Alle Kinder haben ein Recht auf Teilhabe
Das Autokino in der Caritas-Kita: Die „Sonnenblume“ in Burscheid setzt auf kreative Angebote.@ Caritasverband für den Rheinisch-Bergischen Kreis e.V.
Was hat Autokino mit armutssensiblem Handeln zu tun? Die Kita "Sonnenblume" in Burscheid zeigt es. Etwa 20 Kinder auf Bobbycars stehen im Hof der Einrichtung auf korrekt markierten Parkplätzen vor einer Leinwand und schauen einen Film aus der Reihe "Sendung mit der Maus". Eine Erzieherin kontrolliert die Eintrittskarten. Ein tolles Erlebnis. Alle sind mit Freude dabei. "Mit unserem Bobbycar-Autokino wie mit vielen anderen Aktionen zeigen wir den Kindern: Man kann schöne Sachen machen, Spaß haben, ohne dass es etwas kostet. Das stärkt die Kinder und deren Kreativität", sagt Kitaleiterin Brigitte Sartingen-Kranz.
Aufwachsen unter Armutsbedingungen ist einer der größten Risikofaktoren der kindlichen Entwicklung.

"Traurigerweise kommt dies häufiger vor, als man vermutet", weiß Brigitte Sartingen-Kranz. "Etwa jedes fünfte Kind wächst in Deutschland in Armut auf. Bei unseren etwa 100 Kindern sind dies 20 Kinder. Das muss man sich mal klarmachen. Das ist eine komplette Gruppe." Weil dringender Handlungsbedarf besteht, haben die Mitarbeitenden der Kita "Sonnenblume" ein Konzept zum armutssensiblen Arbeiten entwickelt und setzen dies konsequent um. Sie wollen allen Kindern bedingungslose Teilhabe ermöglichen und der Benachteiligung von einkommensarmen Familien entgegenwirken. Und überall wird das hier sichtbar: sei es am offenen Kleiderschrank, wo sich Familien mit gespendeter Kinderkleidung, Fahrradhelmen oder Kinderautositzen kostenlos versorgen können, sei es am Foodsharing-Schrank im Eingangsbereich oder an der Bücherkiste im Hof. Wer möchte, kann sich dort mit Lesestoff für Kinder und Jugendliche versorgen.
Eine Maxime der Kita: Über den Monatsbeitrag und das Essensgeld hinaus entstehen den Eltern keine zusätzlichen Kosten. Alles wird entweder aus dem Etat oder über Spenden, Stiftungen und andere Geldgeber finanziert. Da die Kita im örtlichen Caritasverband, in der Gemeinde und in der Kommune mit vielen Akteuren wie dem Sportverein oder Firmen gut vernetzt ist, tun sich immer wieder kostenfreie Aktivitäten oder Geldquellen auf: für die Weckmänner zu St. Martin, das Osterfrühstück oder die Würste beim Sommerfest. "Wir sind noch nie auf unseren Kosten sitzen geblieben", berichtet die Leiterin.
Ein respektvoller Beginn
Schon in der Aufnahmemappe liegt das ausgefüllte Formular, mit dem Eltern Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabegesetz beantragen können, damit sie von den Beiträgen für das Mittagessen befreit werden. "Früher mussten die betroffenen Familien zu mir kommen und nach dem Formular fragen. Aber Armut ist immer noch sehr stark schambesetzt. Viele haben früher nicht gefragt", weiß die Leiterin. Wer den Antrag nicht braucht, kann ihn einfach wegwerfen. Darüber und über weitere Hilfestellen klären ein ebenfalls beigelegtes Infoblatt sowie die Mitarbeitenden auf, falls gewünscht. Die Kita erreicht damit auf respektvolle Weise nicht nur die Familien, die Unterstützung brauchen. Sie schaffen bei den anderen ein Bewusstsein für unterschiedliche Lebenslagen nach dem Motto: "Ach, schau her –Armut, das gibt es auch hier bei uns!" Die Erfahrung in der "Sonnenblume" ist, dass mehr Solidarität entsteht.
Der Blick auf Armut braucht viel Einfühlungsvermögen und zeigt sich an vermeintlichen Kleinigkeiten. Zum Beispiel am Geburtstagskuchen: Den brachten früher selbstverständlich die Eltern mit. Bei begüterteren Familien oft kleine Kunstwerke: Torten in Fußballfeldform oder Prinzessinnenschlösser, dekoriert mit viel Zuckerwerk. Eine andere Familie brachte nur eine Packung belgische Waffeln vom Discounter. Da gab es dann schon den Kommentar: "Oh, gibt es nur das!" Das ist verletzend. Und das spüren die Kinder. Schon früh in der Biografie ein Erlebnis der Ausgrenzung!
Heute werden die Geburtstagskuchen in der Kita-eigenen Küche gebacken. Es sind immer die gleichen Kastenkuchen. Das Einhorn, der Regenbogen, das Fußballtrikot für die Deko sind aus laminierter Pappe ausgeschnitten und werden oben auf das Backwerk draufgesteckt. Aus dem Sortiment kann sich jedes Kind seinen Deko-Favoriten aussuchen und hat so auch seinen ganz eigenen Kuchen. Das Fest ist das Wichtige. Was zählt, ist, dass das Kind an seinem Geburtstag gewürdigt wird.
Quelle: Paritätischer Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V., 2025
Ein armutsfreier Raum
Armut bedeutet für Kinder etwas anderes als für Erwachsene. Armut bedeutet für sie, keine Freunde zum Kindergeburtstag einladen zu können, weil in der Wohnung kein Platz ist, und dass sich die Eltern kein teures Spielzeug, keine kostspieligen Ausflüge oder kein Eis leisten können. Es bedeutet für sie, selten frisches Obst oder Gemüse zu essen, nicht in den Ballettunterricht oder zum Reiten zu gehen, sich insgesamt weniger ausprobieren zu können. Das hat Auswirkungen auf intellektuelle und motorische Entwicklung und damit schlussendlich auf den Bildungsweg!
@ Caritasverband für den Rheinisch-Bergischen Kreis e.V.
"Wir können in unserer Kita ,Sonnenblume‘ den Kindern einen Raum geben, in dem sie armutsfrei aufwachsen und sich bestmöglich entfalten können", erklärt Brigitte Sartingen-Kranz. Dazu gehören als wichtiger Baustein jeden Tag frisch gekochtes gesundes Essen für die über 100 Kinder aus der eigenen Küche und ein offener Obstkorb. Dazu gehören auch die unzähligen Plastikboxen, die im Untergeschoss ordentlich aufeinandergestapelt sind. Jede mit einer eigenen Beschriftung: "Ostern", "Sommerspaß", "Sandkasten", "Fasching", "Häkeln und Stricken" oder "St. Martin" steht darauf. Das sind Aktionskisten. In ihnen ist alles drin, was man für eine bestimmte Aktivität braucht. Wer mit seinen Kindern auf den Spielplatz gehen möchte, aber weder Eimer noch Förmchen oder Schaufel hat, der kann die passende Kiste ausleihen und damit losziehen. Wer zu Ostern die Wohnung schmücken möchte, aber kein Geld für Deko hat, kann sich hier was borgen. Wer für den Geburtstag Kerzen und Luftschlangen braucht, findet das in der Kiste. Wer kein Auto oder keine Möglichkeit hat, etwas Schweres zu transportieren, für den stehen zwei Lastenfahrräder in der Garage. Die werden für Ausflüge mit den Kindern oder auch für Einkäufe gerne angenommen. Sie sind ein richtiger Erfolgsschlager. Ausleihen kann jede Familie. Niemand muss sich als bedürftig outen.
Pädagog:innen müssen sich mit Armut auseinandersetzen
Um armutssensibel handeln zu können, brauchen Erzieher:innen und pädagogisches Personal umfangreiches Wissen und Fertigkeiten. Gedankengänge wie: "Warum sucht sich Mutter A nicht endlich einen Job, wenn sie kein Geld für Brot hat" – "Dann soll Vater B aufhören, zu rauchen, damit er seinem Kind ordentliche Schuhe kaufen kann" sollen gar nicht erst entstehen. "Es ist unser Anspruch, dass in diesem Haus niemand Angst haben muss, bei etwas nicht mithalten zu können; niemand Sorge hat, verurteilt zu werden; sich schämt, gleich wofür; Ausgrenzung erfährt; sich nicht traut, etwas anzusprechen; sich sorgt, dass sein Kind Benachteiligung spürt; Angst haben muss vor Bloßstellung. Vielmehr stellen wir uns die Frage, welche Umstände zur Armut geführt haben und wie wir tatkräftig unterstützen können", so das Resümee von Brigitte Sartingen-Kranz.
Damit setzt die Kita "Sonnenblume" in Burscheid um, was die Caritas nach Erscheinen des Bildungsberichtes Anfang des Jahres auf Bundesebene gefordert hat: Es brauche Investitionen in frühkindliche Bildung, gezielte Unterstützung benachteiligter Familien sowie einen Ausbau von Ganztagsangeboten, um allen Kindern faire Chancen auf Teilhabe und Bildung zu ermöglichen.