„Wir lassen uns nicht von der ersten Bordsteinkante abhalten“
Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen im Interview.
@ www.raul.de
Viele blicken auf Behinderungen als eine Art Mangel. Was verlieren wir dadurch?
Wir verlieren die Perspektive auf den Menschen, auf ihre Hobbys, Ziele und Träume und schließen sie aus. Auch Wohlfahrtsverbände wie die Caritas sind eher ihrer Organisationsmechanik verhaftet, als dass sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das wird schon daran sichtbar, dass in der Regel Nichtbehinderte ihre Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen leiten.
Können Sie uns vielleicht ein Beispiel geben, was damit gemeint ist?
Jeder Nichtbehinderte kann nachts um drei Uhr Spaghetti essen. Äußert man diesen Wunsch in einer Einrichtung, dann wird man als "kompliziert" bezeichnet. Ähnliches geschieht bei der Berufswahl: Wer mit 35 noch Astronaut:in werden will, der hat oft konkrete Ideen. Und wer dabei feststellt, dass das vielleicht doch nicht klappen könnte, dem empfehle ich, dem Traum so nahe wie möglich zu kommen. Im Planetarium zu arbeiten wäre schon möglich. Behinderten Menschen wird aber, um im Bild zu bleiben, schnell gesagt: Du kannst eh nicht Astronaut werden, warum wirst du nicht Bürokauffrau oder -mann? Unsere Träume werden negiert.
Sie regen an, den Begriff Behinderung nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern als eine von vielen Eigenschaften zu sehen. Ja, denn nehmen wir den ganzen Menschen wahr, dann ist Behinderung nur eine Eigenschaft von vielen. So bekommen Ziele, Charakter und Leidenschaften einen Raum.
Wo liegen die Stärken von Menschen mit Behinderungen? Davon gibt es viele. Vorweg aber: Mir geht es dabei nicht um Stärken im Sinne von Produktivität oder dass Menschen ohne Behinderung davon profitieren sollen. Stärken liegen in den Bereichen Resilienz, Kreativität und Authentizität.
Worin liegt die Fähigkeit zur Resilienz?
Vielleicht abgesehen von Geflüchteten gibt es kaum eine Gruppe in Deutschland, die auf so viele Barrieren stößt wie behinderte Menschen. Wir sind permanent gezwungen, Strategien zu entwickeln. Wir lassen uns nicht von der ersten Bordsteinkante abhalten. Durch diese Kraftanstrengung werden wir besser. Wenn Sie mal einen Kinderwagen durch eine Kommune schieben, erfahren Sie, womit wir ein Leben lang konfrontiert sind. Das macht auch stark. Denn wir müssen permanent kreativ sein.
Inwiefern?
Viele Innovationen wurden entwickelt, um Behinderungen auszugleichen. Brillen, elektrische Zahnbürsten und Hörgeräte sind so entstanden. Der Airpod ist nichts anderes als ein Hörgerät. Ohne die Forschung dafür wäre diese Technologie noch nicht so weit.
Aber?
Die Mehrheitsgesellschaft denkt Menschen mit Behinderungen als kleine Gruppe. Weswegen wir in Deutschland 43,8 Millionen Wohnungen haben, von denen aber nur knapp 1,2 Millionen barrierefrei sind. Tatsache ist, dass keine Gruppe rasanter wächst als die der behinderten Menschen. Die Babyboomer werden älter und können demnächst weniger gut laufen, hören, sehen, leben. Mit ihnen und ihren Angehörigen machen wir mindestens 30 Prozent der Bevölkerung aus. Warum bauen wir Wohnungen nicht generell barrierefrei, wenn sie der gesamten Gesellschaft guttun?
Worin liegt die Stärke von Authentizität?
Weil wir unsere vermeintlichen Unzulänglichkeiten nicht verstecken. Aus dem Offensichtlichen erwächst eine Offenheit, sich verletzlich und authentisch zu zeigen. Wenn wir ehrlich sind, haben alle Menschen Unzulänglichkeiten, die sie behindern. Viele versuchen, diese zu verstecken, aber blockieren sich damit selbst.
Was sind Ihre Stärken als Mensch?
Ich habe ein Gespür für die Stimmung im Raum. Auch weil ich auf fremde Hilfe angewiesen bin. Die Gefahr ist, dass man sich dabei verliert und es anderen recht machen will, man immer nett ist. Aber auch wir haben das Recht, mal sauer und ungerecht zu sein.
Was hat sich zum Positiven verändert?
Am 30. März 2007 hat die Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, im Kern umgesetzt ist sie heute noch nicht. Ich wurde in den 1980er-Jahren in der Schule inklusiv beschult, aber wir diskutieren heute immer noch über den Sinn inklusiver Schule, sind also keinen Schritt weitergekommen. Und wir werden in den nächsten Jahren erleben, dass die Rechte von Menschen mit Behinderungen mit dem Totschlagargument "Kosten" eingeschränkt werden. Insofern verweigere ich, darauf zu antworten.