Wenn Nähe wieder Hoffnung gibt
Die 70-jährige Yolanda Gorda (rechts) schätzt besonders die Tänze und Bewegungsspiele im Tageszentrum, während sich Julien Lagrimas (Bild re.) im Motorrad-Taxi auf ihren ersten Einsatz des Tages vorbereitet. @ Bente Stachowske/Caritas international
Als die Musik einsetzt, fangen die Seniorinnen im Tageszentrum von Northern Samar an zu tanzen. An ihrem Platz, im Stehen, aber mit großer Hingabe. Der Tanz wird von einem Gedächtnisspiel abgelöst: Bunte Bälle müssen in eine bestimmte Reihenfolge gebracht werden. Nicht jede Lösung stimmt, doch mit jedem Fehler wird das Lachen im Raum lauter. Für die Frauen ist dieser Vormittag mehr als Beschäftigung – er unterbricht ihre Einsamkeit.
Das Tageszentrum der "Coalition of Services of the Elderly (COSE)" bietet Platz für bis zu 25 Menschen. Derzeit kommen 17 Frauen regelmäßig. Ihr Tag folgt festen Abläufen: Er startet mit einem Gesundheitscheck, bei dem unter anderem Blutdruck und Temperatur gemessen werden. Vor der Mittagsruhe können die Seniorinnen gemeinsam eine warme Mahlzeit essen. Die Pflegekräfte strukturieren den Tag mit Spielen und Übungen. Gerade Menschen mit beginnender Demenz profitieren von festen Routinen und Wiederholung. "Demenz wird hier oft einfach als Teil des Alterns hingenommen", sagt Zentrumsleiter John Siervo. Er hält dagegen: Gedächtnisverlust müsse ernst genommen werden, und schon einfache Zuwendung könne zu großen Verbesserungen führen – oft reicht es, miteinander zu reden und gemeinsam zu spielen. Siervo klärt in den umliegenden Gemeinden auf und gibt Tipps zur Förderung älterer Menschen.
@ Bente Stachowske/Caritas international
Der Kreislauf der Abwanderung
Das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) geförderte Projekt von Caritas international und COSE verbindet das landesweit erste Tagespflegezentrum mit mobiler Pflege, Beratung und Seniorentreffs. Ziel ist es, die Lebenssituation von Senior:innen nachhaltig zu verbessern.
Auf den Philippinen ist es noch nicht üblich, Pflege an professionelle Einrichtungen auszulagern. Traditionell versorgt die Familie ihre älteren Angehörigen. Doch dieses Konzept trägt oft nicht mehr. In ländlichen Regionen fehlen Arbeitsplätze. Immer häufiger zerstören Taifune und Überschwemmungen Häuser, Felder und somit Einkommen. Viele Familien ziehen nach Manila oder ins Ausland. Zurück bleiben Eltern und Großeltern. Sie haben Anspruch auf eine kleine Sozialrente, müssen auf die Auszahlung aber oft jahrelang warten. Die Senior:innen sind auf die finanzielle Hilfe ihrer Kinder angewiesen, was den Kreislauf der Abwanderung in Gang hält.
John Siervo berichtet, dass die Seniorinnen seit der Eröffnung der Tagespflege immer mehr auf ihr Erscheinungsbild achten. Sie pflegen sich wieder, tragen schöne Kleider, einige auch Make-up. Die Stimmung im Zentrum ist gelöst, es wird viel geredet und gelacht. Die Hoffnungslosigkeit der Patientinnen ist verschwunden.
Aber nicht alle, die einen Platz brauchen, können kommen. Für viele ist die F
Die Seniorinnen genießen das frisch zubereitete Essen im Tageszentrum und lassen sich gern bedienen.@ Bente Stachowske/Caritas international
ahrt mit dem Motorradtaxi zu teuer. Das Geld reicht ohnehin kaum für Lebensmittel. Auch fehlt den Angehörigen die Zeit, Mutter oder Vater zu begleiten, weil sie selbst arbeiten müssen und es praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Daher verhandelt John Siervo mit den örtlichen Behörden über einen Hol- und Bringdienst, um die freien Plätze zu füllen.
Welchen Unterschied Nähe machen kann, zeigt sich einige Orte weiter. Pflegekraft Julien Lagrimas ist mit dem Motorradtaxi auf dem Weg in die kleine Gemeinde San Roque, wo Julita Magallanes lebt. Die 71-Jährige war Hauptverdienerin ihrer Familie. Sie flocht Palmblätter zu wetterfesten traditionellen Dach- und Wandverkleidungen. Dann erlitt sie im letzten Jahr einen schweren Schlaganfall und wurde bettlägerig. Julita Magallanes und ihre Familie verloren nicht nur die Lebensgrundlage, sondern auch jede Hoffnung.
Die junge Pflegekraft besucht die Familie zweimal pro Woche. Sie hilft beim Waschen und Anziehen und übt mit Julita und ihren Angehörigen Bewegungen für den Alltag: Finger strecken, Hände öffnen, wenige Schritte gehen. Heute sitzt Julita wieder auf der Terrasse. Sie kann das Bett verlassen und sich sogar in die Hängematte über dem Esstisch legen. Dort ruht sie und bleibt zugleich mitten im Familienleben. Julita Magallanes liegt viel an den Besuchen der jungen Frau: "Ich bin Julien so dankbar. Sie nimmt so viel auf sich, um mir zu helfen. Jede Woche zeigt sie mir Übungen, damit ich gesund werde."
Geduld und Beharrlichkeit
Die Besuche der mobilen Pflegekräfte stärken die Familien. Mitarbeitende zeigen Angehörigen, wie sie einen immobilen Menschen schonend bewegen, beobachten Veränderungen und helfen bei der Beantragung von Medikamenten oder Hilfsmitteln. Jede Entwicklung wird dokumentiert. Aus den regelmäßigen Besuchen entstehen Verlässlichkeit und konkrete Entlastung.
Um ein zuverlässiges Netz aus verschiedenen Pflegeangeboten zu schaffen, braucht es viel Geduld und politische Überzeugungsarbeit. Siervo spricht immer wieder mit Bürgermeistern, Sozial- und Gesundheitsbehörden. Inzwischen stellt die Kommune Geld für Lebensmittel bereit; Reis, Medikamente, Vitamine und Gehhilfen kommen aus öffentlichen Programmen. Zugleich wird über die langfristige Finanzierung des Zentrums verhandelt. Dass die lokale Regierung Verantwortung übernimmt, ist entscheidend, um die Altenhilfe kommunal zu verankern.
Am Ende des Tages machen sich die Frauen im Zentrum auf den mühsamen Heimweg. Die Temperaturen liegen auch am Nachmittag noch bei über 30 Grad Celsius. Zurück bleibt ein einfacher Raum, der zeigt, was Altenhilfe leisten kann: Sicherheit geben, Fähigkeiten erhalten, Familien entlasten und Einsamkeit durch Gemeinschaft ersetzen. Mit wenigen Mitteln erreichen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von COSE Unbezahlbares für die alten Menschen. Sie geben ihnen ihre Würde und ihren Lebensmut zurück.