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Schule – ohne mich!?

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die dem Unterricht fernbleiben, ist in den letzten zehn Jahren signifikant gestiegen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung stellt sich die Frage, welche neuen Herausforderungen und Handlungsbedarfe im Zusammenhang mit Schulabsentismus entstehen.

Immer wieder kursieren in der medialen Berichterstattung Meldungen zur steigenden Anzahl von Schulschwänzer:innen und unentschuldigten Fehlstunden. Was hat es damit auf sich, und wie lässt sich das belegen?

Wenn junge Menschen der Schule fernbleiben, kann das verschiedene Ursachen haben. Die Fachliteratur liefert diverse Ansätze zur Definition von Schulabsentismus, die jeweils mit spezifischen Ursachen verknüpft sind. Grundsätzlich wird Schulabsentismus als "Fehlen im Unterricht in allen Erscheinungsformen"1 beschrieben. Wissenschaft und Praxis beobachten in den letzten Jahren eine signifikante Zunahme dieses Phänomens. Verlässliche und vergleichbare statistische Angaben zum Ausmaß von Schulabsentismus sind allerdings bislang kaum verfügbar. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sowohl die Bundesländer als auch einzelne Schulen jeweils – wenn sie dokumentieren – unterschiedliche Definitionen und eigene Formen der Datenerhebung nutzen. Das macht verlässliche Aussagen zu Ausmaß und Entwicklung auf Bundesebene schwierig.

Studien mit regionalen Schwerpunkten liefern Hinweise auf zunehmenden Schulabsentismus. Feldhaus et al.2 zeigen, dass das Fernbleiben vom Unterricht bei 15-Jährigen in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen hat. Lehrkräfte beobachteten be­sonders während der Coronapandemie einen Anstieg - vor allem an Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Familien.3 Laut Eckhardt/Ried/Sommer4 tritt Schulabsen­tismus häufig in der Schulanfangsphase und beim Übergang auf weiterführende Schulen auf, mit einem Höhepunkt in Klasse 8. In fast 70 Prozent der Fälle wurden familiäre Probleme als (Mit-)Ursache genannt. Eine weitere Studie zeigt, dass etwa ein Prozent der Grundschulkinder ohne Krankheit dem Unterricht fernbleiben, in Klasse 8 lag dieser Anteil bei vier Prozent.5 Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten: Die Zahl junger Menschen ohne mindestens einen ­ersten Schulabschluss bleibt hoch. Laut Bildungsbericht 20246 stieg die Abgangsquote ohne Abschluss von 5,7 Prozent (2013) auf 6,9 Prozent (2022). 2023 ver­ließen rund 56.000 Schüler:innen die Schule ohne Abschluss.7 Diese Zahlen deuten auf vorhergehendes Vorkommen von Schulabsentismus hin, der schulformübergreifend auftritt.

Die aufgezeigte konstant hohe Zahl junger Menschen ohne mindestens Hauptschulabschluss sowie die bundesweite Tendenz zu mehr Schulabsentismus seit der Coronapandemie sind nicht tragbar. Denn nachweislich schwächt schulische Ausgrenzung das gesunde Aufwachsen junger Menschen zu einer selbst­bestimmten, zufriedenen Persönlichkeit. Isolation, psychische Belastungen bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen können die Folge sein. Aber auch der berufliche Weg und damit Chancen auf ein auskömmliches Leben der jungen Menschen sind in Gefahr.

Junge Menschen bleiben der Schule aus vielfältigen Gründen fern

Es lassen sich in Anlehnung an Ricking8 drei Erscheinungsformen dieses Phänomens unterscheiden: Beim aversionsbedingten Schulschwänzen empfinden Schüler:innen Schule als belastend und drücken das durch Fernbleiben, Unpünktlichkeit oder Passivität aus. Die angstbedingte Schulverweigerung ist geprägt von Ängsten, Traurigkeit oder körperlichen Beschwerden, meist nur an Schultagen. Betroffene bleiben häufig zu Hause bei ihren Eltern. Auslöser können schulische oder familiäre Ängste sein.

Beim elternbedingten Zurückhalten verhindern Eltern den Schulbesuch - offen oder indirekt. Gründe sind etwa eigene Belastungen, übertriebene Schutz­bedürftigkeit des Kindes oder Ablehnung schulischer Inhalte. Dabei wird die Schulpflicht von den Eltern infrage gestellt.

Aktuelle Forschungsergebnisse belegen, dass es sich beim Schulabsentismus um ein vielschichtiges Phänomen handelt, das durch eine Vielzahl unterschiedlicher, teils miteinander verknüpfter Faktoren bedingt und aufrechterhalten wird – weshalb es einen ganzheit­lichen Blick braucht, um diesem Phänomen zu begegnen.9 Diese Einflussfaktoren lassen sich verschiedenen Lebensbereichen zuordnen:

  • Psychosoziale Dispositionen der Schüler:innen: Individuelle Voraussetzungen wie psychische Erkrankungen (zum Beispiel Depressionen) können die Wahrscheinlichkeit schulvermeidenden Verhaltens erhöhen.10
  • Familiäre Interaktions- und Lebensbedingungen: Insbesondere in sozial benachteiligten Milieus sowie in bildungsfernen Haushalten tritt Schulabsentismus gehäuft auf.11
  • Schulische Rahmenbedingungen und Beziehungsgestaltung: Das Schulklima, insbesondere die Qualität der Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler:innen, wirkt sich wesentlich auf das Schul-
    besuchsverhalten aus. Zudem belegen Studien den engen Zusammenhang zwischen schulischem Leistungsversagen (und oftmals damit einhergehend mangelnde Motivation wie auch Schulunzufriedenheit) und häufigen Schulversäumnissen.12
  • Einfluss der Peergroup: Das Verhalten und die Einstellungen Gleichaltriger spielen eine bedeutsame Rolle; so kann etwa das Fernbleiben von Freunden die eigene Schulvermeidung begünstigen.13
  • Freizeitverhalten und Mediennutzung: Ein über­mäßiger Rückzug in digitale Räume kann in einzelnen Fällen ebenfalls schulvermeidendes Verhalten fördern.14

So handeln Jugend- und Schulsozialarbeit

Aufgrund der skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen sind Vertrauenspersonen an Schulen mehr denn je gefragt. Sowohl im Bildungsbereich als auch in der sozialen Arbeit, vor allem in der schulbezogenen Jugend- und Schulsozialarbeit, gibt es bundesweit eine Vielzahl an guten Konzepten und Beispielen zum Umgang mit Schulabsentismus. Diese Angebote sind sowohl im schulischen Umfeld selbst als auch außerhalb der Schule verortet und wirken präventiv und/oder intervenierend. Sie haben unterschiedliche Fördermodalitäten und rechtliche Verankerungen (kommunale Projekte, Landesprogramme zur Schulsozial­arbeit, Bundesgesetzgebung §13, §13 a SGB VIII, ESF-Förderungen).

Besonders die Schulsozialarbeit hat sich an vielen Standorten als dauerhaftes und professionelles Angebot der Kinder- und Jugendhilfe etabliert. Im Kontext von Schulabsentismus übernimmt sie eine zentrale Rolle: Sie ist oft die erste Anlaufstelle – für die betroffenen Jugendlichen, für Eltern, die Unterstützung suchen, und für Lehrkräfte, die im Schulalltag mit dem Thema konfrontiert sind. Neben der klassischen Schulsozial­arbeit gibt es in einigen Regionen spezialisierte Anlaufstellen und Angebote innerhalb der Jugendsozial­arbeit, die gezielt Schulabsentismus bearbeiten. Hier verstehen sich die Fachkräfte insbesondere als Case-Manager:innen: Sie begleiten junge Menschen individuell, koordinieren Hilfen und vermitteln zwischen Schule, Familie und anderen Beteiligten. Ein weiteres wichtiges Angebot sind sogenannte "Schulen am anderen Ort". Diese richten sich an Jugendliche, die - vorübergehend oder dauerhaft - nicht mehr am regulären Unterricht teilnehmen können. Die Schüler:innen bleiben in der Regel an ihrer Stammschule eingeschrieben, erhalten aber in diesen außerschulischen Lern­orten Unterricht in den Kernfächern durch Lehrkräfte und werden sozialpädagogisch begleitet. Zentrale Bestandteile dieser Ansätze sind praxisnahe Lernformen - zum Beispiel Werkstätten, kreative Angebote sowie sport- und erlebnispädagogische Elemente.15

Was dabei auffällt: Es gibt zwar regionale Hand­reichungen und Leitfäden für den Umgang mit Schulabsentismus in der Praxis, doch ein bundesweit übergreifender, pädagogisch fundierter Handlungsrahmen fehlt bislang. Ebenso fehlt eine Auswahl guter Bei­spiele und Best Practices als Orientierung in der Prävention von und Intervention bei Schulabsentismus.

Projekt "Schule - ohne mich!?" will Leerstellen schließen

An dieser Stelle setzt das Projekt "Schule - ohne mich!? Neue Entwicklungen und Handlungsanforderungen bei Schulabsentismus" von IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) an. Es wird von Januar 2025 bis Dezember 2026 mit Mitteln aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes gefördert.

Das Projekt verfolgt drei Ziele:

  • Bündelung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Umgang mit Schulabsentismus aus verschie­denen Fachrichtungen;
  • Erstellung eines Leitfadens als Arbeitshilfe für die Praxis der Jugend- und Schulsozialarbeit. Konkret geht es darum, dass zeitgemäße gute Praxisansätze zur Prävention und Intervention bei Schulabsen­tismus erfasst werden. Hierzu werden Recherchen, Befragungen und Workshops mit der Praxis durch­geführt, um bewährte Methoden (und Herangehensweisen) in der Jugendsozialarbeit als Orientierung zu bieten;
  • Formulierung von Handlungsanforderungen an jugend- sowie bildungspolitisch Verantwortliche.

Das Hauptinteresse des Projekts ist es, einen aktuellen Beitrag zur Bildungsteilhabe aller jungen Menschen zu leisten, der sowohl für die Praxis als auch für die Jugend- und Bildungspolitik Relevanz hat.

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, am Projekt mitzuwirken und die eigene Expertise im Feld Schulabsentismus einzubringen.16

Schulabsentismus erfordert bildungspolitische Maßnahmen

Die aktuelle Forschung und Praxis der Jugend- sowie Schulsozialarbeit zeigen deutlich: Um Schulabsentismus zu verhindern, ist frühes Handeln entscheidend. Frühzeitige Erkennung und gezielte Prävention sind zentrale Ansätze. Deshalb braucht es abgestufte Maßnahmen auf mehreren Ebenen.17

Die Schule trägt die Verantwortung, diesem Phänomen entgegenzutreten – dies sollte in enger Zusammenarbeit eines effektiv agierenden multiprofessio­nellen Teams geschehen. Damit dies gelingt, muss sich Schule als lernende Organisation begreifen und mit allen Beteiligten eine gemeinsame Haltung sowie klare Ziele formulieren. Gerade hier sind Bildungs- und Jugendpolitik in der Pflicht, enger zusammenzuarbeiten, um die Bildungschancen junger Menschen nachhaltig zu verbessern.

Darüber hinaus müssen flächendeckende Verfahren zum Umgang mit Schulabsentismus geschaffen und eine systematische Erhebung und Dokumenta­tion von Fehlzeiten durchgeführt werden. Es braucht auch eine finanzielle Absicherung für nachhaltig an­gelegte Begleitangebote der Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit zum Schulabsentismus. Nicht zu­­letzt sind im Sinne der Prävention abgesicherte flächendeckende Strukturen in der Schulsozialarbeit beziehungsweise schulbezogenen Jugendsozialarbeit mit offenen Angeboten notwendig, um nachhaltig wirken zu können. 


1. Sälzer, C.: Multiprofessionelle Teams im Umgang mit Schulabsentismus. Der Mehrwert unterschiedlicher Perspektiven und Anknüpfungspunkte. In: dreizehn (30) 2023, S. 4-7, hier S. 5.

2. Feldhaus, M.; Rau, M.; Ricking, H.; Sälzer, C.: Schulabsentismus aus einer humanökologischen Perspektive - aktuelle Analysen mit PISA 2022. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 2025.

3. Das Deutsche Schulbarometer: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/lehrer-umfrage-deutsches-schul­barometer-spezial-corona-krise-september-2021, letzter Zugriff 19.5.2025.

4. Eckhardt, R.; Ried, R.; Sommer, M.: Jugendhilfe und ­Schule. Distanz verringern. In: dreizehn (30) 2023, S. 37-42.

5. Ricking, H.: Schulabsentismus pädagogisch verstehen. ­Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, 2023.

6. Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2024: Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Klimawandel. Bielefeld: wbv Publikation, 2024.

7. Parrisius, A.: Quote der Schulabgänger ohne Abschluss ist bundesweit gestiegen. In: Table Briefings vom 7. Mai 2025, online verfügbar unter https://table.media/bildung/news/quote-
der-schulabgaenger-ohne-abschluss-ist-bundesweit-gestiegen

8. Ricking, H.: Ebd.

9. Vgl. Ricking H.: Ebd. S. 15.

10. Rothman, S.: School absence and student background ­factors: A multilevel analysis. International Educational ­Journal, 2/2001, S. 59-68.

11. Dunkake, I.: Der Einfluss der Familie auf das Schulschwänzen. Wiesbaden: VS Verlag, 2010; Ricking, H.; Speck, K. (Hrsg.): Schulabsentismus und Eltern. Berlin: Springer, 2018.

12. Sälzer, C. (Hrsg.): Schule und Absentismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010.

13. Samjeske, K.: Der Einfluss der Peers auf Schulverweigerung. In: Wagner, M. (Hrsg.): Schulabsentismus. Soziologische Analysen zum Einfluss von Familie, Schule und Freundeskreis. Weinheim: Juventa, 2007, S. 177-200.

14. Rehbein, F.; Kleimann, M.; Mößle, T.: Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter. KFN-Forschungs­bericht Nr. 108. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, 2009.

15. Koch, S.; Seibold, C.; Stübel-Yilmaz, P.: Schulabsen­tismus. Ein Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit? In: dreizehn, Zeitschrift für Jugendsozialarbeit, (30) 2023, S. 49-51.

16. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter:
www.invia-deutschland.de/fachliches/projekte/schule-ohne-mich/schule-ohne-mich

17. Feldhaus, M.; Rau, M.; Ricking, H.; Sälzer, C.: Schulabsentismus aus einer humanökologischen Perspektive - aktuelle Analysen mit PISA 2022. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 2025, https://tinyurl.com/nc12-25-schulabs

Autor/in:

  • Stephanie Warkentin
Zuletzt geändert am:
  • 26.06.2025
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