilfe suchen: wie der Lehrer, dessen Schüler(innen) auf ein jüdisches Denkmal spuckten. Wie die Sozialberaterin aus dem Arbeitskreis Alleinerziehende, die „Radius“ einer Freundin empfahl, nachdem ihr Arbeitskreis sich über die Beratungsstelle informiert hatte.

Die wichtigste Aufgabe: das ganze Bild im Auge behalten. Da ist nicht nur der Neosalafismus, sondern beachtet werden müssen auch Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Jörg Piprek verwendet das Bild von einem Mobile: „Wenn wir über religiös begründete Radikalisierung sprechen, müssen wir sehen, was sich sonst noch bewegt, wer aufspringt. Im Mobile existiert auch das Phänomen Islamfeindlichkeit. Wir reduzieren nicht auf einen Bereich. Das wäre falsch.“

Mit jungen Menschen über Werte diskutieren

Anja Hoppe: „Kein Workshop ist so effektiv, dass anschließend jeder alles verstanden hat. Unsere Aufgabe ist es, Impulse zu setzen, die Suchprozesse auslösen und Gespräche in Gang setzen. Vor allem das Gespräch der Jugendlichen untereinander.“ Diese Arbeit beginnt so weit vor der Radikalisierung wie das Erlernen der Grundrechenarten vor der Integralrechnung. „Radius“ setzt an, bevor es in eine Abwärtsspirale geht. Das Team ermöglicht Gespräche mit jungen Menschen über ihre Werte, ihre Vorstellung von Gesellschaft, ihre Wünsche, Träume, Schwierigkeiten, über Integration oder ihre Erlebnisse von Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Ziel ist es, Gesprächsforen zu gestalten, um Frust frühzeitig abzubauen. „Wir müssen Jugendliche und junge Erwachsene stärken, damit sie nicht nach Strohhalmen greifen“, sagt Piprek. „Denn im Falle eines Falles ist es egal, wer an der Ecke steht, ob ein Rechtsextremer, Linksextremer oder ein religiös begründeter Hassprediger – die Jugendlichen sind auf der Suche.“

Es geht um Zugänge zu den Zielgruppen und Ideen wie den Aufbau professioneller muslimischer Jugendarbeit, natürlich interkulturell. Oft fehlt einfach schlichte Information. Oder Initiativen und Projekte laufen nebeneinander her, ohne voneinander zu wissen. Das Projekt knüpft Fäden zusammen. Es muss nicht alles neu erfunden werden. Und natürlich ist „Radius“ Anlaufstelle im Falle X. Beispiele: Ein Jugendlicher verändert sich, betet fünfmal am Tag, lässt sich einen Bart wachsen; auch sein Freundeskreis ist völlig neu. Ein anderer kapselt sich ab, vertritt radikale Ansichten und missioniert auf dem Schulhof. Wer hilft: die Familienberatung – weil Frust in der Familie dahintersteckt? Der Religionslehrer – weil in der Schule nur platt von „dem Islam“ gesprochen und alle unter Generalverdacht gestellt werden? Die muslimische Gemeinde?

Bei „Radius“ gelten folgende Regeln:

  • Die Stelle hat einen Bildungsauftrag, keinen Sicherheitsauftrag.
  • Menschen werden nicht auf ihren Glauben reduziert. Niemand ist nur Christ oder Moslem.
  • Keine Religion ist in Stein gemeißelt. Es gibt ein breites Spektrum von Ansichten. Religionsfreiheit gehört zur Demokratie.
  • Differenzieren bereitet mehr Mühe als Schwarz-Weiß-Malen, macht die Welt aber bunter und vielfältiger. „Radius“ fördert Austausch und Begegnung, Achtung und Toleranz. Vorurteile lassen sich ablegen.
  • Das Ziel ist ein Netzwerk, durch dessen Maschen niemand hindurchfällt, weil man einander kennt und respektiert.

Kein Schnelltest, keine Schnellkorrektur. Der Blick aus dem Büro im fünften Stock geht weit über Hildesheim hinaus. „Sensibilisierung der Akteure bedeutet vor allem, sich klarzumachen, dass wir unmöglich sofort und eindeutig erkennen können, ob jemand ein Gefährder ist“, sagt Piprek. „Wir kümmern uns um eine große Landkarte.“ Zu dieser Karte gehören Schulen, Freizeiteinrichtungen und mittelfristig Kindertagesstätten.

Viel zu tun. Zu viel? „Wir gehen systematisch vor“, sagt Piprek. Eine Kampagne befindet sich in der Planung, sie wird partizipativ sein und viele Akteure ins Spiel bringen. Die Botschaft ist jedoch schon klar: „Niemand darf verloren gehen!“

Anmerkung
1. „Radius“ wird gefördert vom Landes-Demokratiezentrum Niedersachsen, von Stadt und Landkreis Hildesheim und dem Land Niedersachsen. Mehr Information: www.radius-hildesheim.de