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Pflegemigration

Gut informiert und abgesichert klappt die Betreuung zu Hause

Die Pflege und Betreuung älterer pflegebedürftiger Menschen in ihrer eigenen Häuslichkeit stellt eine große Herausforderung dar. Sie wird zu großen Teilen von den Familien geleistet. Eine alleinige Versorgung der Pflegebedürftigen durch Angehörige wird zunehmend schwieriger. Einerseits erschweren berufliche Anforderungen die Unterstützungsmöglichkeiten von Familien. Andererseits ist die Hilfe durch professionelle Pflegedienste wie Sozialstationen für eine durchgängige Versorgung nicht ausreichend. Der Versuch, Beruf, Familie und Pflegeverantwortung zu vereinbaren, führt häufig zur Überlastung pflegender Angehöriger.

Pflegerin, Pflegebedürftige, CaritasmitarbeiterinDie 93-jährige Martina Junker aus Paderborn beschäftigt die polnische Haushaltshilfe Kazimiera Iskierska (Mitte). Caritas-Koordinatorin Ursula Gisder schaut regelmäßig nach dem Rechten.Markus Jonas/ Caritas Paderborn

Zunehmend stabilisieren Haushaltshilfen aus dem Ausland die häusliche Versorgung. Dabei übernehmen sie fast alle Aufgaben, die einen Verbleib der pflegebedürftigen Person in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Dazu zählen haushaltsnahe Tätigkeiten, aber auch solche der Grundpflege sowie soziale Betreuung. Zum größten Teil sind diese Arbeitsverhältnisse nicht geregelt oder sozial abgesichert. Sie befinden sich in der Grauzone der häuslichen Dienstleistung. Häufig arbeiten die migrantischen Haushaltshilfen in prekären Arbeitsverhältnissen. Sie arbeiten vielfach ohne Arbeitsvertrag, ohne soziale Absicherung und ohne geregelte Arbeitszeiten. Oft wird aus Kostengründen auf den zusätzlichen Einsatz professioneller Pflegedienste verzichtet. Dadurch werden die Haushaltshilfen noch mehr belastet und es entstehen Risiken für die Qualität der Pflege.

Pflegelösungen werden oft unter Zeitdruck gesucht

Häufig wird in Akutsituationen nach Lösungen für die häusliche Versorgung gesucht, wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert oder eine Pflegeperson ausfällt. Dies geschieht oft unter hohem zeitlichem Druck, der die pflegenden Angehörigen belastet. Die Informationssituation bezüglich der Beschäftigung einer Haushaltshilfe aus dem Ausland ist schwierig. Stellt eine Familie eine Haushaltshilfe ein, muss sie die Funktion eines Arbeitgebers übernehmen. Dies ist eine zusätzliche Herausforderung. Dienstleistungsanbieter haben diese Bedarfe der Familien als einen Markt für Vermittlung entdeckt. Sie bieten Hilfe an bei der Organisation einer "Rund-um-die-Uhr-Versorgung" durch eine ausländische Haushaltshilfe wie auch bei juristischen Abwicklungen. Die Agenturen arbeiten wenig transparent. Über Abgaben oder Vermittlungsgebühren gibt es zum Beispiel keine klare Übersicht.

Pflegerin und PflegebedürftigeMartina Junker freut sich, wenn Kazimiera Iskierska mit ihr Halma spielt. Markus Jonas/ Caritas Paderborn

Schätzungen gehen von mindestens 150.000 migrantischen Haushaltshilfen in deutschen Haushalten aus. Ohne Agenturen oder Projekte, die anstreben, bei der Vermittlung die schutzwürdigen Interessen der Haushaltshilfen und der Familien zu berücksichtigen, werden die Beteiligten mit dem Dilemma der menschenwürdigen Gestaltung der Pflege alleingelassen. Aus dieser Motivation heraus startete der Diözesan-Caritasverband Paderborn 2009 das Projekt "Heraus aus der Grauzone. Qualitätsgesicherter Einsatz polnischer Haushaltshilfen in deutschen Familien mit pflegebedürftigen Personen zwischen dem Diözesan-Caritasverband Paderborn und der Caritas Polen". Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in Polen ist eine Tätigkeit im Ausland für viele Frauen eine finanziell interessante, manchmal die einzige Möglichkeit, ein Familieneinkommen zu si­chern. Das Projekt ermöglicht Haushaltshilfen, unter geschützten Bedingungen in Deutschland zu arbeiten. Insgesamt beteiligten sich bundesweit 25 Caritasverbände und acht Diözesen in Polen.

Herausfinden, wie zufrieden die Beteiligten sind

Das Projekt hat viel positive Rückmeldung erfahren. Um herauszufinden, wie das Angebot von den Beteiligten bewertet wird, entschied sich die Steuerungsgruppe des Projektes 2013 für eine unabhängige wissenschaftliche Evaluation durch das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip). Das dip hat langjährige Erfahrung mit dieser Thematik. Bereits 2009 wurden Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen empirisch über die Situation und Bedarfe befragt (vgl. Projektbericht).
Ziele der Evaluation des Projekts "Heraus aus der Grauzone" waren: 1. Die Wirksamkeit des Projekts beziehungsweise der Versorgung und Betreuung zu messen. 2. Die Zufriedenheit der im Projekt beteiligten Akteure zu erfassen. 3. Optimierungsvorschläge oder Veränderungsanforderungen zu benennen.

Die Befragung der polnischen Haushaltshilfen als auch der deutschen Familien mit Pflegebedürftigen sowie der Caritas-Koordinatorinnen in Deutschland und Polen erfolgte nach dem multiperspektivischen Ansatz. Die Haushaltshilfen und die Koordinatorinnen in Polen wurden in ihrer Muttersprache befragt. Zusätzlich wurden einige Haushaltshilfen und Familien telefonisch interviewt. Insgesamt haben 103 Familien und 105 Haushaltshilfen die Fragen schriftlich beantwortet.

Am wichtigsten ist die schutzwürdige Vermittlung

Im Folgenden werden einige Blitzlichter der Evaluation zusammengefasst. Der vollständige Evaluationsbericht ist auf der Internetseite des Diözesan-Caritasverbands Paderborn als Download verfügbar.

Das Ziel der schutzwürdigen Vermittlung wird von den Beteiligten als am wichtigsten eingeschätzt. Für die Haushaltshilfen stehen der Wunsch nach Legalisierung ihres Arbeitsverhältnisses, nach sozialer Absicherung und der Schutz vor ausbeuterischen Arbeitsbedingungen im Vordergrund. Für 81 Prozent der Familien ist der Schutz vor Ausbeutung und ein sicheres Einkommen für die Haushaltshilfe sehr wichtig.

Die Familien schätzen die hohe Planungssicherheit bei der Versorgung des pflegebedürftigen Angehörigen. 85 Prozent der Familien sehen die Versorgung durch die polnische Haushaltshilfe zuverlässig garantiert. 86 Prozent der Familien sind mit der Zuverlässigkeit der Versorgung meist sehr zufrieden, ebenso mit der Information und Beratung (81 Prozent).

Tabelle: Pflege im deutsch-skandinavischen Vergleich

Die Grafik zeigt eine Übersicht wichtiger Befragungsergebnisse der Haushaltshilfen und Familien. Die ersten drei Fragen richteten sich an Haushaltshilfen, die drei weiteren an Familien.

Besonders in den offenen Rückmeldungen wurden von den Beteiligten auch verbesserungswürdige Themen angesprochen. Schwerpunkte dabei sind die Herausforderungen des "Lebens und Arbeitens im Haushalt". Dazu zählen unter anderem Organisation und Klarheit der Arbeits- und Ruhezeiten oder das Zusammenleben zwischen den Generationen und Kulturen, etwa die Akzeptanz unterschiedlicher Essgewohnheiten, aber auch alle Themen rund um administrative, vertragliche Regelungen. Diese Rückmeldungen machen deutlich, wie wichtig eine gute Begleitung und Kommunikation im Rahmen des Angebots ist.

Eine zentrale Rolle im Projekt spielen die Koordinatorinnen in Deutschland und Polen, die als Beraterinnen eine Brücke zwischen Familien und Haushaltshilfen bilden. In der Evaluation zeigt sich, dass die Koordinatorinnen eine "Schlüsselposition" für den Erfolg einnehmen. Information und Kommunikation sind klare Qualitätskriterien für die Zufriedenheit aller Beteiligten. Beide Seiten sollten wiederholt über formal-administrative Themen, aber auch die allgemeine Organisation des "Lebens und Arbeitens im Haushalt" aufgeklärt werden. Daher sollte zukünftig die Position der Koordinatorinnen noch gestärkt werden.

Auf polnischer Seite zeigte sich, dass Betreuungsangebote für die Familien der in Deutschland arbeitenden Haushaltshilfen noch nicht umfassend realisiert werden konnten. Allerdings belegen die Ergebnisse der Studie auch, dass diese für die Haushaltshilfen nicht zentral waren. Nur ein kleiner Teil der Haushaltshilfen hat noch Kinder im schulpflichtigen Alter. Dieser kann die Versorgung aber meist ohne Probleme selbst sicherstellen.

Darüber hinaus sollen sowohl die Sprach- wie auch fachlichen Schulungen der Haushaltshilfen verstärkt werden. Vor allem die Kenntnis der deutschen Sprache sei für einen erfolgreichen Einsatz der Haushaltshilfen zentral.

Beide Seiten nehmen das Hilfsangebot gern an

Aus den Ergebnissen der Evaluation geht hervor, dass die Ziele des Projektangebots erreicht werden. Das Hilfsangebot wird sowohl von den Haushaltshilfen wie auch den Familien vor allem wegen der Sicherheit einer legalen Vermittlung gern angenommen. Im Allgemeinen herrscht ein hohes Maß an Zufriedenheit mit den begleitenden Leistungen und Angeboten. Die Qualität der häuslichen Versorgung von Pflegebedürftigen in Deutschland wird durch den Ansatz transparenter und individueller. Die Begleitung durch die Koordinatorin verbessert das Miteinander von Haushaltshilfen und Familien.

Wichtig ist, dass nicht allein eine Haushaltshilfe vermittelt wird, sondern dass die Koordinatorin unterschiedliche Unterstützung für alle Beteiligten organisiert. Indem die ambulante Pflege (Sozialstationen) und weitere Angebote wie Tagespflege eingebunden werden, können geplante und ungeplante Versorgungslücken bei Urlaub der Angehörigen oder Haushaltshilfen oder bei Krankheit besser überbrückt werden. Diese multidimensionale Versorgung steigert die Zufriedenheit aller Beteiligten und ermöglicht eine Versorgung, die die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse aller Akteure berücksichtigt.

Die Evaluation hat bestätigt, dass diese Form der eingebetteten schutzwürdigen Vermittlung von polnischen Haushaltshilfen auch für weitere Verbände interessant sein könnte.

15.03.2017 | 16:39  
Nadine schreibt

Hallo Zusammen,
vielen Dank für den informativen Artikel.
Zurzeit suchen meine Mutter und ich für meine Großmutter eine Betreuung für Zuhause. Uns ist eine fachliche und fürsorgliche Pflege wichtig sowie Zubereitung von Mahlzeiten und vieles weiteres.

LG
Nadine

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