Graue Wohnungsnot: Eine stille, aber wachsende Krise
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Stefanie Otten, Sozialpädagogin in der Wohnungsnotfallhilfe des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Ibbenbüren kennt aus ihrer Beratungsarbeit solche Fälle. Beispielsweise ein Ehepaar Mitte 70. Beide haben nur eine kleine Rente, obwohl sie ein Leben lang gearbeitet haben, sie im Einzelhandel, er als Angestellter.
Sie kamen in die Beratung beim SkF, da beim Energieversorger hohe Schulden aufgelaufen waren, weil das Geld für die Nebenkosten einfach nicht da war. Stefanie Otten konnte eine Lösung für die Schulden finden und das Ehepaar erhält nun Grundsicherung im Alter. Die Finanzen bleiben prekär.
"Zwar bewohnen sie eine vergleichsweise günstige Wohnung mit einer Miete von 600 Euro. Diese ist aber um 25 Quadratmeter zu groß, denn bei der Grundsicherung wird nach den Quadratmetern geschaut", sagt Stefanie Otten. Das Ehepaar kam in ein sogenanntes Kostensenkungsverfahren und wurde vom Sozialamt aufgefordert, innerhalb von zwölf Monaten umzuziehen.
Eine kleinere, günstigere Wohnung wird es aber für diese beiden nicht geben. "Unsere Erfahrung zeigt", so Otten weiter, "dass unsere Klientel mit kleinem Geldbeutel oder Wohnberechtigungsschein bei privaten Bauträgern, die neue, barrierefreie, kleinere Wohnungen auf den Markt bringen, gar nicht zum Zuge kommen. Barrierefreie Wohnungen sind einfach heiß umkämpft." Insgesamt sei Wohnungsnot auch auf dem Land angekommen, bestätigt ihre Kollegin Stefanie Weßels, Sozialarbeiterin in der Allgemeinen Sozialberatung des SkF Ibbenbüren. Im Kreis Steinfurt, zu dem Ibbenbüren gehört, fehlten 1900 Wohnungen. Die Region sei ländlich und vom Bergbau geprägt. Die meisten Menschen lebten in Einfamilienhäusern. Der Aus- oder Umbau von barrierefreien Wohnungen brauche Zeit und Investitionen.
Es gibt keine Alternativen
Wenn in Deutschland über Wohnungsnot gesprochen wird, denken viele an steigende Mieten, an hundert Bewerber:innen auf ein Wohnungsangebot in einer Großstadt oder an Obdachlosigkeit von Menschen bis zum mittleren Alter. Kaum im Blick ist die sogenannte "graue Wohnungsnot" – die Wohnungsnot im Alter: eine stille, aber wachsende Krise.
2023 hat das Pestel-Institut im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel eine Studie erstellt. Nach dieser ist zu befürchten, dass sich künftig zwei Drittel der Senior:innen, die in einer Mietwohnung leben, bei steigenden Wohnkosten
einschränken müssen, weil die Rente nicht mehr ausreicht. Es gibt aber keine Alternative zur derzeit bewohnten, oft viel zu großen Wohnung. Deutlich mehr ältere Menschen als heute würden auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Auch sei ein dramatischer Anstieg der Alters-Obdachlosigkeit zu erwarten.
Die Wohnberatung der Caritas in Biberach hilft Senior:innen
Dass Wohnen zunehmend zur Armutsfalle wird, beobachtet auch Stefanie Otten seit einiger Zeit vermehrt. Vor allem Frauen seien betroffen. Wenn eine Frau vor 20 Jahren geschieden wurde und dann beispielsweise im Handwerk gearbeitet habe, oft nur halbtags, bekomme sie fast keine Rente. "Armut ist alt und weiblich", stellt sie fest. Die graue Wohnungsnot ist also mehr als ein bauliches Problem. Sie kann Furcht vor dem sozialen Abstieg, Isolation oder die tägliche Angst vor einem Sturz auf der Treppe bedeuten. Wer seine Wohnung nicht mehr verlassen kann, verliert nicht nur Lebensqualität, sondern auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Eine nicht altersgerechte Wohnung kann zur Falle werden, Tag für Tag, 24 Stunden.
Damit dies nicht passiert, gibt es in vielen Städten und Gemeinden Wohnberatung für Senior:innen, so wie bei der Caritas in Biberach. "Unsere Aufgabe ist es, einerseits zu beraten, welche Möglichkeiten es gibt, eine Bestandswohnung auch mit kleinem Budget barrierearm zu machen, und andererseits vor Ort zu schauen, wie sich das umsetzen lässt", sagt Andrea Müller, Koordinatorin Wohnen und Technik, Basisversorgung/Hilfen im Alter bei der Caritas Ulm-Biberach.
Viele wollen gar nicht umziehen

"Unsere Erfahrung ist nämlich die, dass die Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben und gar nicht in eine andere Wohnung umziehen wollen. Und jede:r hat andere Wünsche und Voraussetzungen." Individuelle Lösungen müssten da gefunden werden. Statt für alle neu zu bauen, macht es ihrer Meinung nach mehr Sinn, den Wohnungsbestand zu ertüchtigen. Da gäbe es viele Möglichkeiten, wie die WC-Tür auszuhängen, damit der Rollator mit aufs Örtchen genommen werden könne, sich einen Saug-Wisch-Roboter oder ein Dusch-Wasch-WC anzuschaffen.
Digitale und technische Hilfen
Für die Boomer-Generation, für die das Problem erst in zehn bis 20 Jahren akut werde, hat sie die Hoffnung, dass es mehr digitale und bessere technische Hilfsmittel geben werde, und dass diese Generation auch damit umgehen könne – Stichwort Smarthome, Robotik.
Wichtig sei, so früh wie möglich darüber nachzudenken, wie man im Alter wohnen wolle und wie das realisiert werden könne. Die Gesellschaft wird älter Eine Gesellschaft, die älter wird, braucht Wohnungen, in denen Menschen möglichst lange in Würde leben können, unabhängig vom Geldbeutel. Dies ist auch angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege geboten. Politik, Wohnungswirtschaft, Sozialverbände und Pflegeeinrichtungen sollten diese unsichtbare Krise ernst nehmen und eng zusammenarbeiten. Helfen könnten ein wirkliches Alterswohnprogramm, mehr Investitionen in barrierearme, bezahlbare Wohnungen und mehr Förderung von barrierefreien Umbauten sowie Quartierskonzepte, die medizinische Versorgung und Nachbarschaftshilfe verbinden.
Wer wohnt wie?
86 % werden zu Hause gepflegt, doch 78 Prozent von ihnen ohne seniorengerechte Wohnung.