„In Schweden werden Kinder nicht aussortiert“
Peter Brune ist Generalsekretär der Caritas Schweden.@ Axel Öberg/Caritas Sverige
Herr Brune, Sie haben lange für Kinder in Krisengebieten gearbeitet, heute leiten Sie die Caritas Schweden. Was sind aus Ihrer Sicht die größten bildungspolitischen Herausforderungen in Schweden?
Wir haben in Schweden einige Jahre wachsender Ungleichheit hinter uns. Vieles ist immer noch gut, aber wir hatten eine Regierungsperiode, in der die Politik sich nicht ausreichend um die wachsenden sozialen Unterschiede gekümmert hat. Das hat dazu geführt, dass bestimmte Gruppen weiter in die Marginalisierung abgerutscht sind – auch im Bildungssektor, das ist natürlich ein Problem.
Schweden galt lange als Vorbild für ein inklusives Bildungssystem – "eine Schule für alle". Die jüngsten Pisa-Daten zeigen aber, dass der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund und Schülerleistungen stärker geworden ist. Woran liegt das?
Ja, ich würde sagen, die Regierung gibt zu wenig Geld für das Bildungssystem aus. Wir haben bald Wahlen, und alles deutet darauf hin, dass die Regierung abgewählt wird – dann könnte sich einiges ändern. Wenn man auf die Zielgruppen der Caritas schaut, hat die aktuelle Regierung nicht gut gearbeitet. Die fremdenfeindliche Haltung der Regierung hat auch Auswirkungen auf das Bildungssystem gehabt.
Aber es dauert eine Weile, ein gut funktionierendes System zu ruinieren …
Genau – zum Glück. Das Bildungssystem war vielleicht nicht der am härtesten getroffene Bereich – am stärksten betroffen war die Entwicklungszusammenarbeit, wo ein "Schweden-zuerst"-Ansatz vorherrscht. Aber es stimmt, in unseren Schulen und Kindergärten läuft vieles noch immer sehr gut.
Können Sie kurz erklären, wie das schwedische Bildungssystem im Gegensatz zum deutschen aufgebaut ist?
Der normale Bildungsweg in Schweden beginnt mit einer Elternzeit, die bis zu 480 Tage beträgt – bis zu 80 Prozent des Gehalts werden in dieser Zeit weitergezahlt. Die Kinder gehen dann oft mit etwa eineinhalb Jahren in den Kindergarten. Die Schulpflicht beginnt mit sechs Jahren – und umfasst zehn Jahre. Das Besondere ist: Es gibt weniger Aufteilung in verschiedene Schulformen als in Deutschland. Alle Kinder bleiben bis zum Alter von etwa 16 Jahren zusammen in der sogenannten Grundskola. Die ersten drei Jahre sind die Unterstufe, dann die Mittelstufe und schließlich die Oberstufe der Grundschule – aber immer integriert.
Der Unterricht wird in Schweden stark an die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler angepasst. Es ist ausdrücklich erlaubt und erwünscht, das Lehrprogramm danach zu richten – eine Flexibilität, die für den Einzelnen gut ist.
Danach folgt das Gymnasium, das dreijährig ist und in dem man sich spezialisieren kann – entweder auf einen allgemeinbildenden oder auf einen berufsvorbereitenden Schwerpunkt. Aber auch dort bleiben viele Fächer gemeinsam. Und dann geht es an die Universität – auch die ist in Schweden kostenfrei.
Was unterscheidet die gesellschaftliche Haltung zur Bildung in Schweden von der in Deutschland?
Vielleicht etwas generalisierend, aber ich würde sagen, dass es in Schweden eine grundlegend entspanntere gesellschaftliche Haltung gegenüber Bildung und Erziehung gibt. Es herrscht weniger Leistungsdruck, weniger Angst vor dem Sitzenbleiben oder vor schlechten Noten. Die Eltern in Schweden sind entspannter – sie wissen, dass ihr Kind nicht aussortiert wird, weil es mit zehn Jahren noch nicht perfekt lesen oder rechnen kann.
Das schafft Voraussetzungen für eine andere Lernatmosphäre. Kinder gehen mit weniger Druck zur Schule, und Lehrer können sich auf das Wesentliche konzentrieren: die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes.
Wie steht es um den Lehrerberuf in Schweden?
Gerade im Bereich der frühen Bildung – also in der Grundschule – gibt es in Schweden durchschnittlich mehr Lehrkräfte pro Schüler. Und diese Lehrkräfte sind besser ausgebildet und auch besser bezahlt. Das ist ein entscheidender Unterschied: In Deutschland ist es oft umgekehrt – je jünger die Kinder, desto schlechter die Bezahlung und desto niedriger das Ansehen. Das ist ein großer Fehler, denn die frühe Bildung ist die wichtigste überhaupt.
Was kann Deutschland vom schwedischen Bildungssystem lernen?
Ich würde sagen: Fördern Sie eine Kultur, in der es für jeden möglich ist, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Es sollte nicht davon abhängen, ob die Eltern einen höheren Bildungsabschluss haben oder nicht. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass alle – unabhängig von der sozioökonomischen Herkunft – gleiche Chancen haben, einen Universitätsabschluss zu erlangen.
Sie haben selbst vier Geschwister – alle haben studiert.
Ja, meine Eltern kamen 1949 aus Deutschland nach Schweden. Wir sind fünf Geschwister, alle haben studiert – drei wurden Ärzte, ich wurde Lehrer, meine Schwester Anwältin. Meine Eltern haben keine einzige Krone dafür bezahlt.
Gibt es auch etwas, das Deutschland besser nicht kopieren sollte?
Die Privatisierung im schwedischen Schulsystem ist zu weit gegangen. Es gab seit Beginn der 1990er-Jahre eine Bewegung hin zu mehr Privatschulen, und internationale Bildungsunternehmen haben das System ausgenutzt. Selbst diejenigen, die früher für mehr Freiheit im Schulsystem waren, sagen heute: Es ist Zeit, das Schulsystem wieder zu verstaatlichen. In Finnland gab es diese Entwicklung etwa nicht – und dort ist auch das Leistungsniveau der Schüler nicht gesunken.
Wie ist die Situation mit Nachhilfe in Schweden? In Deutschland geben Eltern Hunderte Millionen Euro für private Nachhilfe aus.
Der Markt für private Nachhilfe wächst auch in Schweden. Aber klassischerweise gibt es auch viele zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Caritas, die hier kostenfrei Unterstützung anbieten. Allgemein sind wir Schweden uns gesellschaftlich größtenteils einig: Man sollte keine reichen Eltern haben müssen, die für zusätzliche Unterstützung bezahlen können.
Was geben Sie der deutschen Bildungspolitik mit auf den Weg?
Zwei Empfehlungen. Erstens: Sorgen Sie dafür, dass Kinder von Anfang an das Gefühl haben, dass sie einen Universitätsabschluss erreichen können – unabhängig vom sozioökonomischen Status der Eltern. Und zweitens: Stellen Sie sicher, dass jedes Kind tatsächlich einen Universitätsabschluss erreichen kann – unabhängig von der Herkunft. Denn wir brauchen in den kommenden Jahren eine gut ausgebildete Bevölkerung. Es lohnt sich, in die Bildung breiter Teile der Gesellschaft zu investieren – gerade in Zeiten, in denen es die Demokratie schwer hat.