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Jugendhilfe

Pädagogische Arbeit: ein Gewinn für junge Flüchtlinge

Zwei junge Männer unterschiedlicher Hautfarbe reichen sich freundschaftlich die HändeDie Beziehungskultur in der Einrichtung ist einer der Gelingensfaktoren, die das Evaluationsprojekt fand.fotolia/Mirko

Wie erfolgreich stationäre Jugendhilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) sein kann, haben der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen (BVkE) und das Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ)evaluiert. Damit liegen zum ersten Mal wissenschaftlich abgesicherte Aussagen zur Effektivität pädagogischer Arbeit mit diesen besonders belasteten Jugendlichen vor.

Das Vorhaben wurde seit 2014 mit
Mitteln der Glücksspirale über drei Jahre gefördert. Am Projekt beteiligten sich 36
Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen aus Deutschland und Österreich. Die Auswertung basiert auf folgenden Stichprobenumfängen:

  • 1216 Hilfen, die in der Aufnahme-Einrichtung zu Beginn der Inobhutnahme dokumentiert wurden;
  • 676 Hilfen, für die Informationen zu Beginn der Jugendhilfe vorlagen;
  • 144 Hilfen, für die Informationen bei Beendigung der Jugendhilfe existierten.

Die Jugendlichen kommen aus 45 Ländern Asiens, Afrikas und Europas, davon ein knappes Drittel (28,5 Prozent) aus Afghanistan, 15,3 Prozent aus Syrien, 10,6 Prozent aus Gambia, 10,5 Prozent aus Eritrea und neun Prozent aus Somalia. Der Anteil männlicher Jugendlicher liegt bei 96,6 Prozent. Im Durchschnitt sind die Jugendlichen 16,2 Jahre alt.

Während der Inobhutnahme und des damit verbundenen Clearings sprechen die Jugendlichen in 15,7 Prozent der Fälle nicht über belastende Erlebnisse im Heimatland. Offenbar sind die jungen Menschen noch nicht bereit, über diese traumatisierenden Erfahrungen zu berichten. Diejenigen, die dazu Angaben machen, nennen vor allem (Bürger-)Krieg, Gewalt außerhalb der Familie, Armut oder Schulden der Familie sowie Verfolgung als besonders belastende Erlebnisse in ihrer Heimat. Bedrohliche Erlebnisse während der Flucht betreffen in besonderem Maße gefährliche Bootsfahrt, Gewalt oder Verletzung, Haft, Fluchttrauma und (Bürger-)Krieg.

Die evaluierten Inobhutnahmen dauern im Durchschnitt 1,8 Monate. In über 80 Prozent der Fälle werden die Jugendlichen in diesem Zeitraum zu ärztlichen Untersuchungen und zu Ämtern begleitet sowie Dolmetscher(innen) hinzugezogen. Dies trifft nicht in gleichem Maße für das Clearing zu: Der Entwicklungs- und Bildungsstand wird zu 71,2 Prozent und eine Diagnostik des therapeutischen Hilfebedarfs sogar nur zu 27,2 Prozent abgeklärt.

Jugendliche entwickeln sich weiter

 Untergebracht sind die Jugendlichen in 75,7 Prozent der Fälle in Wohngruppen, die ausschließlich mit umF belegt werden, und in 22,1 Prozent in gemischten Wohngruppen. Bis zum Hilfeende nehmen teilbetreute und ambulante Settings (jeweils 7,1 Prozent) leicht zu. Während der im Schnitt 16 Monate dauernden Jugendhilfe gelingt es den Jugendlichen, die Kenntnisse der deutschen Sprache merklich zu steigern. Wiesen zu Beginn der Hilfe noch 30 Prozent keine Deutschkenntnisse auf, so waren es zum Hilfeende nur noch 7,9 Prozent. Der Anteil, der (sehr) gut oder fließend Deutsch spricht, erhöhte sich während der Hilfe von 13,5 Prozent auf 48,5 Prozent.

Ein ähnlich positives Bild zeigt sich auch bezüglich der Effektstärken in der pädagogischen Arbeit mit den jungen Flüchtlingen. Sie sind mit dem Dokumenta­tionsverfahren EVAS erfasst, mit dem bundesweit bislang mehr als 50.000 Erziehungshilfen evaluiert wurden. Das Ausmaß der damit bei den umF dokumentierten Effekten übertrifft sogar das Niveau, das Jugendhilfe in der Arbeit mit Jugendlichen ohne Migrationshintergrund erreicht. In besonderem Maße konnten soziale Integration, Selbstkonzept und Selbstsicherheit, sozial-kommunikative Kompetenzen, soziale Attraktivität sowie Autonomie und Selbstständigkeit gestärkt werden. Hilfen für junge Erwachsene nach § 41 SGB VIII übertreffen die beschriebenen Effektstärken nochmals erheblich.

Welche Faktoren wirken

In der Evaluation wurde auch überprüft, welche Faktoren für die oben beschriebene gute Effektivität verantwortlich sind. Folgenden Aspekten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu:

  • umfassendes Clearing vor Beginn der Jugendhilfe, das sich aus Klärung des Entwicklungsstandes und Diagnostik des therapeutischen Hilfebedarfs zusammensetzt;
  • Hilfedauer: Dauert die Hilfe mehr als ein Jahr, werden merklich positive, ab anderthalb Jahren sogar herausragende Ergebnisse erreicht;
  • aktive Kooperation der jungen Menschen im Rahmen der Hilfe; 
  • Qualität der Beziehung zwischen jungem Mensch und Fachkraft;
  • Betreuungssetting: Spezifische umF-Gruppen erreichen bessere Ergebnisse als gemischte Gruppen;
  • Aufenthaltsstatus: Die Effektstärken nehmen von "Duldung" über "Gestattung" zu "Erlaubnis" jeweils merklich zu.

Zukünftige Qualitätsentwicklungen sollten diese Aspekte besonders beachten. Die Ausgangslagen Alter, Geschlecht, Herkunft, Schulbesuch in der Heimat und Fluchtdauer weisen hingegen keinen Zusammenhang zur Effektivität auf.

Fünf zentrale Empfehlungen

Aus den vorliegenden Ergebnissen lassen sich bislang fünf zentrale Empfehlungen ableiten:

  • Ein umfassendes Clearing, das sowohl die Klärung des Entwicklungsstandes und die Diagnostik des therapeutischen Hilfebedarfs vor Beginn der Jugendhilfe berücksichtigt, ist sicherzustellen.
  • Hilfen für junge Erwachsene (§ 41 SGB VIII) sind aufgrund ihrer ausgeprägten Effektivität aufrechtzuerhalten.
  • Die Beschleunigung des Asylverfahrens und die rasche Klärung des Aufenthaltsstatus sind anzustreben.
  • Eine aktive Kooperation des jungen Menschen ist verstärkt in den Blick zu nehmen. Partizipation und Beziehungsqualität sind entscheidende Grundlagen dafür.
  • Die für den erfolgreichen Integrationsverlauf notwendige Hilfedauer ist zu gewährleisten.

Diese fachpolitisch relevanten Ergebnisse stellen den ersten Schritt des BVkE und des IKJ zur Qualifizierung der pädagogischen Arbeit mit den umF dar.

Wie geht es weiter?

Der bestehende große Datensatz wird weiteren quantitativen und qualitativen Auswertungen unterzogen. Die damit vorliegenden vertiefenden Ergebnisse und die daraus resultierenden Qualitätsentwicklungspotenziale werden am 26. September 2017 in Köln vorgestellt.1 Sie fließen in die im Herbst im Lambertus-Verlag erscheinende Abschlusspublikation ein. Diese Ergebnisse werden eine Fülle an Hinweisen liefern, wie pädagogische Konzepte optimiert werden können, und auf Organisationsentwicklungs(QE)- und Personalentwicklungs(PE)-Aufgaben aufmerksam machen. Manche davon werden direkt umsetzbar sein, andere bedürfen einer kritischen Betrachtung und Diskussion, um sie für die Praxis nutzbar zu machen.

Ein gutes Beispiel für eine solche Nutzen-Verortung sind die von BVkE geplanten FORUM:A-Veranstaltungsreihen: Im Rahmen der Qualifizierungskurse "Gute Fachlichkeit im interkulturellen Kontext" werden die pädagogischen Aufgaben aufgegriffen, in den Innovationstreffen von FORUM:A diskutieren Leitungskräfte die PE-/OE-Ebene.2

Ergänzend dazu wird die im Jahr 2014 begonnene umF-Evaluation mit interessierten Einrichtungen über die nächsten Jahre fortgeführt, um noch differenziertere Ergebnisse zur Qualitätsentwicklung in der eigenen Einrichtung und zur fachpolitischen Argumentation zu gewinnen.

Abschließend sei in diesem Zusammenhang auf das gerade beginnende Care-Leaver-Projekt des BVkE hingewiesen: Hier werden empirisch abgesicherte Erkenntnisse über die Nachhaltigkeit von stationären Erziehungshilfen und den zugrundeliegenden Einflussfaktoren erarbeitet. Dazu werden Care Leaver mit und ohne Migrationshintergrund über zwei Jahre am Projekt partizipieren und wissenschaftlich begleitet (siehe zum Thema Care Leaver auch neue caritas Heft 12/2016, S. 9). Mit den Resultaten werden die Einrichtungen in die Lage versetzt, ihre eigenen Angebote qualitativ zu überprüfen und im Sinne einer besseren Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln.

Anmerkungen

1. Anmeldung über den BVkE, E-Mail: bvke@caritas.de
2. Informationen und Anmeldung über den BVkE, siehe oben.