Vom Gotteshaus zum Zuhause
Wo einst der Altar sein Zuhause hatte, ist frisches Gras eingesät. Das Kirchendach ist weg. Nur freier Himmel. Und vom Kirchturm hat der Wetterhahn jetzt freie Sicht nach unten. Ein geschützter Innenhof ist entstanden. Über ihn kommt Tageslicht in das Wohnhaus, das in der anderen Hälfte des einstigen runden Kirchenbaus aus der Nachkriegszeit errichtet wurde. Seit Februar dieses Jahres ist es das Zuhause von 15 ehemals obdachlosen Menschen.
"Das Leben auf der Straße ist stressig, gefährlich und laut", sagt Einrichtungsleiter Laurent Teubl. "Die Menschen, die nun hier wohnen, suchen Ruhe. Weil die meisten schon viele Beziehungsbrüche erlebt haben, trauen sie den Menschen nicht mehr, ziehen sich lieber zurück." Der ehemalige Kirchenbau ist ideal. Er bietet genau das, was diese Menschen benötigen, Schutzraum und Ruheort, von außen nicht einsehbar. "Unser Konzept ist kein Wohnen auf Zeit. Die Menschen, die hier eingezogen sind, sollen ein festes, eigenes Zuhause bekommen", erklärt Teubl. "Aber wie eigenständiges Wohnen geht, müssten viele erst lernen – nach ihrer Zeit auf der Straße ebenso wie andere Alltagskompetenzen: einkaufen, Wäschepflege, mit dem eigenen Geld auskommen oder kochen." Dabei unterstützen er und sein Team. "Wir sind tagsüber Ansprechpartner für die Bewohner:innen. Auch begleiten wir zu Arztbesuchen, helfen bei Amtsgeschäften.
Einrichtungsleiter Laurent Teubl im Gespräch mit einem neuen „Kirchenbewohner“.@ Caritasverband Leverkusen/Gundula Uflacker
Vom Dacheinsturz zum Wohnprojekt
Ein gewisses Maß an Selbstständigkeit ist aber vorausgesetzt. Denn jeder muss sich selbst versorgen und nachts sind die Bewohner:innen auf sich gestellt. Das müssen sie hinbekommen", berichtet Stefanie Strieder. Sie leitet den Fachdienst soziale und berufliche Integration beim Caritasverband Leverkusen.
Die denkmalgeschützte Kirche St. Thomas Morus in Leverkusen Schlebusch ist nicht zu übersehen. Sie prägt mit ihrer typischen Architektur das Bild des Stadtteils. Der mächtige Klinkerbau, 1961 eingeweiht, war mehr als ein halbes Jahrhundert lang Zentrum der Kirchengemeinde, in dem Gottesdienste, Taufen und Trauungen gefeiert, bei Beerdigungen auch Schmerz erlebt wurde. Die Wende kam 2016. Die Dachkonstruktion brach. Die Kirche drohte einzustürzen. Sie wurde gesperrt. Seither fanden keine Gottesdienste mehr statt. Das Erzbistum Köln entschied, keine Kirchensteuermittel für die Renovierung zur Verfügung zu stellen, löste die Pfarrgemeinde St. Thomas Morus auf und ordnete sie der nahen Gemeinde St. Andreas zu. Reliquien, Altar und Glocken wurden entfernt. Das Gotteshaus wurde 2022 per Dekret von Kardinal Rainer Maria Woelki profaniert. Schon früh hatten sich die Verantwortlichen Gedanken über die Zukunft des Gebäudes gemacht und das Gespräch mit der Caritas Leverkusen gesucht. Schließlich einigte man sich auf eine neue Nutzung als soziale Wohneinrichtung und übertrug das Areal in einem Erbbaurechtsvertrag an den Caritasverband Leverkusen.
Eingebunden ins Quartier
Nach vier Jahren Bauzeit – immer in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz – hat das Gotteshaus Anfang des Jahres eine neue Bestimmung gefunden, die nicht nur baulich zeigt: Caritas ist Kirche und Kirche ist Caritas. Entstanden sind im alten Gotteshaus drei separate Wohngruppen für ehemals wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen mit jeweils sechs Zimmern und gemeinsamem Essbereich. Es gibt drei barrierefreie Zimmer. Der Pfarrsaal wurde zum Quartierstreff und Raum der Begegnung umgestaltet. Er kann künftig von Gruppen aus dem Stadtteil für Feste oder andere Events gebucht werden. So profitiert auch die Nachbarschaft. Aus dieser waren während der Planung kritische Stimmen zu hören gewesen, Bedenken, ob im Herbst auch das Laub ordentlich gekehrt würde, wenn ehemals obdachlose Menschen hier einzögen.
"Nachdem der Bau fertig war, haben wir die Menschen aus dem Quartier eingeladen, vorbeizuschauen. Sie konnten sehen, was aus ihrer Kirche geworden ist, mit der sie sich jahrzehntelang identifizierten, und was hinter dem jetzigen Konzept steckt. Daraufhin haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten", berichtet Gundula Uflacker, Pressereferentin beim Caritasverband Leverkusen.
Alt findet neu

Alles ist neu. Es riecht nach Farbe. Umzugskartons in den Gängen. Außenanlage im Werden, Beete für Gartenprojekt angedeutet. In der Klinkerwand im Eingangsbereich (jetzt Treppenhaus, einst Kircheneingang) ist der Originalbeichtstuhl belassen. "Hier finden unsere Beratungsgespräche statt", scherzt Einrichtungsleiter Teubl, und auch bei den Bewohner:innen ist dieser Gag ein Dauerbrenner. Im Treppenaufgang schaut ein grünes Auge aus Glas den Kommenden und Gehenden beim Auf- und Abstieg zu. Es ist eines der zahlreichen original bunten Kirchenfenster, die wie die Klinkermauer belassen wurden. Wie gut man die neue Architektur in die alte integriert hat, fasst Laurent Teubl so zusammen: "Alles, was weiß ist, ist neu und alles, was braun oder bunt ist, ist alt." Dass eine denkmalschutzkonforme Umgestaltung einer Kirche kein Schnäppchen ist, war klar. Die Gesamtkosten für den Umbau belaufen sich auf rund 5,2 Millionen Euro. Sie wurden aus unterschiedlichen Quellen finanziert: durch Wohnungsbauförderung, Stiftung Wohlfahrtspflege, Aktion Mensch, Meister-Gerhard-Werk, Caritas-Fonds, Stiftungsfonds Köln, Hofmann Stiftung, eine Erbschaft sowie Eigenmittel. Dennoch ist Stadt-Caritasdirektor Carsten Wellbrock mit diesem Leuchtturmprojekt mehr als zufrieden: "Dass wir mit dem Umbau die Situation für wohnungslose Menschen verbessern können, ist und war immer unser Antrieb. Dass der Umbau darüber hinaus architektonisch so gelungen ist, macht uns zusätzlich stolz." Heute steht das Gebäude zugleich für einen neuen Umgang mit Verantwortung: für den Erhalt historischer Bausubstanz, für nachhaltige Stadtentwicklung und vor allem für soziale Teilhabe.