„Klimaschutz und Wohnen gehören zusammen“
Claire Vogt leitet das Referat Klimasozialpolitik beim Deutschen Caritasverband in Freiburg.@ privat
Frau Vogt, Caritas und Klimaschutz – wie passt das zusammen?
Das passt sehr gut zusammen, weil sinnvoller Klimaschutz auch immer eine soziale Dimension hat. Es geht um die Wohnsituation, Heiz- und Energiekosten sowie Alltagsgewohnheiten. Dabei sind nicht nur persönliche Entscheidungen gefragt, sondern auch gerechte Rahmenbedingungen. Die Caritas begleitet Menschen seit jeher in genau diesen Lebensbereichen. Sozial gerechter Klimaschutz ist kein Zusatz, sondern unser Kerngeschäft.
Was hat Wohnen mit Klimaschutz zu tun?
Wohnen bedeutet Energieverbrauch – vor allem für Heizen und Warmwasser. Heizen und Warmwasser machen 15 Prozent der Emissionen in Deutschland aus. Der Gebäudesektor ist einer der größten Hebel für den Klimaschutz. Gleichzeitig ist menschenwürdiges Wohnen Teil des Existenzminimums. Beides gehört also zusammen.
Warum ist Wohnen auch ein soziales Problem?
Zuerst deshalb, weil bezahlbarer Wohnraum Mangelware ist. Hinzu kommt: Wer wenig Geld hat, wohnt mit höherer Wahrscheinlichkeit in einer schlecht gedämmten Wohnung und hat höhere Heizkosten. Die unteren Einkommensgruppen geben fast doppelt so viel ihres Haushaltseinkommens für Wärme aus wie die obersten. Das merkt man jetzt beim Energiepreisschock massiv.
Drei Viertel aller Gebäude in Deutschland wurden vor 1978 gebaut. Was tun?
Energetische Sanierungen sind teuer. Viele Menschen leben zur Miete und können gar nicht selbst entscheiden. Die Politik muss klare Regeln machen – ohne Ordnungsrecht kommen wir nicht voran. Die 65-Prozent-Regel, die besagt, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden, war ein guter Pfad, aber sie soll gekippt werden. Das wäre ein Schritt zurück.
Warum sollte eine Vermieterin ihr Haus sanieren, wenn die Mieter die Heizkosten zahlen?
Genau das ist das Problem. Wer ein Mehrfamilienhaus in guter Lage hat, vermietet es auch ohne Sanierung. Die Mieter zahlen die hohen Rechnungen. Deshalb brauchen wir verbindliche Vorgaben.
Laut einer Caritas-Studie wünschen sich 78 Prozent der Deutschen als Antwort auf den Ölpreisschock den Ausbau erneuerbarer Energien. Warum passiert dennoch so wenig?
Nehmen Sie ein Paar im Ruhestand, geregeltes Einkommen, abbezahltes Haus. Warum noch einmal in eine Photovoltaikanlage investieren und auf ein E-Auto umsteigen, ohne Not? Oder aber die Dame, die seit 30 Jahren in einer großen Familienwohnung lebt – inzwischen alleine, weil die Kinder aus dem Haus sind und der Mann tot. Solche Fälle zeigen, wie wichtig es ist, die Leute mitzunehmen – durch Anreize, aber auch durch klare Vorgaben.
Was fordern Sie konkret?

Erstens: an der 65-Prozent-Regel für neue Heizungen festzuhalten. Zweitens: Die Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude so zu staffeln, dass nicht nur Besserverdienende die Mittel abschöpfen. Drittens: einen Lotsen, der durch den Förderdschungel führt – eine Anlaufstelle, die hilft, Anträge zu stellen. Und viertens: Unsere eigenen Einrichtungen wie Pflegeheime oder Kitas brauchen Unterstützung, denn gemeinnützige Träger haben kein Eigenkapital für große Sanierungen. Hier geht es um 100.000 Gebäude, die energetisch ertüchtigt werden müssten.
Was kann jede:r Einzelne tun?
Ein großartiges Caritas-Projekt ist der Stromspar-Check. Er zeigt Menschen, was sie in den eigenen vier Wänden sparen können – oft ganz einfach. Gerade für Menschen mit wenig Geld bleibt dann mehr für anderes übrig. Das gibt Handlungsfreiheit.