Schule neu denken: So gelingt mehr Bildungsgerechtigkeit
Berlin-Pankow. Zwei langgezogene Wohnklötze auf der Landsberger Allee. In der Conrad-Blenkle-Straße schluckt Plattengrau das Sonnenlicht, gegenüber bunter Altbau und weiter unten drängt neureicher Beton ins Viertel. Mittendrin liegt die Maria-Leo-Grundschule – ein Neubau für die vielfältigen Kinder des Quartiers. Von außen unscheinbar, im Herzen spektakulär. 2025 gewann sie dafür den Deutschen Schulpreis als beste Schule.
"Bringen Sie Hausschuhe mit", empfiehlt die Sekretärin routiniert. Bevor die Schulleiterin Zeit hat, soll ich auf Schnitzeljagd gehen. Eine App führt durchs Gebäude. Jede Etage bildet ein Lernhaus. Es gliedert sich in ein Mikrolernhaus bis Klasse drei und ein Makrolernhaus bis Klasse sechs. Die Kinder bleiben ihre gesamte Schulzeit über auf einer Etage. Das schafft Bindung.
"Wichtig ist uns, dass wir den Kindern verlässliche Strukturen bieten, in denen sie sich geborgen fühlen und entfalten können", wird Sandra Scheffel später sagen. Diese Strukturen bilden das Fundament. Auf dem folgt jedes Kind seinem individuellen Lernplan. Zugleich arbeitet es in Gruppen und Projekten und lernt mit Hilfe vieler Methoden und Angebote. Musik und Kunst gehören dazu.
Zu den "Mikros" auf der zweiten Etage geht es links hinein. Ein großer, lichtdurchfluteter Raum öffnet sich. Von diesem Forum gehen Lernräume mit gläsernen Wänden ab. In einem stehen Kinder im Kreis um die Lehrerin, im nächsten sitzen Schüler:innen an ihrem eigenen Arbeitsplatz, lesen zusammen oder allein auf einem Kissen liegend.
Verlässliche Strukturen und Lernräume, in denen sich die Schüler:innen wohlfühlen – so lautet die Erfolgsformel der Maria-Leo-Schule in Berlin. @ Angela Kröll
Dieses diverse Lernen ist nicht nur kindgerecht. Es bereitet die Kinder auf eine Zukunft im Wandel vor, ist Schulleiterin Sandra Scheffel überzeugt: Denn sie erwerben Grundwissen, können aber auch in Teams agieren, kreativ und selbstständig handeln, Zusammenhänge verstehen und sich auf Unbekanntes einlassen. Zudem wird es Kindern gerecht, die diverser sind denn je. "In Pankow sind wir eine vielfältige Schule", sagt Scheffel. Manche Kinder haben vor der Einschulung noch keinen Malstift in Händen gehalten, andere bedienen wie selbstverständlich ihr iPad. Dieser Vielfalt wird Frontalunterricht nicht gerecht – konnte er nie.
Freiheit und Verantwortung
Auf dem Weg zu den Makros steht am Anfang des Forums ein Glaskasten. Darin fläzen vier ältere Jungs auf Kissen. "Hier kann ich mich besser konzentrieren", sagt der eine. "Außerdem gibt es viele Bücher", der andere. "Aber nutzen dürfen es nur Explainer", ordnet der dritte ein. Aha.
Explorer, Explainer, Experts: So sind die Stufen des an der Berliner Maria-Leo-Schule etablierten Graduiertensystems aufgebaut. Mit ihm konnte sie den Deutschen Schulpreis 2025 gewinnen.@ Angela Kröll
Explorer, Explainer, Experts heißen die Stufen des entwickelten Graduiertensystems. Jede eröffnet Freiheiten – und verlangt mehr Verantwortung. "Unsere Schule funktioniert nur deshalb so gut, weil es klare Prozesse, Absprachen und Regeln gibt", sagt Sandra Scheffel. Innerhalb dieses Rahmens lernen die Kinder eigenverantwortlich. "Disziplin und Ausdauer sollten im besten Fall von innen heraus entstehen", weiß sie. Leistungen werden im persönlichen "Brückenbuch" dokumentiert, klassische Noten gibt es erst ab der fünften Klasse.
Diese Mischung aus individueller Förderung, Methodik und konsequenter Umsetzung überzeugte auch Nicole Schäfer, Jurymitglied des Deutschen Schulpreises und selbst seit 1999 Schulleiterin: "Noch nie hat mich eine Schule und ihr Konzept so beeindruckt. Bemerkenswert ist, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird."
Konflikte ernst nehmen
Seit 2018 entwickeln Sandra Scheffel und ihr Team Philosophie, Vision und Methodik der Schule kontinuierlich weiter. "Der immense Leidensdruck war unser bester Coach", sagt sie. Vieles orientiert sich an der Montessori-Pädagogik. Deren Leitgedanke ist: "Hilf mir, es selbst zu tun."
Konflikte bleiben dennoch nicht aus. "Wir nehmen uns Zeit, darüber zu sprechen. Kinder fühlen sich bei uns ernst genommen", sagt Erzieher Maximilian Sommer. Konfliktlots:innen unterstützen bei Streitigkeiten, Konfliktlösung gehört ebenso zum Lehrplan wie Partizipation. Im Kinderparlament treffen sich die Klassensprecher:innen jede Woche und tragen die Ergebnisse in ihre Klassen. "Bildung ist dann erfolgreich, wenn wir gute Beziehungen zueinander haben", sagt Sandra Scheffel.
Kinder tragen schwer
Swantje Dietrich sieht das ähnlich. Sie leitet die Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden, 584 Autobahnkilometer von Berlin entfernt. "Wenn wir die Grundbedürfnisse der Jugendlichen auffangen und ihnen ein stabiles Setting bieten, können sie auch gut lernen", sagt die 41-Jährige. Genau daran scheitern viele Schulen. Das System ist bis heute auf Fachlichkeit ausgerichtet – bei der Ausbildung der Lehrkräfte, den Ressourcen und der Leistungsbewertung.
Schule muss als lernendes System verstanden werden“, sagt Swantje Dietrich. Die 41-Jährige ist Rektorin der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden. Sie teilt ihren Alltag auf Instagram und hat 169.000 Follower. @ F.A.Z.-Foto/Frank Röth
Dabei bringen viele Kinder schwere Rucksäcke mit: Kinder, die für ihre Eltern auf dem Sozialamt übersetzen und im Unterricht müde sind. Aggressive Jugendliche, die nachahmen, was sie zu Hause erleben. Schüler:innen, die keinen Therapieplatz erhalten und sich durch den Tag schleppen. Diese Erfahrungen prägten die Art und Weise, wie sie lernen. "Wir fangen viele Probleme auf, für die Schulen weder personell noch strukturell aufgestellt sind – obwohl genau diese Entwicklungsarbeit häufig die Voraussetzung dafür ist, dass Lernen überhaupt gelingen kann", sagt die Leiterin der Integrierten Gesamtschule.
Deshalb müsse Schule neben der fachlichen Ausrichtung auch diesen Herausforderungen Raum geben können. Sonst verstärke sie Bildungsungleichheit und schränke Entwicklungschancen ein. "Jedes unserer Kinder bringt aber so viele Potenziale mit."
Mit ihrem Team nutzt Swantje Dietrich die Spielräume des hessischen Kultusministeriums. Hausaufgaben gibt es nicht – sie verstärken soziale Ungleichheit. Stattdessen unterstützen Lehrkräfte mit zusätzlichen Stunden ihre Schüler:innen in deren Übungszeit. Außerdem arbeiten sie in multiprofessionellen Teams und begleiten feste Lerngruppen. "Erst das ermöglicht die so wichtige persönliche Begegnung. Wir verstehen uns als lernendes System und ziehen an einem Strang", sagt sie.
Über den Schulalltag spricht die Schulleiterin auch auf Instagram. Dort folgen ihr 169.000 Menschen. Offenbar trifft sie einen Nerv – denn das deutsche Bildungssystem steckt im Reformstau. Die Kosten zahlen die jungen Menschen: Die Quote der frühen Schul- und Ausbildungsabgänger:innen in Deutschland liegt mit 12,2 Prozent deutlich über dem EU-Schnitt von 9,6 Prozent. Zugleich entscheidet die soziale Herkunft weiterhin maßgeblich über Bildungschancen: Besucht nicht einmal jedes fünfte Kind von Eltern ohne Abitur ein Gymnasium, sind es bei Akademikerkindern mehr als 80 Prozent, steht im neuesten Ifo-Bildungsmonitor.
Der Nationale Bildungsbericht 2026 sieht darin ein strukturelles Problem: Bildungsungleichheit entstehe nicht punktuell, sondern entlang der gesamten Bildungskette. Die Autor:innen fordern deshalb einen systemischen Blick auf diese sowie die Kinder und ihre Bildungsbiografien.
Die Bildungsexpertinnen Susanne Nowak und Julia Schad-Heim von IN VIA Deutschland, Fachverband der Caritas, überrascht das nicht. "Wir brauchen keinen weiteren Erkenntnisgewinn, sondern müssen diese Erkenntnisse endlich umsetzen", sagt Susanne Nowak. Dazu seien eine zielführende Kooperation im Föderalismus und eine verlässliche Finanzierung nötig. "Außerdem muss an und mit Schulen multiprofessionell zusammengearbeitet werden. Dies fördert Bildungsgerechtigkeit", ergänzt Julia Schad-Heim. Über Chancenungleichheit debattieren Kultusminister:innen seit langem, weshalb immer mehr junge Menschen aus dem System fallen. Das will die Caritas verhindern – und unterstützt sie auf unterschiedliche Weise, zum Beispiel in Rastatt und Berlin.
Motivator, Hausaufgabenhilfe, Vorbild
Maximilian Pankalla wohnt am Prenzlauer Berg in Berlin und engagiert sich als Bildungsbuddy der Caritas im Kinder- und Jugendhilfeverbund Sancta Maria am Wannsee, eine S-Bahn-Stunde entfernt. Dort leben 137 Kinder und Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer Familie wohnen können. Als Bildungsbuddy ist er ihnen Motivator, Kumpel und Kümmerer. "Ich höre zu, tröste, begleite sie bei ihren Hausaufgaben und bin einfach da", sagt der 22-Jährige. Letzteres ist für die jungen Menschen das Wichtigste.
Als ehrenamtlicher Bildungsbuddy begleitet Maximilian Pankalla Kinder und Jugendliche im Kinder- und Jugendhilfeverbund Sancta Maria am Wannsee. @ Angela Kröll
Was ihn motiviert? "Ich will den Kindern das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind." Andererseits beeindrucken sie ihn auch. "Manche von ihnen sind verschlossen, andere aber lachen, können Kind sein und schauen nach vorn. Sie darin zu bestärken, empfinde ich als Privileg", sagt er.
Und sein Engagement und das der anderen Bildungsbuddys kommt gut an. "Als zusätzliches Mitglied im Team können sie die Jugendlichen als eine Art Personal Trainer unterstützen, ihnen auch Vorbild sein", beschreibt Bernadette Feind-Wahlicht von der Caritas Berlin die Rolle von Maximilian Pankalla. Sie koordiniert die Einsätze der drei Dutzend Bildungsbuddys. Diese engagieren sich in einer Jugendhilfeeinrichtung in Brandenburg und neun in Berlin. Seit 2021 gibt es die Bildungsbuddys. "Viele Jugendliche haben sich in diesem Zeitraum stabilisiert", sagt Feind-Wahlicht. Sie erzählt von einem Mädchen, das auf die Förderschule sollte. Jetzt gehe sie aufs Gymnasium. "Die Bildungsbuddys hatten daran enormen Anteil", sagt sie. "Zeit, Beziehung und individuelle Förderung sind der Schlüssel, damit Jugendliche wieder Fuß fassen", sagt die Koordinatorin. Das klingt dann wie bei Sandra Scheffel in der Maria-Leo-Schule.
Bernadette Feind-Wahlicht koordiniert die Einsätze von mehr als 30 ehrenamtlichen Bildungsbuddys der Caritas in und um Berlin. @ Angela Kröll
Für Jugendliche und Gesellschaft
Szenenwechsel. Im Landkreis Rastatt in Baden-Württemberg engagieren sich über 20 Ehrenamtliche für Schüler:innen. "Seit 2007 werden benachteiligte Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende auf ihrem Schul- und Ausbildungsweg unterstützt, um diesen bestmöglich absolvieren zu können", sagt Jessica Schweikert vom Caritasverband für den Landkreis Rastatt. Sie leitet das Projekt "TANDEM – individuelle Betreuung benachteiligter Jugendlicher im Schul- und Ausbildungssystem", finanziert vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Landkreis Rastatt.
Einer der rund 20 ehrenamtlich Tätigen ist Frank Hornung. Er betreut vier Jugendliche, hilft ihnen in Mathematik und erstellt mit ihnen Bewerbungsunterlagen. "Wenn einer meiner Schüler die Haupt- oder Realschule schafft, erfüllt mich das mit Freude", sagt der Maschinenbauingenieur. Eine abgeschlossene Ausbildung sei für jeden Jugendlichen wichtig, weiß er. "Für unsere Gesellschaft ist es das aber auch."
Das Schulsystem neu denken
Die vier Beispiele zeigen, wie man Kinder und Jugendliche fördern und der Bildungsungerechtigkeit entgegenwirken kann. Die gute Nachricht: Erfolgreiche Schulmodelle wie das der Maria-Leo-Schule in Berlin lassen sich replizieren. Ferner gibt es Spielräume, die engagierte Schulleiter:innen bereits heute nutzen können.
Das allein wird allerdings nicht reichen. Das Schulsystem müsse grundlegend neu gedacht werden, fordert nicht nur Andreas Schleicher, OECD-Bildungsdirektor und Pisa-Chef. Schulen müssen künftig Orte sein, an denen Kinder den ganzen Tag verbringen, nach individuellen Lehrplänen, methodisch begleitet, lernen, Demokratie unmittelbar erleben und Konflikte lösen können. Orte, an denen sie neugierig statt ängstlich auf Unbekanntes blicken, weil sie wissen, wie sich Inhalte erschließen.
Und Orte, an denen sie erfahren, dass Lernen Disziplin erfordert und manchmal mühsam ist, Forschen und Ausprobieren aber Spaß macht.
Mit Herzblut und Engagement schaffen es Schulen immer wieder, den widrigen Bedingungen im verkrusteten Schulsystem etwas entgegenzusetzen. @ Angela Kröll