Wie eine 83-Jährige und ein Student zur perfekten WG wurden

Ein typisches Wohngebiet aus den 70er-Jahren, am Berg, ein sagenhafter Blick auf die Stadt Ulm und das gotische Münster, Einfamilienhäuser, große Gärten. Das Viertel ist in die Jahre gekommen, seine Häuser ebenso wie seine Bewohner:innen. Nur in wenigen Einfahrten stehen Bobbycar oder Dreirad, die zeigen, dass hier Familien mit Kindern leben und ein Generationswechsel im Gange ist.
In den 70ern ist auch Ilse Runge mit ihrer Familie eingezogen. Das Haus haben sie und ihr Mann nach ihren Bedürfnissen gebaut, mit einer Einliegerwohnung im Obergeschoss. Heute ist Ilse Runge 83 Jahre alt, ihr Mann schon vor Jahren verstorben, die Kinder längst ausgezogen. Die Hanglage, das große Haus, der Garten – allein schafft sie es nicht mehr, obwohl sie immer noch Auto und E-Bike fährt.
Bisher war die Einliegerwohnung an Student:innen vermietet, so dass immer jemand im Haus und Ilse Runge nicht allein war. Zeitgleich mit dem Auszug der letzten Studentin im vergangenen Herbst wurde Ilse Runge krank. Ein längerer Krankenhausaufenthalt folgte. Danach war klar: Ganz allein geht es nicht mehr. Das Haus verlassen wollte die 83-Jährige nicht, denn vieles kann sie noch selbstständig. Sie benötigt aber Unterstützung im Alltag, beim Schleppen von Einkäufen, bei der Gartenarbeit, für kleinere Reparaturen, etwa wenn man auf eine Leiter steigen muss, um eine Glühbirne auszutauschen. Auch tat ihr das Alleinsein nicht gut.
Die Caritas macht auf "Kleinanzeigen" auf sich aufmerksam
Händeringend suchte die Familie eine Alltagshilfe: an der Uni, über Zeitungsannoncen - nichts. Auf der Plattform "Nebenan.de" hat jemand geantwortet und geschrieben: "Bei der Caritas gibt es doch dieses Wohnen für Hilfe." "Ich hätte der Frau um den Hals fallen können, denn wir waren echt verzweifelt", sagt die Tochter. "Das war genau das, was wir brauchten."
Im Februar ist Emad Abdul-Rahman in die Einliegerwohnung eingezogen. Er wurde auf "Wohnen für Hilfe" über die Plattform "Kleinanzeigen" aufmerksam, über die die Caritas Ulm-Biberach Anzeigen schaltet. Er erledigt die anstehenden Arbeiten, schaut jeden Tag nach der Seniorin. Sie verbringen viel Zeit miteinander. "Er ist mein Mann für alle Fälle", schwärmt die frischgebackene Vermieterin. Ebenso begeistert von der neuen Wohngemeinschaft ist der 28-Jährige, der 2015 aus Syrien geflohen ist, Wirtschaftsingenieurwesen studiert, sein Studium selbst finanziert und – ganz wichtig – einen Führerschein hat: "Wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Ilse hilft mir dabei, die deutsche Gesellschaft besser zu verstehen. Durch sie komme ich in Kontakt mit Nachbarn, mit Menschen aus Deutschland, mit denen ich sonst als Ausländer nie ein Wort gewechselt hätte und sie nicht mit mir."
Zusammengebracht hat die beiden das Projekt "Wohnen für Hilfe" der Caritas, das 2022 in Ulm und dem Alb-Donau-Kreis ins Leben gerufen wurde. Das Ziel: ungenutzten Wohnraum wieder zugänglich zu machen. "Es gilt bei uns die Faustregel: eine Stunde Hilfe für einen Quadratmeter Wohnfläche. Die Mieter:innen zahlen die Nebenkosten (Strom, Heizung, Müll), denn für den Vermieter sollen ja keine Mehrkosten entstehen, während die Miete durch die Arbeit abgegolten ist", erklärt Magdalena Tewes von der Caritas Ulm-Biberach. "Professionelle Pflegeleistungen und medizinische Betreuung sind in unserem Mietvertrag explizit ausgeschlossen."
Bevor jemand eine solche Partnerschaft eingeht, sind sorgfältige Absprachen und eine gute Beratung hilfreich. Denn nicht alle Menschen passen zueinander. Gegenseitige Sympathie ist wichtig. Man sollte ein solches Konzept nur dann wählen, wenn man den Eindruck hat, dass es zwischenmenschlich funktioniert.
Erst probewohnen
"Gesucht habe ich eine Frau, die bei mir einzieht", erzählt Ilse Runge. Die Caritas hat ihr zunächst eine junge Frau vorgestellt. "Mein Bauchgefühl sagte mir aber, ich sollte sie auch mit Emad Abdul-Rahman bekanntmachen", sagt Magdalena Tewes. "Mit der Frau hat es überhaupt nicht gematcht, wie man heute sagt, mit Emad sofort", berichtet die Rentnerin. Um herauszufinden, ob ihre Vorstellungen und Wünsche zueinanderpassen, vereinbarten sie einen Tag Probewohnen. Erst dann haben sie sich füreinander entschieden.
Der 28-Jährige fühlt sich sehr wohl in seiner Einliegerwohnung, ebenso Ilse Runge mit ihrem neuen Mitbewohner. Jeder hat seinen Bereich, in dem er schalten und walten kann, aber sie sind eine Hausgemeinschaft, die aufeinander achtet. "Ich könnte mir nie vorstellen, allein zu leben. In Syrien lebte ich in meiner Familie. Man hilft sich gegenseitig. Das wollte ich auch in Deutschland", sagt der junge Syrer. Das sei sein Antrieb gewesen, neben der Tatsache, eine günstige Wohnung in Ulm zu bekommen. Wie sozial, hilfsbereit und sensibel der junge Mann ist und darüber hinaus handwerklich begabt – davon ist Ilse Runge begeistert. Sie mögen sich, das wird im Miteinander der beiden klar. Sie scherzen, lachen, sind einander zugewandt. "Toll finde ich an Ilse, dass sie so weltoffen ist. Sie ist viel offener als ich, obwohl ich derjenige bin, der nicht in seinem Heimatland lebt. Sie ist so viel gereist. Sie beschäftigt sich mit anderen Religionen und Kulturen. Wir sprechen über Fastenzeit und Ramadan oder wir schauen ihre Fotoalben an. Dann verstehe ich sie besser."
"Wir erleben häufig, dass die Wertschätzung gegenüber älteren Menschen in der deutschen Gesellschaft verloren gegangen ist. Menschen mit Migrationshintergrund sind oft viel zugewandter und liebevoller", weiß Magdalena Tewes aus Erfahrung. Wenn jemand nur billigen Wohnraum sucht, dann funktioniert eine solche Wohnpartnerschaft nicht. Diesen Bewerber:innen müsse sie abraten, denn eine soziale Ader sollte man schon mitbringen und die Alltagshilfe gerne erbringen.
Anfangs musste sich das Ulmer Duo aufeinander einstellen. "Ich war zunächst unsicher: Wie oft soll ich bei Ilse vorbeischauen? Wann ist es zu wenig, wann ist es zu viel? Wofür braucht sie überhaupt meine Hilfe?", berichtet Emad Abdul-Rahman. Für die 83-Jährige ist es bis heute schwer, Hilfe anzunehmen und zu sagen, was sie braucht. Gespräche auch mit der Familie schaffen Klarheit, und Routinen tun das Ihre.
Rechtliche Aspekte
Bei "Wohnen für Hilfe" gelten im Kern Miet-, Arbeits- und Steuerrecht. Die Vereinbarung sollte schriftlich festgehalten werden: Umfang und Art der Hilfe, Probezeit, Kündigungsfristen. Auch sollte der Vertrag die Höhe der reduzierten Miete sowie die dafür zu leistende Hilfe pro Monat festlegen, die Nebenkosten regeln sowie Haftungsfragen enthalten. So kann Streit vermieden werden. Dabei berät die Caritas.
"Wohnen für Hilfe" gibt es mittlerweile in mehreren Städten mit unterschiedlichen Trägern. In Ulm und im Alb-Donau-Kreis ist es die Caritas. Jeden Monat gehen hier zwei bis drei Anfragen ein. Dass der Bedarf da ist, sieht auch Ilse Runge, wenn sie aus dem Fenster schaut: "Hier in der Nachbarschaft gibt es einige Kandidaten, die eine solche Unterstützung bräuchten."
Wohnrauminitiative in Stuttgart: Geben Sie Menschen ein Zuhause
Angemessenen Wohnraum zu haben, gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen und aktuell zu den großen Herausforderungen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Neben dem Projekt "Wohnen für Hilfe" hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart auch die Aktion "Türöffner" ins Leben gerufen. Die Caritas akquiriert im Netzwerk und in Kooperation mit anderen kirchlichen und regionalen Partnern leerstehenden Wohnraum für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Ziel: langfristige Mietverhältnisse zu schaffen. Die Caritas bietet potenziellen Vermieter:innen unterschiedliche Unterstützungsmöglichkeiten an und begleitet das Mietverhältnis auch sozialpädagogisch.
Aktion #besserwohnen: ARD zeigt Wohnungsnot
In Kooperation mit der ARD hat der Deutsche Caritasverband die Aktion #besserwohnen in den vergangenen Monaten unterstützt und begleitet. Die Erfahrungsberichte von Mieter:innen aus dem ganzen Land zeigen ein breites Spektrum von kreativen und innovativen Wohnkonzepten und pragmatischen Alltagslösungen bis hin zu Sorgen und Problemen rund um das Thema Wohnen. Vieles ist weiter abrufbar unter: ardmediathek.de/besserwohnen