So divers ist der Caritasverband für die Diözese Speyer
Das Arbeitsrecht der katholischen Kirche basiert auf der "Grundordnung des kirchlichen Dienstes". Sie wurde 2022 umfassend reformiert und markiert damit einen tiefgreifenden Wandel: Weg von rigiden Vorgaben zur privaten Lebensführung, hin zu einem werteorientierten Miteinander im Dienst christlicher Nächstenliebe.
Früher führte eine strikte Auslegung häufig zu tiefen beruflichen Einschnitten, Klagen vor den Arbeitsgerichten und persönlichen Verletzungen. Kündigungen wegen Wiederheirat nach Scheidung oder wegen einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft sorgten für Aufsehen. Die Caritas kritisierte diese Praxis seit langem.
Die neue Grundordnung betont nun: "Vielfalt in kirchlichen Einrichtungen ist eine Bereicherung." Mitarbeitende aller Religionen, Lebensformen und sexuellen Identitäten sind willkommen – solange sie eine positive Grundhaltung zur christlichen Botschaft mitbringen und zur Werteorientierung ihrer Einrichtung beitragen.
Was ebenfalls Diversity unterstützt: Artikel 4 der Grundordnung verpflichtet Dienstgeber stärker zur Gleichstellung, zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Förderung individueller Talente und Qualifikationen.
Der Caritasverband für die Diözese Speyer (DiCV) ist Träger- und Spitzenverband in einem. In seiner Tochtergesellschaft CBS Caritas Betriebsträgergesellschaft mbH sind rund 3000 Mitarbeitende in der Alten-, Behinderten- und Jugendhilfe tätig. Der DiCV selbst beschäftigt rund 500 Mitarbeitende in Beratung, Verwaltung und politischer Interessenvertretung.
Altersstruktur: jünger als erwartet
Eine Auswertung des DiCV von 2018 stellte fest: "Die Caritas muss jünger und vielfältiger werden." Sieben Jahre später zeigt sich: Es bewegt sich etwas – aber es bleiben auch noch Baustellen. 2018 wurde prognostiziert, dass 2025 über die Hälfte der Mitarbeitenden älter als 50 Jahre sein würden. Tatsächlich liegt der Anteil heute bei rund 45 Prozent, das Durchschnittsalter beträgt 46 Jahre. Ein Erfolg der Bemühungen um mehr Diversity beim Kriterium Lebensalter – doch die demografische Herausforderung bleibt.
Frauen stark in Führung – Männer aber prozentual im Vorteil
Im Jahr 2018 waren 73 Prozent der Beschäftigten Frauen - in Führungspositionen allerdings nur 55 Prozent. 2024 waren nur noch 20 Prozent der Beschäftigten insgesamt Männer, bei den 226 Führungskräften liegt ihr Anteil aber bei 33 Prozent. Frauen führen inzwischen deutlich häufiger, dennoch bleibt Führung in Teilzeit ein vor allem für Männer ungenutztes Potenzial.
Das Leitungsgremium beider Unternehmen, die Leitungskonferenz, ist mit sechs Frauen und fünf Männern als Abteilungs- und Stabsstellenleiter:innen besetzt, also in einem Verhältnis von 54 zu 46 Prozent zugunsten der Frauen. Der Vorstand selbst ist paritätisch besetzt: Caritasdirektorin ist Barbara Aßmann, Caritasvorsitzender ist Vinzenz du Bellier.
Kritisch: Trotz der höheren Zahl weiblicher Führungskräfte spiegeln sich gerechte Chancenverteilung und Vereinbarkeit noch nicht in allen Bereichen wider.
Kriterium Religion: Wandel auch im verkündigungsnahen Dienst
Im DiCV waren 2018 noch 68 Prozent der Beschäftigten katholisch, 2024 waren es 63 Prozent. Der Anteil ohne oder mit anderer Religionszugehörigkeit stieg von acht auf 13 Prozent – auch in den Bereichen, die früher als "verkündigungsnah" galten, wie etwa der Schwangerschafts- oder der Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung. In der CBS liegt der katholische Anteil bei 43 Prozent, evangelisch sind 33 Prozent, 24 Prozent gehören keiner oder einer anderen Konfession an. Da nur katholische und evangelische Mitarbeitende über die Kirchensteuer erfasst werden, bleibt ein genaueres Bild jedoch unvollständig. Wir wissen nicht, wie viele unserer Mitarbeitenden einer nichtchristlichen Religion angehören, etwa dem Islam oder dem Judentum.
Kritisch: Die sinkende Zahl kirchlicher oder anderweitig religiös gebundener Mitarbeitender wirft Fragen dazu auf, wie langfristig ein wertebasiertes kirchliches Profil erhalten bleiben kann, ohne auszugrenzen. Deshalb haben wir gezielt eine Personalstelle geschaffen, die sich mit dem Thema "Christliches Profil" und dessen Implementierung befasst.
Migrationshintergrund: große Ressource – schlecht messbar
Ein gravierendes Defizit unserer Personalstatistik: Migrationshintergründe werden kaum systematisch erfasst. Nur die Staatsangehörigkeit ist dokumentiert – nicht aber kulturelle Identitäten oder Herkunftsgeschichten.
Aktuell arbeiten in DiCV und CBS Menschen aus 55 Nationen. Im DiCV haben 25 von 470 Mitarbeitenden eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit (rund fünf Prozent), in der CBS sind es rund zehn Prozent.
Die gelebte Vielfalt zeigt sich besonders in der Beratung: Dort verständigen Mitarbeitende sich auf Arabisch, Armenisch, Aserbaidschanisch, Dari/Farsi, Englisch, Französisch, Indonesisch, Italienisch, Kurdisch, Kroatisch, Paschto, Persisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Slowakisch, Spanisch, Tamilisch, Türkisch, Ukrainisch und in Gebärdensprache mit ihren Kund:innen mit Migrationshintergrund: ein unschätzbarer Gewinn der Vielfalt an Migrationshintergründen.
Kritisch: Solange Herkunft und Mehrsprachigkeit nicht angemessen erfasst werden, bleiben wichtige Potenziale statistisch unsichtbar – und können nicht gezielt zutage gefördert werden.
Queere Mitarbeitende: Offenheit ja, doch alte Wunden bleiben
Der DiCV begrüßt queere Mitarbeitende ausdrücklich und erkennt ihre Erfahrungen als wertvolle Ressource an. Doch die jahrzehntelange Diskriminierung durch die alte Grundordnung wirkt nach – manche wagen bis heute kein offenes Coming-out. Wobei zu bemerken ist, dass der DiCV Speyer auch schon zu Zeiten der alten Grundordnung immer positive Lösungen bei der Beschäftigung queerer Mitarbeitender gefunden und ihnen ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld möglich gemacht hat.
Kritisch: Akzeptanz allein reicht nicht. Sichtbarkeit, Schutzräume und aktives Diversity-Management sind nötig, um Vertrauen und Sicherheit aufzubauen.
Führungsförderung: Frauen stark, Männer zögerlich
Seit zehn Jahren fördert unser internes Führungskräfte-Nachwuchsprogramm FEN gezielt junge Talente für Leitungsfunktionen. Auch die Beschäftigung junger Mitarbeitender als Trainees in der Vorbereitung auf Leitungspositionen hat sich als erfolgreiches Modell erwiesen. Geteilte Leitungsmodelle in Teilzeit wurden erprobt, funktionieren gut – werden bislang jedoch ausschließlich von Frauen genutzt.
Kritisch: Männer scheinen nach wie vor weniger bereit, Führungsverantwortung in Teilzeit zu übernehmen – ein Hinweis auf tradierte Rollenbilder, auch im sozialen Sektor.
Vielfalt ist Realität – aber noch nicht überall gelebte Praxis
Der Caritasverband für die Diözese Speyer hat Vielfalt zu einem zentralen Bestandteil seiner Personalstrategie gemacht. Dennoch zeigen sich auch 2025 noch Lücken - in der Erfassung kultureller Hintergründe, bei Teilhabechancen queerer Menschen und in der Chancengleichheit der Geschlechter bei Führung und Vereinbarkeit.
Positiv sind die erkennbaren Fortschritte in Altersstruktur, Frauenförderung und Sprachenvielfalt. Doch Diversität braucht mehr als eine wohlwollende Haltung – sie erfordert strukturelle Maßnahmen, um Teilhabe wirklich zu sichern.
Zugleich ist klar: Kein Verband allein kann gesellschaftliche Großtrends wie Überalterung und Fachkräftemangel bewältigen. Aber er kann Vorbild sein - für Offenheit, Fairness und nachhaltige Personalpolitik.
Bistum Speyer
Migrationshintergründe in Zahlen
Die 96 Mitarbeitenden des Bischöflichen Ordinariats in Speyer verkörpern neben der deutschen 27 weitere Nationalitäten – stellvertretend die häufigsten: Es gibt 20 polnische, 18 indische, 14 kroatische, sieben nigerianische, sechs französische, vier italienische und vier portugiesische Mitarbeitende. Die muttersprachlichen Gemeinden verkörpern zwölf Nationalitäten, teils sogar mit mehreren Standorten: Pol:innen (drei Gemeinden), Kroat:innen (zwei Gemeinden), Afrikaner:innen, Portugies:innen, Igbo, Koreaner:innen, Rumän:innen, Slowak:innen, Tamil:innen, Albaner:innen, Ukrainer:innen, Vietnames:innen, Italiener:innen.
Im Bistum Speyer arbeiten Diözesan- und Ordenspriester aus Burkina Faso, Indien, Kenia, Kongo, Nigeria, Polen, Togo, der Ukraine sowie ab September: Uganda. Dazu kommt je ein Diakon aus Portugal und aus Kroatien.
Die Initiative "Aufstehen für..." ist ein ökumenisches Projekt des Bistums Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz mit Fahnen, Postkarten und einer Social-Media-Kampagne. Mehr: www.bistum-speyer.de/bistum/aufstehen-fuer/die-initiative