Schulabsentismus ist mehr als Schwänzen
Foto: KI-generiert (Canva)
Endlich ein Schulkind. Kinder sind stolz am ersten Schultag, wollen lernen. Schon nach zwei Wochen kann das vorbei sein – nach dem ersten Rechenspiel in der Klasse. Wer noch keinen Plan von Zahlen hat, erlebt sich als Versager. Nun hat das Kind keine Lust mehr auf Schule, will vielleicht gar nicht mehr hin, hat morgens öfter Bauch- oder Kopfweh oder versteckt sich, bis die Schule vorbei ist. Es hat Angst.
Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen – und damit gekoppelt Schulabsentismus –haben nach der Pandemie zugenommen. Das erlebt auch Alexandra Unruh. Sie ist Schulsozialarbeiterin in Ludwigsburg, begleitet täglich Schüler:innen, um Schulabsentismus zu vermeiden. Zuständig ist sie mit einer 75-Prozent-Stelle für 800 Kinder. "Ein beachtlicher Betreuungsschlüssel", bemerkt sie ironisch. Sie beobachtet, dass mehr Mädchen an Magersucht erkranken. Auch hätten manche Kinder und Jugendliche im Lockdown nicht gelernt, mit Gleichaltrigen umzugehen, und Sozialphobien entwickelt. Sie schafften es weder, in den Bus zu steigen noch ins Schulgebäude zu gehen. Sie hätten sich in der Isolation eingerichtet mit Außenkontakten nur über soziale Medien. Im Internet lauern weitere Gründe für Schulabsentismus: Mobbing im Klassenchat oder Erfahrungen mit Grooming, der gezielten Kontaktaufnahme Erwachsener, um Kinder zu missbrauchen. Sozial-, Alltags- sowie Medienkompetenztraining stehen daher ganz oben auf der To-do-Liste der Schulsozialarbeit.
Eltern und System in der Pflicht
Die Menge an Problemlagen sei durch die derzeitige Finanzierung sozialer Arbeit nicht mehr aufzufangen, berichtet Julian Bach, Leiter des Caritas-Dienstes in Ludwigsburg und zuständig für Schulsozialarbeit. Dabei sei Schulsozialarbeit als geschützter Raum ohne Leistungsdruck und mit verlässlichen Kontakten so wichtig – auch in ihrer Funktion als Wegweiser. Doch wohin soll der Weg gehen, wenn in Ludwigsburg die Fachstelle für Essstörungen gestrichen wird?

Um Schüler:innen wieder erfolgreich zum Unterricht zu bringen, müssen die Eltern mit ins Boot geholt werden. Auch Probleme zu Hause können Grund für Schulabsentismus sein. Miriam Rieschl, Sozialpädagogin in einem Ludwigsburger Projekt, das Schüler:innen mit Schwierigkeiten betreut, berichtet von einem Mädchen: Nach dem Tod der Mutter entwickelte der Vater eine Alkoholsucht. Das Kind ging nicht mehr zur Schule, weil es sich für den Vater verantwortlich fühlte. Gemeinsam wurden Vater und Tochter sozialpädagogisch betreut. Die Tochter hat nun ihren Hauptschulabschluss geschafft.
Wie viele Kinder in Deutschland in der Schule fehlen, lässt sich nicht genau sagen. Eine verlässliche Statistik gibt es nicht, denn Schule ist Ländersache. Die Dokumentation von Fehlzeiten regeln die Schulen meist selbst. Der Bildungsbericht 2026 nennt einen Anteil von acht Prozent der Schüler:innen ohne Abschluss – ein Höchststand. Dem Schulabbruch geht meist Schulabsentismus voraus.
"Schule – ohne mich!?"
Im Projekt "Schule - ohne mich!?" von IN VIA Deutschland gibt es die spannende Interviewreihe "Schulabsentismus begegnen – aber wie?!". Das Projekt bündelt zentrale Erkenntnisse. Ziel ist es, Handlungsanforderungen an die jugend- sowie bildungspolitisch Verantwortlichen zu stellen. Es wird bis zum 31. Dezember 2026 im Rahmen der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e.V. mit Mitteln aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes gefördert.