„Unser Schulsystem ist eine soziale Sortiermaschine“
Bob Blume will ein besseres Schulsystem und fragt sich: „Warum macht man nicht das, was an manchen Schulen gut läuft, auch anderswo?@ Axmann-Rottler
Herr Blume, Sie haben das Schulsystem einmal eine "soziale Sortiermaschine" genannt – es sortiert Kinder nach Herkunft, statt ihnen gleiche Chancen zu geben. Glauben Sie, dass man dieses System von innen heraus überhaupt noch retten kann?
Schöne Frage zum Einstieg. Es geht schon, aber es dauert und ist anstrengend. Sisyphos ist eigentlich der glücklichste Mensch – er muss den Stein immer wieder den Berg hochschieben, aber er weiß jederzeit, was zu tun ist. So fühle ich mich auch – und mit mir viele Menschen, die das Bildungssystem verändern wollen. Das große Problem ist, dass unser Schulsystem sehr kompliziert ist. Es gibt keinen einzigen Ort, von dem aus sich alles steuern ließe. Von heute auf morgen das ganze System zu ändern – das funktioniert nicht. Aber wenn ich nicht überzeugt wäre, dass man an einigen Stellen etwas verändern kann, würde ich meine Arbeit nicht machen.
Warum sind Bildungschancen in Deutschland immer noch so ungerecht verteilt?
Weil wir an den falschen Stellen investieren. Perfekte Chancengerechtigkeit wird es auch dann nicht geben, aber Schule kann sich annähern. Der Nobelpreisträger James Heckman hat gezeigt: Wer früh in die Bildung von Kindern investiert, hat später den größten Nutzen. In Deutschland war es jahrelang umgekehrt – die Gymnasien bekamen das meiste Geld. Das muss sich ändern, ist politisch aber gar nicht so leicht, weil sich Investitionen erst über einen langen Zeitraum als wirksam erweisen – und die betreffenden Politiker:innen sind dann oft schon lange nicht mehr im Amt.
Dass das Problem besteht, ist mittlerweile allen klar. Hinzu kommt: Die Ungerechtigkeit trifft vor allem die, die ohnehin schon benachteiligt sind. Diejenigen, die vom System profitieren – etwa Eltern, deren Kinder aufs Gymnasium gehen– sind zwar keine einheitliche Gruppe, aber sie sind laut genug, um harte Einschnitte zu verhindern. Deshalb haben wir heute einen Flickenteppich aus verschiedenen Regeln und keine klare Linie.
Ein Bildungs-Flickenteppich – das klingt nicht gut.
Es ist noch schlimmer: Wir schaffen es nicht, sehr gute Konzepte in die Breite zu tragen. Es gibt einzelne Schulen, die zeigen, wie es besser geht. Sie gewinnen den Deutschen Schulpreis, weil sie gute Leistung und soziale Vielfalt zusammenbringen. Dann kommt der Bundespräsident und sagt: Das habt ihr toll gemacht. Doch dann passiert nichts. Erfolgsmodelle werden nicht auf andere Schulen übertragen. Warum macht man nicht einfach das, was dort gut läuft, auch anderswo? Ich habe mit einer saarländischen Kultusministerin gesprochen. Sie sagte: Der Föderalismus ist auch gut, denn es wäre sinnlos, Surfkurse wie an der Nordsee an Schulen in Bayern anzubieten. Das leuchtet ein. Aber funktionierende Konzepte herausragender Schulen sollte man dennoch in die Breite tragen. Das ist die Aufgabe der Politik.
Ein wichtiger Punkt: die frühe Trennung nach der vierten Klasse. Wäre es besser, wenn Kinder länger gemeinsam lernen?
Wenn wir erfolgreicher werden wollen, dann schon. Alle europäischen Länder, die bei "Pisa" gut abschneiden, haben kein dreigliedriges Schulsystem. Der bekannte Bildungsforscher John Hattie sagt: Es gibt kein Land, in dem die Schule so ungerecht ist wie in Deutschland. Aber eine einzige Änderung wird nicht alles lösen. Wenn wir acht Jahre gemeinsam lernen, dann müssten am Ende alle die Grundlagen beherrschen – Lesen, Schreiben, Rechnen. Und dann müssten wir die verschiedenen Wege nach der Schule aufwerten – auch die praktischen Ausbildungen. Viele Gymnasiast:innen wollen gar nicht studieren, sondern lieber etwas Praktisches tun. Das wäre völlig in Ordnung – aber nur, wenn dieser Berufsweg genauso viel Ansehen bekommt wie ein Studium. Das ist heute nicht der Fall.
Sie sagten, die Profiteure des Systems verhindern Reformen. Was meinen Sie genau?
Das Problem ist, dass es schwierig ist, Menschen, die vom System profitieren, klarzumachen, dass ihr Egoismus auf lange Sicht allen schadet. Die eigenen Kinder studieren mit Einser-Abitur in München – schön. Aber wer verlegt die Fliesen in ihrem Badezimmer? Wer zahlt später ihre Rente, wenn 60.000 Schüler ohne Abschluss direkt in die Sozialsysteme übergehen? Wenn ein Viertel der Kinder vor der weiterführenden Schule nicht richtig lesen und schreiben kann, wird das für die ganze Gesellschaft teuer. Trotzdem setzt sich diese Einsicht politisch nicht durch. Denn Eltern sind keine so starke gemeinsame Lobby wie etwa die Rentner.
Caritas und andere Verbände helfen an vielen Schulen mit Hausaufgabenbetreuung, kostenlosem Frühstück und Lernpatenschaften. Ist das gut – oder verhindert es, dass sich endlich etwas Grundlegendes ändert?
Das ist eine der kompliziertesten Fragen überhaupt. Natürlich ist es unheimlich wichtig, dass diese Arbeit gemacht wird – direkt vor Ort bei den Familien, bei Kindern mit wenig Deutschkenntnissen. Aber politisch könnte daraus auch die Erkenntnis erwachsen, dass es doch auch so irgendwie geht. Deshalb müssen wir immer wieder auf die Missstände hinweisen. Es kann doch nicht der Anspruch eines reichen Landes wie Deutschland sein, dass alles nur notdürftig geflickt wird durch Caritas und Co. Vor allem, wenn wir dringend Arbeitskräfte brauchen und viele Menschen ohne Schulabschluss dastehen. Da schießen wir uns selbst ins Bein.
Also erst ein großer Zusammenbruch, damit sich endlich etwas bewegt?
Was wir brauchen, ist ein Miteinander auf Augenhöhe. Ich war in einer Schule in Hannover, die den Schulpreis gewonnen hat. Einen Tag lang wurden dort die Rollen getauscht: Lehrkräfte wurden zu Schulbegleiter:innen und Schulbegleiter:innen zu Lehrkräften. Das hat Reibereien gegeben, aber es hat auch dafür gesorgt, dass jeder mal die Perspektive des anderen verstanden hat. Und die Forschung zeigt: Wenn alle im Team glauben, dass sie gemeinsam etwas bewirken können – dann klappt der Unterricht am besten. Nicht getrennte Welten, sondern echte Zusammenarbeit.
Eine letzte Frage: Wie müsste Schule aussehen, damit wir der Bildungsgerechtigkeit wenigstens ein Stück näherkommen?
(Lacht.) Das ist viel für eine kurze Antwort. Aber: Ein Drittel aller Schüler:innen fühlt sich in der Schule unwohl. Wenn Schulen Orte wären, an denen alle – ob Kind oder Erwachsener – sagen: Wow, hier möchte ich wirklich den ganzen Tag verbringen – dann hätten wir schon viel gewonnen. Und ja: Wenn wir genug Menschen hätten, die wirklich Lehrerin oder Lehrer werden wollen – nicht wegen des sicheren Beamtenstatus, sondern weil sie Lust haben, etwas zu verändern – dann wäre das auch ein guter Anfang.
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Bob Blume ist Lehrer, Bestseller-Autor und Podcaster - bekannt als "Netzlehrer", kämpft der Ober- studienrat aus Südbaden für mehr Bildungsgerechtigkeit und einen Umbau des deutschen Schulsystems.
Podcast-Tipp:

"Die Schule brennt – der Bildungspodcast mit Bob Blume" Reformstau, Lehrkräftemangel, wachsende Bildungsungerechtigkeit - und dann auch noch KI. Bob Blume nimmt sich jeden Montag die drängendsten Probleme unseres Schulsystems vor. Zusammen mit Expert:innen aus Wissenschaft, Praxis und Politik sucht er nicht nur nach den Gründen für die Misere, sondern vor allem nach konkreten Lösungen. Der Podcast ist ein scharfsinniger, oft überraschender Blick hinter die Klassenzimmertür – mit Gästen, die wirklich etwas zu sagen haben. Alle Folgen gibt es in der ARD-Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt.