Singen, tanzen, die Füße im Meer baden
Nach dem Frühstück beginnt der Tag mit Gymnastik und ein paar Tanzschritten.@ Andrea Hösch
Erdmute kann ihr Glück kaum fassen: Gestern hatte sie Geburtstag, heute werden ihre Wünsche erfüllt: eine Runde Riesenrad fahren und die Füße im Meer baden. Sie schiebt den Rollator zur Seite und nimmt Klaus’ Hand. Barfuß laufen sie durch warmen Sand und über Muschelschalen. Als ihre Füße das kühle Nass erreichen, schließt sie kurz die Augen und strahlt. "Allein hätte ich mich das nicht getraut", sagt die kleine Frau aus Ahlen, die der Ankunft ihres sechsten Urenkels entgegenfiebert. Erdmute ist gerade 88 geworden. Gefeiert hat sie auf Norderney, wo sie mit der Caritas Urlaub macht – zusammen mit 18 anderen älteren Menschen aus dem Münsterland, die zehn Tage Nordseeluft schnuppern.
Caritas-Idee gegen Einsamkeit
Klaus Sturm, 70, und Susan Helmer-Vogt, 63, begleiten die Gruppe ehrenamtlich. Sie sorgen für gute Laune, organisieren Tickets, lesen vor, laden zu Spieleabenden ein, spielen Playlists zum Mitsingen und Mitschunkeln, leiten die Morgengymnastik und gestalten den Abschiedsabend mit Polonaise. Alle können, keiner muss mitmachen. Einer der beiden Begleiter ist stets erreichbar. Auch Nadja Littau und Jennifer Meier sind in Bereitschaft, wenn eine der 18 Seniorengruppen pro Jahr unterwegs ist. Die Mitarbeiterinnen der Caritasverbände im Kreis Warendorf organisieren die Reisen, buchen die Gästehäuser, nehmen Anmeldungen entgegen, kümmern sich um den Pool von 20 Ehrenamtlichen und sind bei Problemen oder im Krankheitsfall ansprechbar für das Begleitteam.
Eingespielt und erprobt: das ehrenamtliche Begleiterteam Susan Helmer-Vogt
und Klaus Sturm.
@ Andrea Hösch
Seit den 1980ern bieten die Caritasverbände im Kreisdekanat Warendorf zusammen mit Ahlen, Drensteinfurt und Sendenhorst Seniorenreisen an – nicht nur im Sommer und Herbst, sondern oft auch zu Weihnachten und Silvester. Entstanden ist die Idee zur Bekämpfung von Einsamkeit im Alter. Aus Erzählungen weiß Nadja, dass viele ältere Menschen allein leben und sich sehr darauf freuen, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben. "Daraus sind schon Freundschaften und sogar Ehen entstanden", erzählt sie.
Rüstige Rentner:innen mit Herz und Geschichten
Wer mitfährt, muss fit und selbstständig sein, ohne Hilfe in den Bus einsteigen und sich anziehen können. "Eine Eins-zu-eins-Betreuung und Pflege können die Ehrenamtlichen nicht leisten", sagt Nadja. Ein Rollator ist kein Hindernis. Vor der Turnhalle parken sie in Reih und Glied. Im Stuhlkreis sitzt der Großteil der Gruppe – im Kopf jung, nur der Körper lässt nach. Zu rhythmischer Musik schwingen sie Tücher, kreisen die Arme und tanzen im Sitzen Walzer. "Viele sind erst scheu, aber dann macht der Sitztanz Spaß", sagt Susan, die das Bewegungsprogramm leitet.
Mit dabei sind Harry, mit 97 der Älteste, der von seiner Tochter versorgt wird und nur einen Stock braucht. Hiltrud, die 24 Jahre lang Akkord gearbeitet hat: "Das macht die Knochen kaputt." Marianne und Mechthild, die sich hier nach Jahren wiedergetroffen haben. Mariannes Mann Ferdinand, der trotz steifer Finger Akkordeon spielt. Die Nachbarinnen Regina und Monika, die sich nach dem Tod ihrer Männer getröstet und angefreundet haben. "Wir fühlen uns hier aufgehoben und zehren das ganze Jahr davon", sagt Monika, die schwer herzkrank war und vor zwei Jahren auf Norderney Kraft schöpfte. Monika zeigt ein Foto vom ersten Aufenthalt: "An schweren Tagen blättere ich in der Galerie und denke zurück", sagt sie. Erdmutes Souvenirs sind die Perlmuttschalen vom Strandgang mit Klaus.
Ehrenamt, Kofferservice und ein Lied zum Abschied
Klaus und Susan sind seit drei Jahren ein festes Team. Mit welcher Gruppe sie wohin fahren, wird ausgelost – damit auch andere die Insel kennenlernen. Neben Norderney und Borkum sind Bad Kissingen, Bad Zwischenahn und Mallorca die beliebtesten Ziele mit Wartelisten. Zehn Tage im Einzelzimmer mit Halbpension im AWO-Gästehaus (keine 100 Meter vom Strand) kosteten im Sommer 2026 inklusive Anfahrt 1650 Euro. Öffentliche Förderung gibt es nicht mehr, bei Bedarf sind Stiftungsgelder möglich. Schon früh im Jahr schalten Nadja und Jennifer die Telefonleitungen zum Anmelden frei. "Da musst du schnell sein", weiß Erdmute, "die Plätze sind im Nu weg."
Für die extra geschulten Ehrenamtlichen bleibt wenig Zeit zur Erholung. Immer gibt es etwas vorzubereiten oder zu erledigen. Dennoch machen Klaus und Susan den Job gern: "Wir freuen uns, wenn sich die Senioren freuen", sagt Susan, die seit der Coronakrise Medikamente für einen Apotheker ausliefert. "Da begegne ich so vielen einsamen Menschen, die für ein paar Minuten Zuhören dankbar sind", sagt die Rentnerin. Sie selbst freut sich über Lob: "Das hast du gut gemacht – dieser Satz tut gut." Im Alltag hat er Seltenheitswert, auf den Reisen hört sie ihn täglich. Die Dankbarkeit der Senior:innen zeigt sich in Worten, Gesten und seligem Lächeln.
Allein wegzufahren würden die Frauen und Männer nicht mehr schaffen – mit verpassten Anschlusszügen und schwerem Gepäck wären sie überfordert. Doch die Caritas bietet den geschätzten Kofferservice bis ins Zimmer und zurück. Am vorletzten Tag fangen einige schon an zu packen. Bevor es mit der Fähre zurückgeht, singen die Senior:innen inbrünstig: "Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand." Und fragen einander, ob sie sich nächstes Jahr wohl wiedersehen. "Wenn wir da noch sind", entgegnet der 92-jährige Ferdinand und fügt hinzu: "Zum Glück weiß das niemand."
Der Rollator ist kein Hindernis: Auch 90-Jährige lieben Urlaub am Meer.@ Andrea Hösch