„Kunst verbindet Generationen“
"Kinder arbeiten aus dem Herzen heraus", weiß Kita-Leiterin Constanze Simmel. @ Wolfgang Duschl
Die Sonne wirft warmes Licht durch das große Fenster des Kindergartens St. Stephan in der Altstadt von Passau. Unten fließt der Inn der Donau entgegen, völlig unbeachtet von den vier Kindern am Ecktisch. Sie haben einen ihrer Schuhe ausgezogen, halten ein Stück Zeichenpapier über die Sohle, während sie mit der anderen Hand Signierstifte über das Blatt rubbeln. Während Maxi kräftig zu Werke geht, so dass sich die Sohle deutlich auf dem Papier abzeichnet, malt Pia erst vorsichtig und wechselt dann von Weiß zu Gelb. Nach und nach schimmert auch ihre Sohle auf dem Papier.
"Ich bin fertig. Auf meinem Bild ist zu viel Schwarz drauf. Ich kann nicht mehr", ruft Lino. Er will schon zum Spielplatz düsen. "Dann schreib deinen Namen auf die Rückseite", bremst Hubert Huber ihn ein. Er ist Passauer Künstler, Bildhauer sowie seit Urzeiten Vorsitzender des Berufsverbands Bildender Künstler Niederbayerns. Regelmäßig kommt er auf Einladung der Leiterin Constanze Simmel in den Kindergarten und vermittelt auch andere Künstler:innen.
Das machen wir gemeinsam: drei Generationen werkeln zusammen.@ Wolfgang Duschl
Der Draht ist kurz – Hubert Huber ist ihr Vater. Das hat Vorteile; die Kunst hat sie ihr ganzes Leben begleitet. Sie weiß, dass man im Atelier auch mal schmutzig wird, weil Späne fliegen, und Hände zuweilen nach Farbe riechen. Aber es hat immer einen Zauber, wenn sich aus der Idee ein Kunstwerk schält. Oder halt eher für den Papierkorb taugt. Genau diesen Prozess sollen die knapp vier Dutzend Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren selbst erfahren. Heute sitzen in Gestalt von Constanze Simmel, ihrem Sohn Maxi und ihrem Vater drei Generationen am Tisch und werkeln gemeinsam.
Aus dem Herzen heraus
"Kreativität und Kunst sind viel mehr als buntes Spielen. Sie sind auch ein Schlüssel zu Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit", weiß die 33-Jährige. Beginnen Kinder etwas Neues, lernen sie – ob die Skulptur gelingt oder nicht. Mit Frustration umzugehen, gehört dazu. Daraus kann Stärke wachsen. "Gerade Kinder arbeiten aus dem Herzen heraus. Sie machen einfach weiter", weiß Constanze Simmel.
Wie Lino, der vom Spielplatz wieder an den Tisch kommt und sich ein neues Blatt nimmt. Er hält es über die Sohle und malt. Dann hat er eine Idee, lässt seinen Schuh fallen und nimmt dafür einen anderen. So bilden sich gleich zwei Sohlen auf dem Bild ab. "Ich habe schon sechs Bilder gemalt", ruft ein Sechsjähriger in den Raum. Sofort schallt ihm von einem anderen Jungen entgegen, er habe schon sieben gemalt. Ein wenig Geprotze, vor allem aber Selbstvertrauen und Stolz hängen in der Luft.

Kunst als Schlüssel
Hubert Huber hört es lächelnd. Genau das will er mit seinem Engagement bewirken. Es ist allerdings kein Wettbewerb, nicht die Anzahl zählt, sondern das Ergebnis. Auch. "Gerade Kinder bis zehn Jahre sind noch nicht verbildet, sondern folgen intuitiv ihren Gefühlen und Gedanken. Sie können deshalb aus sich selbst schöpfen", sagt er. "Das sollten wir viel mehr fördern", fügt er noch hinzu.
Eine Botschaft, die er sein ganzes Leben lang an die Politik richtet. Denn Kunst fördert Kreativität, von der Kinder auch in anderen Fächern wie Mathe, Deutsch, Englisch oder Chemie profitieren. Andererseits rät er Künstler:innen, selbst mehr mit Kindern zu arbeiten, da man von ihrer Spontaneität viel lernen könne. Über die Kinder erreiche man auch Eltern und Großeltern und könne so alle Altersgruppen für die Kunst und die Anliegen der Künstler:innen gewinnen.
Seine Rolle in St. Stephan? "Die Kinder sind die Künstler, ich stelle ihnen nur die Technik bereit", sagt der 69-Jährige. Indem er sich zurücknimmt, können sie ihren eigenen Ideen folgen. Dann kann ein Pferd auch fünf Beine haben, ein Mensch blaue Haut und ein Gesicht, dessen Augen asymmetrisch platziert sind – ohne dass sie schon von Picasso gehört oder afrikanische Masken aus Mali gesehen haben. "So erleben sich die Kinder als die Chefs ihrer eigenen Fantasie", glaubt der Bildhauer.
Die regelmäßigen Besuche der Künstler:innen hinterlassen Spuren, weiß Constanze Simmel. "Ich finde es immer wieder großartig, wie sich die Kinder von den regelmäßigen Kunstaktionen im Jahr immer mehr entwickeln und immer selbstbewusster zu Werke gehen."
Zusammen wird ein Schuh draus

Von dieser Fantasie können sich Erwachsene, Erzieher:innen und auch Künstler:innen gleichermaßen inspirieren lassen. Indem sie ihr erwachsenes Denken für einen Augenblick ablegen, sich trauen, von den Kindern zu lernen und vielleicht selbst zu Malkreide oder Pinsel greifen. Genau dieses Miteinander der Generationen in St. Stephan ist ein gutes Beispiel für generationenübergreifendes Miteinander, wie es die Caritas-Kampagne "Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen" in diesem Jahr in den Vordergrund rückt. Klar ist: Die Kinder profitieren von den Besuchen der Künstler:innen – aber umgekehrt profitieren auch die Erwachsenen. Zusammen wird ein Schuh draus.
Im vergangenen Jahr haben Constanze Simmel und ihr Vater auch einmal die Eltern zu einem Kunstabend eingeladen. Einige Frauen und Männer nahmen das Angebot an. Statt im Kindergarten trafen sich alle in der Passauer Druckwerkstatt im "Kulturmodell" und fertigten Monotypien, also Drucke, bei denen jeweils nur ein Abzug entsteht. Es hat alle Anwesenden glücklich gemacht. Sie wollen es gerne 2026 wiederholen.
"Es ist wichtig, auch die Eltern in das Kunstprojekt einzubeziehen, damit sie die kreativen Erfahrungen ihrer Kinder miterleben und gemeinsam vertiefen können", sagt Constanze Simmel. So entstehe ein Austausch zwischen Kindern und Eltern, der das Verständnis für die kreative Entwicklung der Kinder fördere. "Kunst stärkt und verbindet Generationen", ist sie überzeugt.
Wachablösung in der Tischecke. Eine Erzieherin führt vier Dreijährige an den Tisch. Eva ist eine von ihnen. Mit großen Augen schaut sie in die Runde. In ihrem Gesicht arbeitet es – Neugier und auch etwas Unbehagen wechseln sich ab. Hubert Huber hält ihr den Schuh und das Papier hin. Eva schaut, was die anderen machen. Dann greift sie sich einen grünen Stift.
