„Auch Erinnerungskultur muss Teil eines Generationendialogs sein“
Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa zum Start der diesjährigen Caritas-Kampagne.DCV/Christian Egermann
Das Ungerechtigkeitsempfinden zwischen den Generationen steigt. Gleichzeitig stehen große Reformen beim Sozialstaat an. Welchen Beitrag leistet die Caritas?
Die anstehenden Sozialstaatsreformen, die von der Dynamik des demografischen Wandels geprägt sind, können nur im Miteinander und Füreinander der Generationen gelingen. Deshalb haben wir die Jahreskampagne 2026 unter eine programmatische Überschrift gestellt: Caritas verbindet Generationen. Mit unseren Angeboten der sozialen Daseinsvorsorge schaffen wir Räume der Begegnung von Alt und Jung. Sie ermöglichen konkrete Erfahrungen der Generationensolidarität.
Der Sozialstaat ist das eine große Generationenthema. Was sind die anderen?
Das zweite Thema ist die Klimapolitik. Und - drittens - wir lenken den Blick auf Generationenbeziehungen unter den Mitarbeitenden der Caritas. Jetzt gehen Kolleg:innen in den Ruhestand, die geprägt waren von einem Volkskirchen-Katholizismus im Westen, von der widerständigen Katholizität der DDR-Zeit im Osten. Es kommen jüngere Leute in Verantwortung, die völlig anders sozialisiert sind. Für sie ist Säkularität Alltag, Vielfalt in der Belegschaft Normalität. Daher fragen wir auch mit Nachdruck: Wie geht es weiter mit der youngcaritas? Wie können wir junge Menschen für die großartige Botschaft "Teilen verbindet" so faszinieren, dass sie mit ihren eigenen Vorstellungen und Charismen die Caritas-Geschichte weiterschreiben?
Die Kampagne richtet den Blick also weit in die Zukunft.
Und in die Vergangenheit: Mir ist in den letzten Wochen schmerzlich klar geworden, dass wir neu über die Frage sprechen müssen, wie wir mit ererbter Verantwortung umgehen. Es gibt eine große Unsicherheit, was aus Geschichte denn eigentlich gelernt werden kann. Das gilt nicht nur in Bezug auf die erstarkenden rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa, es gilt auch mit Blick auf den Nahen Osten. Das Erinnern, das Erzählen vom Gestern für morgen sind wichtige Teile einer lebendigen Generationenbeziehung. Das Aus-dem-Erinnern-Orientierung-Schaffen wird wichtiger Teil der Kampagne sein.
Der Generationenforscher Rüdiger Maas sagt, dass wir über Jahre hinweg eine Gesellschaft geprägt haben, die keine stabilen Werte mehr vermittelt. Wie kann man wieder gemeinsame Werte entwickeln?
Maas bezieht sich ausdrücklich auf das Verhältnis von Großeltern und Enkelkindern. Er geht davon aus, dass in deren Beziehung in einem lebendigen Dialog etwas entsteht, das Orientierung gibt. Dem möchte ich beipflichten.
Wie können wir Familien besser unterstützen?
Ich bin ein großer Freund von Familie. Aber man darf Familie auch nicht romantisieren. Wir brauchen institutionelle, professionelle, durch den Sozialstaat gesicherte Angebote, und da sind wir als Caritas unverzichtbar - auch als Magnetfeld ehrenamtlichen Engagements. Die Zeitgeschenke freiwillig Engagierter füreinander verbinden Generationen!
Die Langfassung findet sich unter: neue-caritas.de/ausgaben/2025-16 (für Abonnent:innen)