Überleben im Schatten von Boko Haram
6.30 Uhr – die Sonne versteckt sich, in der Luft liegt eine riesige staubige Decke – mich schaudert es. Der Blick aufs Handy zeigt 23 Grad Lufttemperatur. Harmattan!
Der gefürchtete Harmattan ist ein trockener, staubiger Nordostwind aus der Sahara, der von November bis März über den Norden Kameruns hinwegfegt. Er bringt eine gnadenlose Trockenheit mit sich. Schwierig auch für die Landwirtschaft: Felder verdorren, Vieh magert ab, was Hungersnöte begünstigt. Der Wind hemmt Photosynthese und macht Bewässerung fast unmöglich, ein Schlag für die ohnehin prekären Existenzen der Sahelbauern.
Es geht früh los: Kurz nach 7 Uhr werden wir von Edouard Kaldapa, dem Caritasdirektor von Maroua, und Moussa Madou, dem Fahrer der Caritas, abgeholt. Unser Ziel ist Zamay, eine kleine Stadt, nur rund 40 km Luftlinie von der Grenze zu Nigeria entfernt.
Warten auf Lebensmittel
Als wir in Zamay ankommen, warten auf dem Gelände einer katholischen Pfarrei an diesem Februarmorgen rund hundert Personen im Schatten der Neem-Bäume. Meist Frauen, einige wenige Männer. In Sichtweite vor ihnen: 50-Kilogramm-Säcke, prall gefüllt mit Hirse, dazu Öl, Salz, Zucker. Die Familien, die dieses Mal Lebensmittel bekommen, leben unter schwierigsten Bedingungen im nahe gelegenen Flüchtlings-Camp. Eine Mitarbeiterin der Caritas ruft die Namen auf. Die Menschen unterschreiben, dass sie die Lebensmittel erhalten haben.
In der Schlange steht Damtsai Dara. Die 60-Jährige stammt aus dem Dorf Ldoubam, 90 Kilometer von Zamay entfernt. Boko Haram hatte die umliegenden Dörfer immer wieder nachts angegriffen – und dann kam die Nacht, in der sie ihr eigenes Dorf überfielen. Ihren Mann nahmen sie mit. Sie floh in der Dunkelheit, ohne irgendetwas mitzunehmen. Heute lebt sie in einem kleinen Zelt, notdürftig zusammengehalten mit Stöcken und Schnüren. Zum Wasserholen läuft sie dreißig Minuten. Ihre einzige Einnahmequelle: das Sammeln von Kuhdung, den sie für wenige Centime an die Kleinbauern verkauft. Damtsai Dara deutet auf den großen Sack: "Heute bin ich glücklich – für die nächsten vier Wochen haben wir genug zu essen."
„Heute bin ich glücklich – für die nächsten vier Wochen haben wir genug zu essen.“ Damtsai Dara, 60 Jahre, im Flüchtlingscamp in Zamay.@ Caritas international/Sebastian Haury
Mein Blick fällt auf Teberem Tweteya: Die junge Frau trägt ihr Baby auf dem Rücken. Sie ist 26 Jahre alt, hochschwanger, als sie mit ihrem kranken Mann und drei kleinen Kindern zu Fuß aus dem Dorf Magumaz flieht, rund 60 Kilometer von Zamay entfernt. Zu Fuß waren sie drei Tage unterwegs, nur in den frühen Morgen- und späten Nachmittagsstunden. In der Nacht verstecken sie sich. Wenige Tage nach der Ankunft in Zamay bringt sie ihr viertes Kind zur Welt, nur eine Frau aus dem Dorf steht ihr zur Seite. Ihr Mann kann nicht helfen, er ist zu krank.
Im Kampf gegen Zwangsheirat
Einige wenige Kilometer weiter ein besonderes Wiedersehen: Vor vier Jahren haben wir Yamagui kennengelernt – damals zwölf Jahre alt. Sie besuchte eine der über 30 Schulen, die die Caritas Maroua gebaut hat – finanziert von Spender:innen aus Deutschland. Yamagui hatte damals einen Platz bekommen. Jetzt ist sie 16, besucht die weiterführende Schule und lebt bei ihrer Großmutter.
Der Schuldirektor sagt: "Yamagui strengt sich an, aber es ist schwer für sie. Die Familie ist sehr arm, es gibt nicht genug zu essen. Und mit leerem Magen lernt es sich nicht gut." Ein Lichtblick sind die wöchentlichen Treffen im Club der Jugendlichen von ALDEPA, der Partnerorganisation von Caritas international. Dort trifft sie andere Mädchen, wird bestärkt, die Schule weiter zu besuchen. Marthe Wandou, die Leiterin von ALDEPA, kennt die Gefahr: Armut ist einer der Hauptgründe, weshalb Mädchen früh verheiratet werden. In den vergangenen Jahren gelang es ALDEPA in 230 dokumentierten Fällen, Zwangsverheiratungen Minderjähriger zu verhindern und die Mädchen zurück in die Schule zu bringen.
Caritas-Direktor Edouard Kaldapa, ALDEPA-Direktorin Marthe Wandou und die 16-jährige Yamagui in Zamay: Hunger und fehlender Platz erschweren der Schülerin das Lernen.@ Caritas international/Sebastian Haury
Das Projekt "Nordkamerun: Überleben sichern – Zukunft schaffen – Mädchen stärken" von Caritas international umfasst weit mehr als Lebensmittelverteilungen: 2.000 besonders bedürftige Familien erhalten Nahrungsmittelpakete, 500 Familien mit akut unterernährten Kindern werden durch das Programm BAMiSA unterstützt. In den letzten Jahren wurden die Lebensmittelverteilungen maßgeblich vom deutschen Auswärtigen Amt finanziert. Durch Mittelkürzungen steht diese Versorgung nun vor dem Aus.
Nord-Kamerun
Nord-Kamerun gehört zu den ärmsten Regionen des Landes. Drei Viertel der Bevölkerung leben unterhalb der staatlich festgelegten Armutsgrenze, mehr als die Hälfte hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. 60 Prozent der Menschen leiden Hunger.
Die Kindersterblichkeit in der Region Extrême-Nord in Kamerun ist alarmierend hoch. Laut UNICEF sterben landesweit etwa 75 von 1.000 Kindern unter fünf Jahren.
Besonders dramatisch wird die Lage in der sogenannten période de soudure – der saisonalen Mangelzeit zwischen Mai und September, wenn die Vorräte aufgebraucht sind und die neue Ernte noch auf sich warten lässt. Der Klimawandel verschärft die Situation: 2022 gingen rund 73.000 Tonnen Lebensmittel durch Schädlinge, Überschwemmungen und Hagelstürme verloren. Die Getreidepreise lagen 2023 und 2024 mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahren.
Seit über einem Jahrzehnt erschüttert der Boko-Haram-Konflikt die Region. Die Terrorgruppe überfällt Dörfer in der Nacht, verschleppt Männer, treibt Familien in die Flucht. Wer bleibt, kann seine Felder oft nicht mehr bestellen. Wer geht, landet in einem der IDP-Camps – Zeltlager ohne Strom, ohne Wasser, ohne Zukunft, wie es scheint. 570.000 Menschen sind vor Boko Haram auf der Flucht.
Ein Sack Hirse. Vier Wochen Überleben
Wenn Sie die Hilfen von Caritas Maroua und ALDEPA unterstützen wollen:
Spendenkonto: Caritas international - SozialBank
IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02 - Nord-Kamerun