Vom Altenzentrum zur Herbstresidenz
Würden Sie ein Kamerateam für 90 Tage in Ihre soziale Einrichtung lassen, um eine vierteilige Dokumentation zu drehen, die dann auch noch - ohne sie vor-her vollständig gesehen zu haben – zur besten Sendezeit im Fernsehen ausgestrahlt wird? Im Altenzentrum St. Nikolaus in Bernkastel-Kues an der Mosel ist genau das geschehen – und die Einrichtung hat damit gute Erfahrungen gemacht. Denn herausgekommen ist ein beeindruckender Film über ein besonderes Projekt in dieser Senioreneinrichtung. Bei dem Projekt geht es einerseits darum, den Lebensalltag der Bewohner:innen individueller zu gestalten, zum anderen darum, Menschen mit Beeinträchtigung eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die Fernsehproduktionsfirma Vitamedia Film hat das Geschehen mit der Kamera begleitet. Entstanden ist die Doku-Reihe "Herbstresidenz mit Tim Mälzer und André Dietz" (lief im März 2025 bei Vox, auf RTL+ abrufbar).
Alles begann im Herbst 2023 mit einem Anruf der Produktionsfirma in der Pressestelle von St. Raphael. Sie suchte ein Pflegeheim für eine neue Doku und war dabei auf St. Raphael gestoßen. Die Verantwortlichen des Sozialdienstleisters St. Raphael Caritas Alten- und Behindertenhilfe in Bernkastel-Kues haben das eigene Altenzentrum St. Nikolaus als Drehort vorgeschlagen und die Projektidee gemeinsam weiterentwickelt. Sie hatten von Anfang an Vertrauen in die Zusammenarbeit mit Vitamedia, deren Arbeit sie von der Vox-Doku "Zum Schwarzwälder Hirsch – eine außergewöhnliche Küchencrew und Tim Mälzer" kannten. Entscheidend war auch: Einrichtungsleiter Manfred Kappes und sein Team waren überzeugt von der Idee.
Anfang 2024 befand sich der An- und Umbau des Altenzentrums St. Nikolaus kurz vor der Fertigstellung. In den frisch sanierten Räumlichkeiten sollte das Hausgemeinschaftskonzept mit kleinen Wohngruppen umgesetzt werden. Es gab eine breite Zustimmung, dass die dortigen Veränderungen und Umgestaltungen mit der Kamera dokumentarisch begleitet werden. Das Projekt, das zunächst in einem Wohnbereich durchgeführt wurde, musste mit vielen Beteiligten intensiv vorgeplant werden. Die Fernsehproduktionsfirma hat dabei sehr unterstützt. Ebenso die beiden prominenten Paten: TV-Koch Tim Mälzer und Schauspieler André Dietz. Wichtig war auch, die Bewohner:innen und deren Angehörige frühzeitig einzubinden. Sie standen den Plänen offen gegenüber und waren gespannt auf das, was ihren Lebensalltag verbessern sollte.
Entlastung des Personals
Im April 2024 startete das 90-Tage-Projekt mit zehn jungen Menschen mit Beeinträchtigung aus ganz Deutschland. Sie hatten sich für das Projekt beworben und waren an die Mosel gezogen, um hier in der Senioreneinrichtung arbeiten zu können. Sie haben von Anfang an das Leben und Arbeiten in der Einrichtung bereichert, haben bei der Aktivierung und Begleitung der Bewohner:innen geholfen und dadurch das Pflege- und Betreuungspersonal entlastet. Damit nicht genug. Sie konnten bei der Umsetzung des Hausgemeinschaftskonzepts helfen, weil die Rahmenbedingungen stimmen und sie gezielt qualifiziert wurden.
Um die verschiedenen Aufgaben in der Senioreneinrichtung übernehmen zu können, wurden die neuen Kolleg:innen zu Alltagshelfer:innen in den Bereichen Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft ausgebildet. Neun von ihnen haben die Qualifizierung erfolgreich absolviert und das Angebot erhalten, auch über das Projekt hinaus in der Einrichtung zu arbeiten. Dazu mussten intensive Gespräche mit Kostenträgern und Leistungserbringern auch in anderen Bundesländern geführt und zudem offene Fragen der Finanzierung geklärt werden.
Ein Jahr nach dem Projekt sind vier Alltagshelfer:innen weiterhin in der Senioreneinrichtung tätig, nicht nur im Wohnbereich, sondern auch in der Tagespflege und in der hauswirtschaftlichen Versorgung. Gemeinsam wird der Übergang von der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gestaltet. Die Alltagshelfer:innen werden von Integrationsassistent:innen der zuständigen Werkstatt an ihrem Arbeitsplatz begleitet. Eine Stelle wurde bereits in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis mit tariflicher Vergütung (Budget für Arbeit) übergeleitet.
Bereicherung für die Beteiligten
Die Caritas hat gleich mehrere Einrichtungen und Dienste in das Projekt eingebunden. So hat sich das Weiterbildungszentrum an der Pflegeschule Daun, an der St. Raphael beteiligt ist, um die schulische Ausbildung und Anleitung der teilnehmenden Menschen mit Beeinträchtigung gekümmert. Mitarbeiter:innen der Mobilen Inklusiven Assistenz im Landkreis Bernkastel-Wittlich haben die Teilnehmer:innen außerhalb ihrer Arbeitszeit begleitet - und tun dies auch weiterhin. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit der vor Ort zuständigen Werkstatt für behinderte Menschen des DRK-Sozialwerks weiter ausgebaut.
Das Projekt ist eine Bereicherung für die Beteiligten in der Senioreneinrichtung: für die Bewohner:innen, die sich mehr in den Alltag einbringen können und von den Alltagshelfer:innen unterstützt werden; für die Menschen mit Beeinträchtigung, die am Arbeitsleben in der Einrichtung teilhaben und den Bewohner:innen zur Seite stehen, und für alle Mitarbeitenden, die durch viele neue Impulse eine andere Sicht auf die Pflege und Betreuung in der Einrichtung bekommen können. Es hat gezeigt, wie sich mit Kreativität und einfachen Mitteln das wohnliche Umfeld im Haus besser gestalten lässt.
Bundesweite Anfragen
Das Projekt "Herbstresidenz" stößt bundesweit auf Resonanz. Es gibt Anfragen sowohl von sozialen Einrichtungen, die sich für die Herangehensweise interessieren, als auch von Unternehmen und Institutionen aus anderen Branchen.
Die Senioreneinrichtung in Bernkastel-Kues ist weiterhin eng mit dem Projekt verbunden. Das zeigt auch die Umbenennung von Altenzentrum St. Nikolaus in Caritashaus Herbstresidenz zum 1. Februar 2025. Der neue Name betont die Zugehörigkeit zur Caritas und erinnert an den Herbst des Lebens, den die Bewohner:innen hier verbringen. Er erinnert aber auch daran, die Veränderungen und Umgestaltungen, die im Rahmen des Projekts in einem Wohnbereich erzielt wurden, auf die anderen Wohnbereiche der Einrichtung zu übertragen und das Hausgemeinschaftskonzept auch dort weiter umzusetzen.
Bei St. Raphael wurde bereits ein weiteres Generationen- und Inklusionsprojekt gestartet - diesmal ohne Kamerateam. Zehn Beschäftigte mit Beeinträchtigung aus den Caritas Werkstätten arbeiten seit Jahresbeginn im Altenzentrum St. Johannes in Mayen in der Eifel. Acht von ihnen wurden vom Weiterbildungszentrum an der Pflegeschule Daun zu Alltagshelfer:innen ausgebildet. Sie werden am Arbeitsplatz von Integrationsassistent:innen der Caritas Werkstätten begleitet und nach ihren Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten in das Altenzentrum integriert. Wie in Bernkastel-Kues helfen die Alltagshelfer:innen auch in Mayen mit, den Lebensalltag der Bewohner:innen weiter zu verbessern - und sie entlasten das Personal.
St. Raphael
Ein sozialer Dienstleister stellt sich vor
Die St. Raphael Caritas Alten- und Behindertenhilfe GmbH ist eine Tochtergesellschaft des Caritasverbandes für die Diözese Trier und einer der größten sozialen Dienstleister im nördlichen Rheinland-Pfalz. Das gemeinnützige Unternehmen mit Zentrale in Mayen beschäftigt über 1500 Mitarbeiter:innen an 40 Standorten in vier Landkreisen. Mehr als 1700 Menschen mit Behinderung und Menschen im Alter nutzen die Angebote der Einrichtungen und Dienste von St. Raphael.
- Mehr Infos unter www.st-raphael-cab.de