„Jeden Tag ein Stück Hoffnung“
Seit einem Jahr leitet Felicitas Kniesburges die Bahnhofsmission Paderborn. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Volker Hillebrand erlebt sie täglich, wie groß die Not vieler Menschen geworden ist: Wohnungslosigkeit, Altersarmut, Einsamkeit und der Kampf ums tägliche Überleben prägen die Realität vor der Tür der Bahnhofsmission. Im Interview spricht Kniesburges über steigende Besucherzahlen, die Bedeutung von Spenden gerade zu Weihnachten, die Herausforderungen ihres Teams und darüber, warum die Bahnhofsmission für viele der einzige Ort ist, an dem sie Wärme, Zuwendung und ein Stück Hoffnung finden.
Kümmern sich um die Sorgen und Nöte der Besucher der Bahnhofsmission: die hauptberuflich Tätigen Felicitas Kniesburges (links) und Volker Hillebrand (rechts) sowie Nahid Mizanazy und Basri Isik, die gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen in ihrer Freizeit in der Bahnhofsmission arbeiten. (Foto: Markus Jonas)
Frau Kniesburges, Sie sind nun seit einem Jahr Leiterin der Bahnhofsmission in Paderborn. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten bewegt?
Felicitas Kniesburges: Die Bahnhofsmission und auch viele unserer Gäste waren mir nicht unbekannt. Dennoch hat mich hat erschüttert, wie groß der Kreis der Betroffenen geworden ist - besonders viele ältere Menschen, die jetzt verstärkt hierherkommen und sich gerade im Winter bei uns aufhalten. Auch viele Frauen, häufig vermutlich alleinerziehende, suchen bei uns Hilfe. Und zeitweise kamen auch viele junge Menschen, was sich inzwischen aber wieder etwas verringert hat. Besonders beschäftigt hat mich das Ausmaß der Altersarmut und die Not von alleinerziehenden Frauen.
Hat das Ihren eigenen Blick auf Armut, Einsamkeit und Wohnungslosigkeit verändert?
Felicitas Kniesburges: Ja, auf jeden Fall. Ich denke sehr oft darüber nach. Ich sage ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich nie in eine solche Situation geraten bin - denn das kann jedem passieren. Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie es wäre, auf der Straße schlafen zu müssen. Menschen, die wirklich obdachlos sind, schaffen das nur, weil sie Unterstützung bekommen - durch Orte wie unsere Bahnhofsmission, wo sie sich morgens aufwärmen können, wo es warmes Essen gibt, Gespräche, Kleidung und ein wenig Hoffnung.
Volker Hillebrand: Ich beobachte, dass manche Menschen durchaus auch aus Fahrlässigkeit abrutschen, andere schaffen es irgendwann einfach nicht mehr, weil sie zu viele Probleme haben und überfordert sind. Oft kommen Suchtkrankheiten hinzu. Einige sitzen zeitweise auch im Gefängnis wegen Schwarzfahrens oder anderer kleinerer Delikte, weil sie ihr Leben nicht in den Griff bekommen.
Gibt es ein Beispiel, das Sie besonders berührt hat und bei dem Sie dachten: "Dafür mache ich diese Arbeit"?
Felicitas Kniesburges: Das erlebe ich fast täglich. Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich Menschen, die in Hauseingängen schlafen. Wenn ich das sehe, macht mich das betroffen. Und tagsüber sehe ich Menschen, die im Winter in dicken Jacken und Decken eingehüllt irgendwo sitzen. Mein Eindruck ist, dass die Zahl der Hilfebedürftigen zugenommen hat.
Volker Hillebrand: Als ich im Jahr vor Corona in der Bahnhofsmission anfing, waren es vielleicht 50 Menschen am Tag. Heute sind es bestimmt 200. Manchmal stehen schon 20 Personen vor der Tür, wenn wir um kurz vor sieben kommen.
Sie geben täglich Brötchen und Kaffee in der Bahnhofsmission aus. Welchen Umfang hat das?
Felicitas Kniesburges: Wir kochen inzwischen täglich etwa 40 Liter Kaffee. Wir haben uns Anfang des vergangenen Jahres endlich eine Industriekaffeemaschine anschaffen können. Früher haben wir mit kleinen Haushaltskaffeemaschinen diese Mengen gekocht - das war Wahnsinn. Was die Brötchen betrifft: Es kommt darauf an, was an Spenden reinkommt. Heute hatten wir etwa 300 Brötchen.
Volker Hillebrand: Oft bekommen wir sogar noch mehr, auch Brot, Fladenbrot oder Burger-Brötchen. Zusätzlich bekommen wir morgens Ware vom Bahn-Service-Store vom Vortag. Es kann gut sein, dass wir insgesamt eher 400 Brötchen pro Tag ausgeben.
Felicitas Kniesburges: Wir müssen die Ausgabe aber dennoch begrenzen: zwei belegte Brötchen und ein Stück Kuchen, damit alle etwas bekommen. Wir könnten also noch mehr gebrauchen.
Kommen Ihre Gäste regelmäßig? Oder gibt es auch viele, die nur einmal auftauchen?
Felicitas Kniesburges: Es gibt beides. Viele kommen täglich oder sehr regelmäßig. Andere tauchen plötzlich neu auf. Aktuell sehen wir viele neue Gesichter. Besonders ältere Menschen suchen hier Gemeinschaft und Kontakt; viele sind sehr einsam.
Stoßen Sie dabei an Grenzen - räumlich, finanziell oder personell?
Volker Hillebrand: Ja, absolut. Räumlich stoßen wir stark an Grenzen: Etwa 25 Menschen können gleichzeitig in unserem Gastraum sitzen.
Felicitas Kniesburges leitet die Bahnhofsmission Paderborn, die sich am Ende von Gleis 1 befindet.(Foto: Markus Jonas)
Felicitas Kniesburges: Auch personell wären wir ohne die Ehrenamtlichen völlig überlastet. Die Bahnhofsmission lebt von ihrem Engagement. Ohne sie könnten wir drei Hauptamtlichen die Arbeit niemals stemmen. Wir haben derzeit etwa 35 Ehrenamtliche, davon rund 20 bis 22 aktive. Seit Kurzem haben wir auch einen kleinen Raum als Beratungszimmer eingerichtet, weil der Bedarf an vertraulichen Gesprächen groß ist - etwa bei Schulden, Wohnungslosigkeit oder Fragen zu Bürgergeld oder Dokumenten. Allerdings müssen wir deshalb die vorher dort gelagerte Winterbekleidung, die wir auch ausgeben, nun in unserem Vorbereitungsraum lagern.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie hier in der Bahnhofsmission auch ein Stück Hoffnung vermitteln?
Felicitas Kniesburges: Ja, auf jeden Fall. Ich habe gelesen, was unser Paderborner Erzbischof anlässlich des gerade beendeten Heiligen Jahres dazu gesagt hat, und denke: Wenn wir auch nur ein kleines bisschen Hoffnung geben können, ist schon viel gewonnen. Dieses Gefühl habe ich hier sehr oft. Die Arbeit ist sinnvoll - das merke ich jeden Tag.
Ist das auch für Sie persönlich ein Gewinn?
Felicitas Kniesburges: Ja. Ich bin bereits Rentnerin und werde oft gefragt, warum ich jetzt noch die Leitung der Bahnhofsmission übernommen habe. Ich sage dann: Weil ich Freude daran habe. Ich glaube, meinen beiden Kollegen und den Ehrenamtlichen geht es genauso.
Volker Hillebrand: Jeder Tag ist anders, die Arbeit ist anstrengend, aber nicht zermürbend. Man muss natürlich darauf achten, dass man genügend Abstand hält, damit man die Sorgen der Menschen nicht zu sehr mit nach Hause nimmt.
Welche langfristigen Veränderungen wünschen Sie sich von Politik, Stadtgesellschaft oder Kirche?
Felicitas Kniesburges: Ich wünsche mir zuerst, dass meine beiden festangestellten Kollegen weiterhin hierbleiben können und Sicherheit haben - bisher werden ihre beiden Stellen von Jahr zu Jahr kurzfristig verlängert. Außerdem wünsche ich mir mehr Platz - auch wenn ich nicht weiß, wie das realisierbar sein soll - und vor allem eine verlässliche finanzielle Absicherung durch Stadt, Kommune, Kreis und Kirche, damit wir unsere Arbeit fortsetzen können.
Ein weiteres Anliegen ist eine zusätzliche Übernachtungsstelle, besonders für Frauen. Es gibt im Unterschied zu früher viele Frauen, die auf der Straße leben, und die vorhandenen Übernachtungsplätze sind alle belegt. Ich wünsche mir außerdem, dass Menschen nicht morgens sofort wieder auf die Straße geschickt werden, weil es zu wenige Orte gibt, an denen sie sich tagsüber aufhalten können.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Interview: Markus Jonas
Info
Spenden an die Bahnhofsmission Paderborn, die vom Caritas-Fachverband IN VIA sowie der Diakonie getragen wird, sind möglich über das Spendenkonto von IN VIA, Pax-Bank für Kirche & Caritas eG: IBAN DE69 3706 0193 1053 1950 04, Verwendungszweck: Bahnhofsmission