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Migration

Willkommen in Deutschland?

Es ist noch nicht lange her, dass Migrantenorganisationen, Wohlfahrtsverbände und sogar Staatschefs wie Lech Kaczynski und Recep Tayyip Erdoğan Deutschland vorwarfen, eine ausschließlich abwehrende Migrationspolitik und eine einseitig assimilative Integrationspolitik zu betreiben. Dieser Vorwurf wurde genährt durch einen Blick auf die mediale Diskussion um Migration und Integration, in der Schlagwörter wie "Leitkultur", "Parallelgesellschaft" oder "Integrationsverweigerer" den Ton angaben. Von den Asyldebatten der 1990er Jahre bis zum Jahr 2009 - und damit weit über die Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes 2005 hinaus - dominierte die Frage, was Deutschland von seinen Zuwanderern verlangen dürfe und welche einseitigen Anpassungsleistungen unumgänglich seien. Doch just, als die weltweite Finanzkrise Arbeitsplätze in Deutschland zu gefährden drohte, als Thilo Sarrazin den unglücklichen Versuch unternahm, Intelligenz und ethnische Herkunft zu verknüpfen, und als einige Fachleute einen drohenden Anstieg von Fremdenfeindlichkeit in Deutschland prognostizierten, drängte sich ein neuer Begriff in den Mittelpunkt der politischen Bühne: Bildungsministerin Annette Schavan und der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderten, Deutschland müsse attraktiver für Fachkräfte werden und eine "Willkommenskultur" entwickeln.

In der Folge zog der Begriff, von vielen zunächst für eine Leerformel ohne reale Konsequenzen gehalten, immer weITere Kreise. War er zunächst eine vage Forderung in integrationspolitischen Sonntagsreden, versuchten bald Parteien aller Lager, Bundesbehörden und kommunale Verwaltungen, "Willkommenskultur" mit Leben und Inhalt zu füllen. Beispielsweise spricht seit kurzem ein Internetportal des Bundes (www.make-it-in-germany.com) gezielt Ärztinnen und Ärzte sowie Ingenieurinnen und Ingenieure aus dem Ausland an, die für einen Zuzug nach Deutschland gewonnen werden sollen. Derartige Aktivitäten werden begleitet von gesetzlichen Änderungen, die einen Zuzug Hochqualifizierter befördern sollen. Dazu gehört die Einführung der sogenannten Blauen Karte1 genauso wie das Anerkennungsgesetz für ausländische Berufsabschlüsse. Wenn die so Umworbenen dann wirklich nach Deutschland kommen, werden sie seit kurzem in einigen Ausländerbehörden bevorzugt behandelt. Sie erhalten Hilfe bei der Wohnungssuche oder bei der Einschulung der Kinder. Sie werden über das Kulturangebot der Stadt unterrichtet und zu Stammtischen für "Newcomer" eingeladen.

Willkommenskultur - aber für wen?

An dieser Stelle zeigt sich: Eine staatlich geförderte Willkommenskultur wünscht man sich vor allem für Fachkräfte. Menschen, die aus humanitären Gründen nach Deutschland kommen - im Familiennachzug oder als Flüchtlinge -, werden dagegen selten als Adressaten einer Willkommenskultur genannt. Dies ist durchaus bedenklich, denn auf diese Weise könnte sich in Deutschland eine Zweiklassenintegrationspolitik etablieren. In der Ausländerbehörde Hamburgs ist dies heute schon der Fall: Der hochbezahlte Ingenieur wird in den lichtdurchfluteten Räumen des "Welcome Center" im Rathaus bei einer Tasse Kaffee beraten, während die junge Mutter aus Nordafrika mit der schmucklosen und wenig einladenden Atmosphäre der Bezirksbehörde vorliebnehmen muss. Eine so verstandene Willkommenskultur läuft Gefahr, Zuwanderung nur noch aus volkswirtschaftlicher Perspektive zu betrachten und "wertvolle" von "weniger wertvollen" Menschen zu unterscheiden.

Die Konzentration auf die potenziell zuwandernden Fachkräfte hat außerdem zur Folge, dass man diejenigen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte vernachlässigt, die seit Jahren in Deutschland leben oder gar hier geboren wurden. Doch ohne eine Wertschätzung dieser Personen und ihrer Kulturen ist eine echte Willkommenskultur nicht denkbar. Denn wie soll man Fachkräfte davon überzeugen, auf Dauer in einem Land zu leben, das nur von außen attraktiv erscheint, mit der eigenen Pluralität im Inneren aber nicht im Reinen ist? Wenn die Gesellschaft daher nicht lernt, entspannt und pragmatisch mit der bereits vorhandenen kulturellen Vielfalt umzugehen, werden auch attraktive Internetportale, "Welcome Center" oder Gesetzesänderungen wenig nützen. Viele Fachleute fordern daher, neben einer Willkommenskultur für Neuzuwanderer auch eine Anerkennungskultur für alle Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu entwickeln.

Doch wie kann dies gelingen? Zu strukturellen Reformen müssen Maßnahmen kommen, die die Einstellungen der Aufnahmegesellschaft verändern. Dabei geht es nicht darum, kritiklose Begeisterung für "Multikulti" zu erreichen, sondern bewusst zu machen, dass Deutschland schon heute ein pluralistisches Land ist und auch in Zukunft immer sein wird. Doch die Veränderung von Einstellungs- und Handlungsmustern ist nicht so leicht zu bewerkstelligen wie eine Gesetzesnovelle und kann nicht durch den Staat erfolgen. Hier muss eine breite Allianz aus Akteuren der Zivilgesellschaft geschmiedet werden - von kirchlichen Jugendgruppen über die soziale Arbeit freier Träger bis hin zum Sportverein und zum Kirchenchor. Nur wenn strukturelle Veränderungen und zivilgesellschaftliches Engagement Hand in Hand gehen, kann man tatsächlich von einer umfassenden Kultur des Willkommens und der Wertschätzung kultureller Vielfalt sprechen. Ein Projekt in Augsburg hat sich auf einen vielversprechenden Weg gemacht.

Willkommenskultur live: das Grandhotel Cosmopolis

Das "Grandhotel Cosmopolis"2 befindet sich direkt hinter dem Augsburger Dom, mitten in der Stadt. In einem ehemaligen Seniorenheim der Diakonie eröffnet eine Bürgerinitiative in enger Kooperation mit Stadt, Land und Migrationsdiensten ein Hotel "mit und ohne Asyl". Statt Flüchtlinge in heruntergekommene Gemeinschaftsunterkünfte am Stadtrand zu verbannen, will man sie ins Zentrum des städtischen Lebens holen. Im "Grandhotel" sollen sie ihre Potenziale von Beginn an entfalten können und das Bild von Asylbewer­ber(in­ne)n bei der Augsburger Bevölkerung gründlich verändern.

Das Konzept basiert auf einer Mischnutzung des Gebäudes und ist so einfach wie einleuchtend: Einige Räume werden als Flüchtlingsunterkünfte ausgebaut, andere als Hotel für Rucksack- oder Alternativreisende. Außerdem gibt es eine Gaststätte und Büros von Medien- und Kreativschaffenden. Letztere müssen keine Miete zahlen, sondern sollen Workshops für die Bewohner(innen) anbieten.

Seit Herbst 2011 bereiten die ehrenamtlich Engagierten den Einzug der Flüchtlinge vor. Dazu gehört neben der schweißtreibenden Bautätigkeit auch die permanente Kommunikation mit Anwohner(inne)n und besorgten Bürger(inne)n der Mehrheitsgesellschaft. Wesentliches Element des Projektes ist, dass die Augsburger das Grandhotel schon heute besichtigen und Veranstaltungen besuchen können - lange bevor die ersten Flüchtlinge einziehen werden. Die lokalen und überregionalen Medien reagieren positiv auf das Projekt, auch Politiker(innen) von Kommune und der bayerischen Landesregierung äußern sich zustimmend. Zwar bleibt noch viel zu tun in Augsburg. Noch ist offen, ob das Konzept wirklich aufgeht, wenn die ersten Flüchtlinge im Frühjahr 2013 kommen. Doch wenn das "Grandhotel Cosmopolis" Erfolg hat, könnte es zum Vorbild für andere Städte werden.  Wie das Beispiel zeigt, müssen Willkommens- und Anerkennungskultur keine leeren Begrifflichkeiten bleiben. Vielmehr können sie eine gedankliche Klammer für diejenigen Schritte und Diskussionen bieten, die sich mit der Integrationsleistung der Aufnahmegesellschaft befassen. Nach einem Jahrzehnt, in dem unter dem Stichwort der "nachholenden Integration" vor allem defizitorientierte Sonderprogramme für Migrant(inn)en etabliert wurden, wird es Zeit für einen Perspektivwechsel. Die vermeintlich klassischen Themen der Integrationsarbeit wie Bildung und Gewaltprävention müssen künftig stärker als allgemeine soziale Themen begriffen werden. Zwar können Migrationsexpert(inn)en beispielsweise helfen, die Ansätze für eine inklusive, migrationssensible soziale Arbeit weiterzuentwickeln. Die wahren Potenziale für eine Verbesserung der Integration liegen für das kommende Jahrzehnt jedoch in der Anpassung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - und damit im Bereich der Willkommens- und Anerkennungskultur.               

Anmerkungen

1. Mit der Blauen Karte EU erhalten Drittstaatsangehörige mit einem deutschen oder diesem gleichwertigen Hochschulabschluss sowie einem gut dotierten Arbeitsvertrag eine Aufenthaltsgenehmigung für zunächst maximal vier Jahre.
2. Grandhotel Cosmopolis: Konzept für eine soziale Skulptur in Augsburgs Herzen. Konzeptpapier, 2012, http://grandhotelcosmopolis.wordpress.com

Literatur

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Deutschland, öffne dich! Willkommenskultur und Vielfalt in der Mitte der Gesellschaft verankern. Gütersloh : Verlag Bertelsmann Stiftung, 2012.