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Jugendhilfe

37.000 junge Menschen ohne Zuhause

Junger Mann, der auf der Straße auf Pappkarton sitzt, greift nach einer Bierflasche.Ein Ergebnis der Studie: Ab dem 21. Lebensjahr sind es mehr junge Männer als Frauen, die auf der Straße leben.kulichok/stock.adobe.com

Trotz einer Vielzahl von Unterstützungsangeboten, vor allem der Kinder- und Jugendhilfe, finden sich auch minderjährige Jugendliche, für die die Straße der Hauptsozialisationsort ist. Zumeist werden die Betroffenen mit dem Begriff Straßenkinder umschrieben. Allerdings verbinden sich mit dieser Bezeichnung oftmals Assoziationen von obdachlosen Kindern in Osteuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika. Für Deutschland jedoch existieren Hinweise, dass Kinder unter 14 Jahren nur sehr selten betroffen sind1 und die Kerngruppe tatsächlich meist älter ist.2 Aus diesem Grund wird folgend von Straßenjugendlichen gesprochen. Dazu zählen sowohl jene Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die obdachlos sind, als auch jene, die bei Privatpersonen oder in Noteinrichtungen untergekommen sind und somit als wohnungslos gelten.

Gerade in den 90er-Jahren hatte sich auch die Forschung mit dem Phänomen des Lebensmittelpunktes Straße für junge Menschen auseinandergesetzt und beispielsweise auf die Prozesshaftigkeit verwiesen.3 Dafür wurde der Begriff der Straßenkarriere geprägt.4 In den darauffolgenden Jahren wurde es sowohl in der Forschung als auch in der Politik etwas ruhiger um das Thema der Straßenjugendlichen – im Gegensatz zur Fachpraxis, deren Angebote teilweise seit Jahrzehnten für Straßenjugendliche offenstehen. In den letzten Jahren ist allerdings ein wieder erstarktes Interesse an dem Thema zu beobachten. Beleg dafür sind beispielsweise die Straßenkinderkongresse, an denen auch Vertreter(innen) der Jugendpolitik teilnehmen, oder Modellprojekte, die im Rahmen des Innovationsfonds des Bundes Ansätze zur Arbeit mit Straßenjugendlichen erproben. Auch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat sich wieder verstärkt diesem Thema zugewandt. Es hat zum einen betroffene Jugendliche und junge Erwachsene befragt und ist zum anderen dem Problem nachgegangen, wie viele Straßenjugendliche es in Deutschland gibt.5

Die größte Gruppe ist 18 oder 19 Jahre alt

 Abb. 1: Verteilung nach Geschlecht und AlterSiehe Anmerkg. 5: Hoch, C, 2016, S. 18 (nc 1_2018)

Ein erster Schritt der Untersuchung bestand in einer quantitativen Befragung von Straßenjugendlichen. Über den Zugang der niedrigschwelligen Angebote der Jugendhilfe, aber auch über die Ansprache an typischen Treffpunkten konnten gut 300 Straßenjugendliche befragt werden. Auf dieser Basis ist es nun möglich, Aussagen zum Beispiel über die Altersverteilung, über Stationen von Straßenkarrieren, über deren Ursachen oder über die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten zu treffen.

Betrachtet man zunächst das Alter der Befragten (die maximal 25 Jahre alt waren), zeigt sich, dass die größte Gruppe 18 beziehungsweise 19 Jahre alt ist (knapp 30 Prozent). 20 und 21 Jahre sind jeweils knapp zwölf Prozent, darüber nimmt der Anteil ab. Gut 15 Prozent sind 15 und 16 Jahre, lediglich knapp zehn Prozent sind 15 Jahre und jünger. Deutliche Unterschiede zeigen sich bei der Verteilung nach Alter und Geschlecht (siehe Abb. 1).

Auffällig ist, dass vor allem bei den Minderjährigen die Mädchen dominieren. Bis zu einem Alter von 20 Jahren gleichen sich die Anteile von Jungen und Mädchen an. Ab dem 21. Lebensjahr dreht sich das Bild, hier finden sich deutlich mehr junge Männer, die als wohnungs- oder obdachlos gelten.

Diese Geschlechterverteilung der befragten Straßenjugendlichen lässt vermuten, dass junge Mädchen früher auf die Straße gelangen, junge Männer dafür vor allem als junge Erwachsene wohnungs- oder obdachlos sind. Die Befunde zeigen jedoch, dass sich das Eintrittsalter in eine Straßenkarriere zwischen Jungen und Mädchen nur wenig unterscheidet. So sind bei den Mädchen 17 Prozent unter 14 Jahre, wenn sie das erste Mal auf der Straße leben, bei den Jungen sind es gut 13 Prozent. Ein Eintrittsalter über 18 Jahre weisen tatsächlich mehr junge Männer als junge Mädchen auf (37 Prozent zu 25 Prozent). Insgesamt ist das Problem der Straßenjugendlichen eher eines der Jungen und jungen Männer. So sind zwei Drittel der Betroffenen männlich und lediglich ein Drittel ist weiblich.

Auch dominiert die Wohnungslosigkeit. Drei Viertel der Betroffenen gab an, wohnungslos zu sein. Zumeist bedeutet dies, dass die Unterkünfte häufig gewechselt werden und man bei Freunden unterkommt. Im engeren Sinn als obdachlos erweisen sich 24 Prozent der Befragten. Alarmierend ist sicherlich, dass eine Phase, in der die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der Straße sind, durchschnittlich ein Jahr dauert. Tendenziell nimmt die Dauer einer Straßenepisode mit steigendem Alter zu. Doch auch bei den unter 18-Jährigen liegt die durchschnittliche Länge bereits bei rund zehn Monaten.

Ein Hauptgrund: Probleme in der Familie

Von Interesse war ebenfalls, aus welchen Gründen junge Menschen auf die Straße geraten und ohne festen Wohnsitz bleiben. Betrachtet man vorangegangene Untersuchungen, erweist sich die Herkunftsfamilie als ein Hauptgrund.6 Dabei können ganz unterschiedliche familiäre Problemlagen zur „Flucht” auf die Straße führen. Das können bestimmte Familienkonstellationen (zum Beispiel Patchworkfamilien), physische, psychische und emotionale Gewalt im Elternhaus (beispielsweise Missbrauch oder Vernachlässigung) oder sozialstrukturelle Gegebenheiten (zum Beispiel Armut) sein.7 Aber auch individuelle Problemlagen, wie zum Beispiel Sucht, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Freundeskreis oder die finanzielle Situation, zum Beispiel Schulden, können zu einem Leben auf der Straße führen. Zugleich können auch nicht adäquate Ansätze der Jugendhilfe ein Auslöser sein, beispielsweise, wenn es für schwerwiegende Fälle nicht die richtigen Lösungsansätze gibt und sich „Maßnahmen-Karrieren” entwickeln.8 Auch der Bezug von Arbeitslosengeld II kann sich negativ auswirken. Zum einen sind junge Menschen, insbesondere Kinder, als Teil einer Bedarfsgemeinschaft von den Sanktionen der Eltern mit betroffen, auch wenn ihr Kinderzuschlag beziehungsweise Sozialgeld selbst nicht gemindert wird.9 Zum anderen gelten für Jugendliche, die selbst Arbeitslosengeld II beziehen, harte Sanktionsregeln. Seit Anfang des Jahres 2017 gilt für den U-25-Bereich, dass bereits die zweite Pflichtverletzung zum vollständigen Wegfall der Leistung - auch der Kosten der Unterkunft - führen kann.10

Schicksalsschläge spielen bei den Älteren eine Rolle

Die Befunde der durchgeführten Befragung machen einmal mehr deutlich: Die Herkunftsfamilie ist mit gut 45 Prozent ein Hauptauslöser für die Straßenkarrieren junger Menschen (siehe Tabelle rechts).

Auch lohnt sich der Blick auf die Altersverteilung. Fast zwei Drittel der Jugendlichen unter 18 Jahren geben die Familie als Grund für ihre Situation an. Mit zunehmendem Alter verliert diese Begründung an Bedeutung. Dagegen treten nun mehr und mehr Veränderungen der persönlichen Situation in den Fokus. Das geben gut ein Viertel der über 20-Jährigen an, aber nur gut vier Prozent der unter 18-Jährigen. Diese Veränderungen betreffen beispielsweise den Erwerbs- oder Wohnstatus, aber auch die Trennung vom Partner oder der Partnerin oder eine Haftentlassung.

Viele der betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen versuchen, Kontakt zu - zumindest niedrigschwelligen - Angeboten der Jugendhilfe zu halten. Es fällt auf, dass vor allem Beratungsangebote (45 Prozent) und am zweithäufigsten Überlebenshilfen (28 Prozent) genutzt werden. Wohnungslose Jugendliche nehmen in erster Linie Beratungen und Obdachlose vor allem Überlebenshilfen in Anspruch. Die Vermutung ist, dass sich Jugendliche ohne Dach über dem Kopf vor allem um Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken oder Schlafen kümmern müssen, deshalb also Überlebenshilfen im Vordergrund stehen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass offenbar die Unterstützung des Jugendamtes zumeist mit der Volljährigkeit endet. So geben zwei Drittel der unter 18-Jährigen an, Kontakt zum Jugendamt zu haben, zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr sagen dies nur noch 14 Prozent und mit über 20 Jahren hat keiner mehr Verbindung zum Jugendamt. Dagegen nimmt das Jobcenter eine wichtigere Rolle ein. Ab dem 18. Lebensjahr haben hier über 70 Prozent Kontakt. Aus anderen Untersuchungen wurde deutlich, dass dies nicht immer unproblematisch ist. Häufig fühlen sich die Jugendlichen von Mitarbeitenden der Jugendhilfe, vor allem der Jugendsozialarbeit, gut unterstützt, haben Vertrauen zu den Kontaktpersonen aufgebaut. Von anderen Behörden wie dem Jobcenter sehen sie sich nicht selten zum "Fall" degradiert.11

Keine Statistik über die Anzahl der Jugendlichen

Nach wie vor gibt es keine gesicherten Erkenntnisse über die Anzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die auf der Straße leben. So existiert keine amtliche Statistik zu deren Erfassung. Auch lässt sich die avisierte Gruppe von Jugendlichen besonders schlecht erreichen und zum Teil auch identifizieren. Viele der Wohnungslosen kommen bei Freunden unter und sind so weithin unsichtbar. Aufgrund dieser schlechten Erreichbarkeit und Sichtbarkeit Straßenjugendlicher kann das Ausmaß nicht direkt über die Betroffenen ermittelt werden. Das DJI untersuchte dies somit über eine Fachkräftebefragung.12 Es wurden insgesamt über 1000 Fachkräfte in ganz Deutschland kontaktiert, die gezielt mit Straßenjugendlichen arbeiten. 355 von ihnen waren bereit, an der Onlinebefragung teilzunehmen. 240 Rückmeldungen konnten schließlich für die Schätzung der Anzahl an Straßenjugendlichen in Deutschland genutzt werden. Grundlage für ein möglichst aussagekräftiges Ergebnis war die klare Definition der Gruppe, über die etwas ausgesagt werden sollte. Es handelt sich dabei um Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre, die entweder obdach- oder wohnungslos sind. Aus den Angaben der Fachkräfte ist anzunehmen, dass es in Deutschland 37.000 Straßenjugendliche gibt.

Abb. 2: HauptgründeSiehe Anmerkg. 5: Hoch, C, 2016, S. 35 (nc 1_2018)

Beachtenswert scheint, dass sich kein expliziter Unterschied zwischen Städten und Landkreisen ausmachen ließ. Somit ist das Phänomen der Straßenjugendlichen nicht allein ein städtisches Problem. Die von den Fachkräften angegebene Geschlechterverteilung bestätigt den Befund aus der oben vorgestellten Befragung der Betroffenen. Danach sind gut 70 Prozent männlich und knapp 30 Prozent weiblich. Sehr deutlich sticht wiederum der neuralgische Punkt des Eintritts in die Volljährigkeit hervor. 18 Prozent sind minderjährig (davon weniger als ein Prozent unter 14 Jahre), während die Anzahl in der Altersklasse 18 bis 20 Jahre auf 34 Prozent sprunghaft ansteigt. 32 Prozent sind zwischen 21 und 24 Jahre alt. Danach sinkt die Zahl auf 16 Prozent.

Was Schlussfolgerung sein kann

Die stärkere Wahrnehmung des Themas Straßenjugendliche sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik hat seine reale Basis in der durchaus hohen Anzahl der in Deutschland Betroffenen, die von Fachkräften geschätzt werden. Es handelt sich um ein Phänomen, dass zum Teil auch verdeckt – so durch das Unterschlüpfen bei Freunden oder Couchsurfen – stattfindet. Die vorgestellte Untersuchung des DJI hat unter anderem ergeben, dass mit dem Übertritt in die Volljährigkeit die Anzahl der Straßenjugendlichen noch einmal deutlich ansteigt. Eine wichtige Herausforderung besteht also darin, für die Jugendlichen angemessene Angebote bereitzustellen. Hier ist vor allem die Jugendhilfe gefragt, die individuellen Voraussetzungen und Problemlagen altersgerecht zu beachten und junge Menschen in ihrem Prozess der Verselbstständigung zu unterstützen. Gerade Straßenjugendliche benötigen oftmals langfristige, verlässliche Hilfen, da sie, anders als ihre Altersgenossen, kaum auf familiäre Unterstützung zurückgreifen können. Daher sollte der Übertritt in die Volljährigkeit kein Ausschlusskriterium für die Jugendhilfe sein, die betroffenen jungen Frauen und Männer zu unterstützen.

Anmerkungen

1. Flick, U.; Röhnsch, G.: Jugendobdachlosigkeit. Sozial Extra (2009) Vol. 33, S. 49.
2. Hansbauer, P.: Kinder und Jugendliche auf der Straße - Analysen, Strategien und Lösungsansätze. Münster: Votum-Verlag, 1998, S. 30.
3. Permien, H.; Zink, G.: Straßenkinder. Annäherung an ein soziales Phänomen. München/Leipzig: DJI, 1995 sowie Permien, H.; Zink, G.: Endstation Straße? Straßenkarrieren aus Sicht von Jugendlichen. München: DJI, 1998.
4. Ebd.
5. Hoch, C.: Straßenjugendliche in Deutschland - eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens. Endbericht - zentrale Ergebnisse der 2. Projektphase. Halle (Saale): DJI, 2017; Hoch, C.: Straßenjugendliche in Deutschland - eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens. Zwischenbericht - zentrale Ergebnisse der 1. Projektphase. Halle (Saale): DJI, 2016.
6. Bodenmüller, M.; Piepel, G.: Streetwork und Überlebenshilfen. Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen. Weinheim: Beltz Juventa, 2003, S. 11 f. Siehe auch Hansbauer, P., a.a.O., S. 397 ff. sowie Möller, B.; Radloff, B.: Lebensort Straße: Erste Einschätzungen aus den beteiligten Standorten "Dresden - der lokale Kontext". In: Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): Lebensort Straße - Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen. Münster: Votum Verlag, 1996, S. 81 f.
7. Flick, U.; Röhnsch, G., a.a.O., S. 49.
8. Lutz, R.: Straßenleben, Straßenbilder, Straßenpädagogik. In: Lutz, R.; Stickelmann, B. (Hrsg.): Weggelaufen und ohne Obdach - Kinder und Jugendliche in besonderen Lebenslagen. Weinheim/München: Juventa Verlag, 1999, S. 44.
9. Simon, T.: Jugendliche auf der Straße. In: Witte, M. D.; Sander, U. (Hrsg.): Erziehungsresistent? "Problemjugendliche" als besondere Herausforderung für die Jugendhilfe. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2006 (Grundlagen der sozialen Arbeit, 15), S. 157 f.
10. Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit: Sanktionsregelungen im SGB II: Keine Schlechterstellung junger Menschen! Hintergrundpapier. Berlin, 2017, S. 1.
11. Mögling, T.; Tillmann, F.; Reißig, B.: Entkoppelt vom System. Jugendliche am Übergang ins junge Erwachsenenalter und Herausforderungen für Jugendhilfestrukturen. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland, 2015.
12. Hoch, C., a.a.O., 2017.

21.01.2018 | 10:27  
Eva-Maria Rahla schreibt

Aus dem Bericht geht klar hervor, dass junge Menschen in der Lebensphase des Erwachsenwerdens mehr institutionelle Hilfe brauchen!

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