Digital fit im Alter
In der Smartphone-Sprechstunde werden offene Fragen nicht nur geklärt, die älteren Menschen lernen gleich vor Ort, das Gelernte für Schritt anzuwenden.@ Phoebe Schoof/Caritas Dortmund (alle Fotos)
Kristina Sobiech weiß, wie schwer es älteren Menschen fallen kann, sich mit der Digitalisierung anzufreunden. Bestes Beispiel ist ihr Papa, der einen großen Bogen um das Thema macht. "Aber wenn er für irgendwas eine E-Mail-Adresse braucht, ist die Not groß", erklärt die Ehrenamtskoordinatorin für youngcaritas in Dortmund. Vielleicht liegt ihr gerade deshalb so viel daran, Seniorinnen und Senioren ein Grundwissen im Umgang mit dem Smartphone beizubringen: Schon im März 2018 hat sie in der Ruhrgebietsmetropole die kostenlosen Smartphone-Sprechstunden ins Leben gerufen. In gemütlicher Atmosphäre erklären Ehrenamtliche der youngcaritas älteren Menschen das Innenleben des kleinen Geräts. Wie an diesem kühlen Herbsttag im Café des Wohn- und Altenzentrums St. Barbara im Dortmunder Stadtteil Lütgendortmund:
An mehreren Tischen sitzen sich Alt und Jung gegenüber. Zettel werden herausgekramt, Smartphones angeschaltet. "Wie kann ich einen Kontakt löschen?", fragt eine ältere Teilnehmerin. Ihr Gegenüber zeigt ihr Schritt für Schritt, wie das geht, schiebt ihr anschließend das Smartphone über den Tisch – nun ist sie dran. "Wir erklären erst und lassen die Seniorinnen dann alles auch selbst ausprobieren", sagt Lisa Discher. Danach notiert sich die ältere Dame auf den leeren Notizblättern der Caritas-Broschüre "Einstieg ins Smartphone" alles Gelernte fein säuberlich. Eines der Anleitungsexemplare hat Kristina ihr beim Reinkommen in die Hand gedrückt, es ist hier genauso kostenlos wie die Sprechstunde selbst.
"Ohne Smartphone bist du abgehängt"
Wie kann ich eine App hochladen, wie einen Kontakt löschen? Fragen wie diese beantworten Ehrenamtliche der youngcaritas in individuellen Gesprächen. @ Caritasverband Dortmund/Phoebe Schoof
Mit einem Blick auf ihr Smartphone überprüft Kristina, ob inzwischen alle für je eine Stunde angemeldeten Seniorinnen und Engagierten anwesend sind. Eine von ihnen ist Annegret Stöcker, die zu den Fortgeschrittenen gehört und in ihrer Gemeinde in Dortmund-Kurl fünfmal im Jahr zum digitalen Fitnesskurs einlädt. "Früher sind wir alle ohne Handy ausgekommen, aber das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen", sagt die 73-Jährige. Zum Beispiel beim Bahnfahren, da sei man doch ohne die DB-App aufgeschmissen, wenn der Anschluss mal wieder weg ist. Ihre 80-jährige Freundin bestärkt sie: "Ohne Smartphone bist du doch regelrecht abgehängt. Wie unsere gesellschaftliche Teilhabe mit Füßen getreten wird, ist unverschämt und altersdiskriminierend!" Das sieht auch Kristina so: "Offliner interessieren niemanden. Für sie müsste es viel mehr Hilfsangebote geben, die ihnen unter die Arme greifen, wenn beispielsweise Verkehrsbetriebe, Krankenkassen oder Versicherungen auf digitale Abwicklungen umstellen." Denn noch immer gebe es in Deutschland rund drei Millionen Menschen, die noch nie im Internet waren.
Zusammen mit engagierten Menschen wie Annegret und Lisa organisiert Kristina pro Jahr rund 50 Smartphone-Sprechstunden im Dortmunder Stadtgebiet. Alle finden im öffentlichen Raum statt – in Büchereien, Pfarrgemeinden oder Seniorenbegegnungsstätten. So oft sie kann trägt sich Lisa in die Whatsapp-Gruppen für Freiwillige ein. Dass sie flexibel mitmachen kann, findet die 21-Jährige toll, so bleibe ihr Zeit für ihr Studium der Erziehungswissenschaften, ihren Nebenjob und ihr Engagement in der Obdachlosenhilfe und bei Kleidertauschpartys.
"Begegnungen sind bereichernd"
"Wir sind den youngcaritas-Engagierten so dankbar", sagt die gelernte Kinderkrankenschwester Annegret. Lisa lächelt und antwortet, dass sie, wenn alle Fragen geklärt sind, auch gerne einfach mal quatsche und immer mit einem guten Gefühl nach Hause gehe: "Da ich keine Großeltern habe, finde ich die Begegnungen mit der älteren Generation sehr bereichernd." Außerdem lerne sie selbst auch Neues, wenn sie zum Beispiel etwas nicht wisse. Dann frage sie Kolleg:innen oder übe gleich mal mit der Ratsuchenden zu googeln.
An den Nebentischen erklären Alaa, Bianca, Daniel und Manfred mit viel Geduld, wie man Apps verschiebt, einen QR-Code scannt, die Sim-Karte wechselt, bei Signal eine Gruppe einrichtet oder die Enkel per Video anruft. Annegret wünschte, ihre Söhne hätten ein bisschen mehr davon. "Aber wenn die mir am Handy was zeigen, geht das immer zack, zack, zack. Und ich weiß dann doch wieder nicht, wie’s geht."
"Der Bedarf ist groß"
Neben Dortmund widmen sich vor allem die youngcaritas-Standorte München und Essen dem Thema digitale Hilfen für Senior:innen. "Wir stehen in engem Austausch. Hier wie dort ist der Bedarf groß, die Termine sind schnell ausgebucht", weiß Kristina. Zehn bis zwölf Menschen – vor allem Frauen – werden in einer Sprechstunde in der Regel individuell betreut. Wie sehr sie das Angebot zu schätzen wissen, zeigt sich beim Spendenschweinchen, das bei den Wasserflaschen steht.
"Nach zwei Stunden raucht einem ganz schön der Kopf", weiß Kristina aus eigener Erfahrung. Sie springt ein, wenn mal jemand kurzfristig ausfällt. Und ist jedes Mal erstaunt, wie wenig die Senior:innen auf Sicherheit bedacht sind: "Oft klebt die Pin in der Handyhülle, es gibt keinen Code zum Entsperren und das Passwort könnte sekundenschnell geknackt werden", sagt die Ehrenamtskoordinatorin. Deshalb will sie als Nächstes gemeinsam mit youngcaritas Deutschland eine Broschüre auch zur Passwortsicherheit erstellen – in diesem Heft sollen all diese Sicherheitsfragen seniorengerecht thematisiert werden.


Broschüre
Einstieg ins Smartphone
Die Broschüre "Einstieg ins Smartphone - eine Anleitung" kann im Carikauf kostenpflichtig bestellt oder hier kostenlos heruntergeladen werden: Einstieg ins Smartphone– eine Anleitung