Wie Wohnungslose neue Hoffnung und ein Zuhause finden
Der moderne Bau mit 16 sozial geförderten Apartments bietet Wohnraum für Menschen, die sonst auf der Straße leben.@ Martina Schäfer
Zwischen Supermarkt und Sprachenschule zentral gelegen, erhebt sich weithin sichtbar der zweistöckige Bau am Ende der kleinen Kapellenstraße in Paderborn. Das rote SKM-Logo prangt unübersehbar auf der weiß-grau getünchten Fassade des Neubaus, der mit seinen verzinkten Geländern und Aufgängen modern und großzügig wirkt. Dieses Gebäude ist viel mehr als ein Wohnort: Denn für 16 Menschen bedeutet das Franziskushaus einen Ort der Hoffnung und eine echte Chance, wieder zurück ins Leben zu finden.
Elf Männer und vier Frauen nutzen dort zurzeit die Möglichkeit, selbstbestimmt und selbstverantwortlich in einem der neu gestalteten, barrierefreien Zweiraumapartments zu wohnen. Dazu zählen jüngere wie ältere Menschen, die unter sozialen Problemen leiden, auch schon auf der Straße gelebt haben und nach wie vor akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind.
Bild der Wohnungslosen von Wirklichkeit überholt
Wohnungslose? Das übliche Bild der verwahrlost wirkenden Männer, die in der Fußgängerzone mit Bier und Schnaps sitzen und mit ihren Habseligkeiten in irgendwelchen Ecken übernachten, wird längst von der Realität überholt. Denn Wohnungslosigkeit kann jeden und jede treffen. "Wir betreuen Akademiker, Unternehmer, Rentner und Angestellte. Menschen aus allen Schichten können heute von Wohnungslosigkeit betroffen sein", betont Joachim Veenhof, Diplom-Sozialarbeiter und Geschäftsführer des SKM – Katholischer Verein für Soziale Dienste in Paderborn. Allein in Paderborn wurden im Jahr 2024 mehr als 2000 wohnungslose Menschen erfasst, in ganz NRW zählte man 122.170 Betroffene. Dunkelziffer unbekannt, Tendenz allerdings weiter steigend.
Mangel an Orientierung und Sicherheit
Die Schicksale der Menschen sind zwar individuell, ähneln sich jedoch oft: abgebrochene Berufsausbildung, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, zerbrochene Beziehungen, kein Kontakt mehr zu den Kindern. Drogen und Alkohol als scheinbare "Helfer in der Not". Doch die Spirale dreht sich immer weiter: Die Menschen kämpfen mit psychischen und physischen Problemen, Einsamkeit, spüren den Mangel an Orientierung und emotionaler Sicherheit.
Gelebtes Christentum
Auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt in Paderborn sind dann die Chancen, eine passende Unterkunft zu finden, "mehr als gering", so Joachim Veenhof und ergänzt: "Dennoch haben diese Menschen einen Anspruch auf Hilfe in ihrer Not, und wir sind in der Pflicht, uns zu kümmern."
Mit seinem kleinen Team von 32 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kämpft Veenhof jeden Tag darum, hilfesuchende Menschen in Paderborn aus "dem Sog der Straße herauszubekommen", damit sie wieder Boden unter den Füßen finden. "Das ist für mich gelebtes Christentum." Natürlich könne man nicht jede oder jeden retten, aber: "Wir sollten den Menschen eine Atempause gönnen, die es ihnen ermöglicht, die Hilfsleiter ein bisschen höher zu erklimmen", sagt Veenhof und beklagt die zunehmende soziale Kälte in der heutigen Gesellschaft.
Keine leichte Aufgabe, da gegenzusteuern, und deshalb ist die Bedeutung des Franziskushauses so hoch, das vor knapp einem Jahr feierlich eingeweiht wurde. Denn in den 16 modern und mit stabilen Materialien ausgestatteten Wohnungen finden Menschen mit sozialen Schwierigkeiten nicht nur ein würdevolles Zuhause, sondern eine wirkliche Perspektive.
Schöne Wohnungen, kurze Wege
Wie für Franz Schützeichel, der sich bereits seit Jahrzehnten in der Betreuung des SKM befindet. "Die Wohnungen sind einfach super", freut sich der 63-Jährige, der in seinem Schlafbereich mit Balkon einen weiten Blick ins Grüne hat. Für ihn ganz besonders: "Ich kann alleinverantwortlich leben und meinen Tag ganz ohne Druck und Angst gestalten."
So manchen Tag kauft Franz Schützeichel selbst ein und kocht für sich etwas Leckeres. Und andere Tage wiederum nutzt der 63-Jährige das Mittagessen in der Tagesstätte gegenüber und kann sich dort mit anderen Hilfesuchenden austauschen. "Das sind ja kurze Wege, und wenn ich etwas brauche, finde ich gleich jemanden, der mir hilft."
Niederschwelliges Hilfeangebot
Denn neben der Tagesstätte befinden sich noch die Wohngruppen im Paul- Asmuth-Haus, ambulant betreutes Wohnen sowie die Fachberatungsstelle mit entsprechenden Alltagshilfen direkt auf dem Gelände. "Genau das ist unser großer Vorteil, denn wir haben ein differenziertes und niederschwelliges Hilfeangebot", sagt Joachim Veenhof. Medizinische Probleme behandeln die Malteser gemeinsam mit den Medizinern von Sento – medizinische Sprechstunde für Obdachlose einmal wöchentlich – bei Menschen ohne Krankenversicherung.
Ein weiterer Ort der Hoffnung ist das Sozialkaufhaus, welches im Erdgeschoss des Franziskushauses angesiedelt ist. Von der Teetasse über Schuhe bis hin zu Elektrogeräten können Menschen mit geringem Einkommen für wenige Euros Notwendiges erwerben. Und: Dort finden Menschen, die lange arbeitslos sind, eine sinnvolle Aufgabe.
Im Sozialkaufhaus können Menschen mit geringem Einkommen für wenige Euros Notwendiges erwerben. @ Martina Schäfer
Der ehemalige Wohnungslose Nico Brockmann (28) arbeitet dort, sortiert, bereitet auf und verkauft die Sachspenden. "Ich kann mich hier ausprobieren und lerne, meinen Alltag zu strukturieren", freut sich der junge Mann, der einst mit Drogenproblemen zu kämpfen hatte. Er lebt in einer kleinen Wohnung im Paul-Asmuth-Haus. Er sieht sich "auf einem guten Weg, eine Berufsausbildung zu beginnen und ins normale Leben zurückzukehren".
Nach wie vor beäugen Nachbarn die Projekte auf dem Gelände kritisch. Joachim Veenhof hat dafür Verständnis, weiß er doch, dass der SKM eine schwierige Klientel betreut: "Einige Menschen, die bei uns in die Beratungsstelle kommen, fallen durch lautes und aggressives Verhalten auf", weiß er. Was allerdings das Franziskushaus angeht, "nehmen wir nur wohnfähige Menschen auf, die keinen Ärger machen". Veenhof und sein Team arbeiten gemeinsam mit Behörden und Nachbarn daran, die Lage an der Straße zu deeskalieren und zu bewirken, dass "wir gemeinsam einen guten Lebensraum in der Kapellenstraße gestalten".
Steckbrief Franziskushaus
Das Franziskushaus, im Juli 2025 feierlich eröffnet, bietet 16 barrierefreie, sozial geförderte Zweizimmerwohnungen. Bauherr des rund 3,5 Millionen Euro umfassenden Projekts war der Diözesan-Caritasverband Paderborn, Betreiber des Hauses ist der SKM – Katholischer Verein für soziale Dienste. Auf dem Gelände befinden sich auch ein Sozialkaufhaus, eine Tagesstätte mit Beratungsmöglichkeiten sowie eine Kreativwerkstatt und das Paul-Asmuth-Haus, das bereits seit mehr als 30 Jahren Wohnungslosen eine Unterkunft bietet. Für zeitweilige Unterkunft stehen vier Wohnboxen zur Verfügung.
Weitere Infos unter: www.skm-paderborn.de