Auf dem Weg in den Arbeitsmarkt
Seit Februar 2025 ist Marvel Ashraf fester Teil des Teams. „Wir sind wie eine Familie, wir achten aufeinander“, sagt Heba Halim, seine Jobcoach. @ Caritas international/Bente Stachowske
Marvel Ashraf starrt auf den Bildschirm seines Handys. Die Navigations-App zeigt eine klare Route, doch der Fahrer unseres Kleinbusses folgt seiner eigenen Erfahrung. Vor der Windschutzscheibe breitet sich ein schier endloses Meer aus Stoßstangen aus, begleitet vom Hupen der Autos, die Luft schwer von Abgasen. Kairo im Abendverkehr. Ashraf seufzt. Er will nach Hause, uns seiner Familie vorstellen. Seit mehreren Monaten legt er diese Strecke fast täglich zurück. Es ist sein Arbeitsweg zu "Luna Cosmetics", einem Unternehmen am Stadtrand von Kairo.
Arbeit als Ausnahme
Dort haben wir den 26-Jährigen einige Stunden zuvor kennengelernt. Als wir die Tür zur Betriebskantine von "Luna" aufstoßen, empfängt uns ein Gewirr aus Stimmen, Lachen, Stühlerücken und klapperndem Besteck. Punkt zwölf Uhr bahnt sich Ashraf seinen Weg zwischen den gut besetzten Tischen hindurch, das Tablett fest in seinen Händen. Er lächelt schüchtern und setzt sich dann zu einer kleinen Gruppe von Kollegen. Mittagspause. Erst einmal essen, dann reden.
Ashraf lebt mit einer kognitiven Behinderung. Und ein Job, eine gemeinsame Mahlzeit mit Kolleg:innen ist für Menschen wie ihn alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Dabei hat sein Heimatland Ägypten eine starke Gesetzgebung. Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten sind dazu verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen mit Menschen mit Behinderung zu besetzen. Doch zwischen Gesetzestext und Realität klafft eine Lücke: Viele Betriebe schließen zwar formale Verträge und zahlen ein minimales Gehalt, erwarten aber keine Gegenleistung. "Für die Unternehmen ist das eine Win-win-Situation", erklärt uns Eglal Chenouda, die die Organisation SETI leitet. "Sie müssen keine Strafen zahlen, wähnen sich sozial und sparen sich den Aufwand einer Einarbeitung."
Echte Chancen statt Alibi-Jobs
Für das Team von SETI ist diese Praxis nichts anderes als Diskriminierung. Die Organisation bildet Menschen mit Behinderung aus, die arbeiten wollen, vermittelt sie an Arbeitgeber, die bereit sind, echte Chancen zu eröffnen – und begleitet beide Seiten in diesem Prozess. Besonders herausfordernd: SETI legt ihren Schwerpunkt auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernbehinderung, die besonders großen Vorurteilen ausgesetzt sind.
Von Vorbehalten hören wir auch bei "Luna Cosmetics". Während Ashraf in der Kantine zu Mittag isst, sitzen wir mit dem Produktionsleiter Raymond Zehny und dem Personalverantwortlichen Emad Fawzy in einem kleinen Büro. Wir tragen mittlerweile Schutzanzüge, die Hygieneregeln hier sind streng. Durch die geschlossene Tür dringt leise das Rattern der Maschinen. "Ich bin dafür verantwortlich, dass die Zahlen stimmen", sagt Zehny. Das erzeuge viel Druck. Anfangs habe er ernsthaft gezweifelt, ob Inklusion in der Produktion funktionieren könne
Fawzys Bedenken gingen in eine andere Richtung. "In einem Betrieb wie diesem kann immer mal was passieren. Wie stellen wir sicher, dass sich Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung rechtzeitig in Sicherheit bringen können?" Auch das Miteinander im Team machte ihm Sorgen. "Meine größte Befürchtung war, dass nicht alle ausreichend sensibilisiert sind, um respektvoll mit den neuen Mitarbeitenden umzugehen." Heute sind die meisten dieser Ängste verflogen. Zehny ließ den neuen Kollegen bewusst Zeit, um anzukommen. "Und dann habe ich gemerkt", sagt er, "unsere Mitarbeitenden mit Behinderung besitzen gute Fähigkeiten. Es braucht nur jemanden, der sie erkennt und fördert."
Begleitet statt alleingelassen
Dass das bei Marvel Ashraf funktioniert hat, wird deutlich, als wir ihn an seinem Arbeitsplatz besuchen. Konzentriert faltet er Seifenverpackungen. "Wenn ich fertig bin, gebe ich sie weiter an meine Kolleginnen. Sie füllen die Schachteln mit Seife", erklärt er uns. Eng an seiner Seite stehen Mona Mohamed und Heba Halim. Sie sind nicht nur Ashrafs Kolleginnen. Sie sind seine "Jobcoaches", seine Schlüsselmenschen sozusagen.
Zwei, die sich mögen: Jobcoach Heba Halim begleitet Marvel Ashraf. Sie ist seine Ansprechpartnerin im Arbeitsalltag.@ Caritas international/Bente Stachowske
Am Anfang sei Marvel ängstlich, unsicher und ein wenig durcheinander gewesen, erzählen die beiden. "Aber wir haben ihm gesagt: Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das gemeinsam hin. Immer wieder haben wir ihm die Schachteln vorgefaltet – und heute macht er das perfekt."
Die beiden Frauen wurden von SETI ausgebildet. "Am Anfang haben sie uns einfach über die Schulter geschaut", erklärt Maryam Adel, die als Referentin im Bereich Arbeitsmarktinklusion tätig ist. "Sie haben beobachtet, wie wir Marvel die Arbeitsschritte erklären und dann nach und nach selbst diese Rolle übernommen." Außerdem berichten die Jobcoaches nach allen Seiten: Sie sprechen mit Vorgesetzten, mit der Familie von Ashraf und auch mit SETI. "Sobald wir aus dem Unternehmen raus sind, sind sie unsere Augen und Ohren", so Adel.
Das "Training on the Job" ist nur der letzte Schritt in SETIs Begleitung. Schon lange davor bereiten die Mitarbeitenden die Klient:innen auf das Berufsleben vor. In ihrem Tempo, Schritt für Schritt. "Am Anfang geht es um einfache, aber entscheidende Dinge", erklärt Eglal Chenouda. "Warum ist Pünktlichkeit wichtig? Wie plane ich meinen Weg zur Arbeit? Was ziehe ich an? Wie verhalte ich mich gegenüber Kolleg:innen und Vorgesetzten? Und: In welchem Bereich möchte ich arbeiten, wo liegen meine Stärken?"
Auch Marvel Ashraf hat dieses Training absolviert. Als sich die Möglichkeit ergab, zu Luna Cosmetics zu wechseln, bereitete er sich mit SETI gezielt auf die neue Aufgabe vor – mit dem Wissen, das er zuvor in den Kursen gelernt hatte.
Pläne für ein eigenes Leben
Als wir Kairos überfüllte Straßen hinter uns lassen und endlich bei Ashrafs Familie ankommen, sind wir erleichtert. Tee dampft auf dem Tisch, Kuchen steht bereit. Ashrafs Eltern und sein Bruder begrüßen uns herzlich.
Ach wenn der Hunger groß ist, ein bisschen Mithilfe muss schon sein. Marvel Ashraf hilft seiner Mutter beim Vorbereiten des Abendessens. @ Caritas international/Bente Stachowske
"Was machst du denn abends, wenn du nach Hause kommst?", frage ich, als wir alle im Wohnzimmer einen Platz gefunden haben. "Dann kriege ich Riesenhunger", grinst er, "und bin viel zu müde, um zu helfen." Seine Mutter lacht laut auf. "Er deckt immerhin den Tisch – und dann erzählt er von seinem Arbeitstag. Ohne Punkt und Komma!" Sein Vater nickt zustimmend. "Marvel liebt seinen Job, seine Kollegen, das Leben, das er jetzt führt. Er hat Selbstvertrauen gewonnen, ist redseliger und offener als früher. Deshalb ermutigen und unterstützen wir ihn, wo wir nur können."
Und noch etwas hat sich verändert: Marvel denkt über seine Zukunft nach. "Unser Junge spart Geld, träumt von Heirat und einer eigenen Wohnung", sagt der Vater stolz und lächelt. "Unser Nachbar zieht bald aus. Das wäre schon eine Möglichkeit."