„Ich bin eine große Freundin des Wiener Modells“
Kerstin Matej leitet das Caritas-Projekt „Mobil betreutes Wohnen – Housing First“. @ privat
In Deutschland verweisen Kritiker der Wohnraummisere gerne auf das Wiener Modell. Wie sehen Sie das?
Ich bin eine große Freundin des Modells, weil mehr als 60 Prozent der Bewohner:innen von vergleichsweise moderaten Mieten profitieren bei gleichzeitig langfristiger Wohnsicherheit.
Was heißt moderat?
Während Mieter:innen in privaten Mietobjekten 19 bis 21 Euro pro Quadratmeter bezahlen müssen, zahlen sie in geförderten Wohnungen durchschnittlich elf Euro.
Vom Wiener Modell profitieren auch Menschen mit hohem Einkommen. Das kritisieren einige – Sie auch?
Nein. Ich halte das für eine der Stärken. Dadurch leben in den Stadtteilen alle Schichten zusammen. Jede und jeder kennt in Wien Menschen, die in einer geförderten Wohnung, leben. Niemand wertet das ab. Diese Durchmischung fördert den sozialen Zusammenhalt –und sorgt dafür, dass Vorurteile abgebaut werden.
Das kostet die Stadt Wien aber einige Hundert Millionen Euro pro Jahr. Sind diese Ausgaben gerechtfertigt?
Ja, denn die Kosten-Nutzen-Rechnung ist positiv. Wien ist eine lebenswerte Großstadt im Herzen Europas ohne Ghettoisierung und Stigmatisierung.
Worauf basiert das Wiener Modell?
Zentrale Pfeiler sind der große Bestand an Gemeindewohnungen in städtischer Hand sowie eine hohe Zahl an Genossenschaftswohnungen. Vulnerable Gruppen erhalten über die Soziale Wohnungsvergabe Zugang zu leistbarem Wohnraum. Die Vergabe der Wohnungen ist klar über das Wiener Wohnticket geregelt, auch hier werden soziale Notlagen berücksichtigt. Das Modell hat sich über 100 Jahre hinweg entwickelt und bewährt. Es gehört zur Wiener DNA.
Profitieren alle Bewohner:innen Wiens davon?
Nein. Wohnberechtigt sind nur Menschen, die mindestens zwei Jahre in der Stadt leben und über einen dauerhaften Aufenthaltsstatus verfügen. Wer also neu nach Wien zieht oder hier als Geflüchtete:r eine Wohnung sucht, ist auf den teuren privaten Markt angewiesen.
Auf welche Menschen zielt Ihr Projekt "Mobil betreutes Wohnen –Housing First"?
Wir unterstützen wohnungslose Menschen, die aus Angeboten der Wiener Wohnungslosenhilfe in eine eigene Wohnung ziehen möchten, begleiten sie beim Übergang und unterstützen sie bei Krisen. Auch junge Menschen fördern wir, weil sie überproportional von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Viele haben einen Teil ihrer Jugend in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder in Pflegefamilien verbracht. Mit der Volljährigkeit endet meist diese Förderung und sie müssen von heute auf morgen ohne familiären Rückhalt Ausbildung, Miete, Alltag organisieren. Wir halten dieses abrupte Förderende mit 18 für verfrüht.
Wie kümmern Sie sich um Geflüchtete?
Auch sie leben aufgrund der hohen Mieten häufig prekär. In unserem Programm "Startwohnungen für Migrant*innen" können Geflüchtete und Menschen mit Migrationsbiografie bis zu drei Jahre lang in rund 130 dafür zur Verfügung stehenden Wohnungen leben. Die Miete ist moderat und Sozialarbeiter:innen unterstützen sie. Beides ermöglicht ihnen, die Sprache zu lernen, den Aufenthaltstitel zu organisieren, einen Job zu suchen und in Wien anzukommen.
Wie schauen Sie in die Zukunft?
Die sozioökonomischen Bedingungen verschlechtern sich. Die Energie- und Nebenkosten steigen. Damit kämpfen nicht nur Geringverdienende. Bei der Wiener Mindestsicherung gibt es starke Einschnitte. Im Vergleich zu deutschen Großstädten sind wir aber in einer privilegierten Position auch dank des Wiener Modells.