neue caritas

Interview

Raum für Innovation und den Austausch guter Konzepte

Eva Maria Welskop-DeffaaEva Maria Welskop-Deffaa, Vorstand für Sozial- und Fachpolitik im Deutschen CaritasverbandDCV / Jörg Kaiser

Gertrud Rogg: Worum geht es bei der „digitalen Agenda" im Kern?
Eva M. Welskop-Deffaa: Die Arbeit der Caritas wird an allen Ecken und Enden von der Digitalisierung erfasst. Oft suchen Hilfsbedürftige zuerst im Internet nach Rat – überschuldete Menschen ebenso wie Suchtkranke, Kinder pflegebedürftiger Eltern ebenso wie Familien, die bei Arbeitslosigkeit den Verlust ihrer Wohnung fürchten. Wir wollen, dass sie dort verlässlich vertrauenswürdige Hilfe finden. Wir wollen zur digitalen Befähigung und zur Überwindung digitaler Spaltungen beitragen. Da sich die Entwicklungen der digitalen Transformation rasend schnell vollziehen, wollen wir im Verband den Austausch über gelungene Ansätze und das Lernen aus Fehlern intensivieren.

Sie haben die letzten Wochen dazu viel sondiert. Welche konkreten Herausforderungen stellen sich für die Caritas?
Ich sehe die Spannung zwischen mutiger Innovationsbereitschaft und Achtsamkeit auf unsere Reputation. Zwischen barrierearmer Erreichbarkeit auf der einen Seite, Datensicherheit und Persönlichkeitsschutz auf der anderen. Zwischen Sparsamkeit im Umgang mit dem uns anvertrauten Geld und der Bereitschaft, ausreichend Mittel zu investieren, um von den dynamischen Entwicklungen nicht abgehängt zu werden.

Läuft die Caritas hier einer Entwicklung hinterher?
Nein. Natürlich sitzen die Treiber der Digitalisierung in Bereich der Erwerbswirtschaft. Aber verglichen mit anderen Akteuren im Bereich der sozialen Infrastruktur ist die Caritas insgesamt sehr gut aufgestellt. Der Gestaltungswille, mit dem wir den Prozess der digitalen Transformation sozial ausrichten wollen, ist überall spürbar. Die DCV-Delegiertenversammlung hat soeben allen ihren vier Kommissionen aufgetragen, in den nächsten zwölf Monaten Fragen der Digitalisierung in den Mittelpunkt ihrer Beratung zu stellen und bei der Delegiertenversammlung 2018 ihre Ergebnisse gemeinsam vorzulegen. Das ist ein starkes Signal.

Ist unsere verbandliche Struktur ein Hindernis?
Unsere verbandliche Struktur ist ein Plus. In der Caritas sind wir seit jeher daran gewöhnt, als Netzwerk zu arbeiten, nicht als ­Konzern mit Top-down-Ansagen. Das kommt der agilen Arbeitsweise in der digitalen Welt sehr entgegen. Allerdings werden regionale Organisationslogiken und Finanzierungsverantwortungen, in denen wir geübt sind, mit der Digitalisierung teilweise infrage gestellt. Hier müssen wir innerhalb der Caritas und zusammen mit den öffentlichen Auftraggebern neu überlegen, wie wir gute „Daseinsvorsorge 4.0” flächendeckend gewährleisten können.

Muss der DCV hier zwingend Vordenker und Trendsetter sein?
Der DCV sollte Gelegenheitsräume für Innovationen schaffen und den Austausch guter Ideen fördern. Ich wünsche mir eine Kultur der „Caritas Open Source”, also des offenen Austausches guter Konzepte, und die Kraft, ein digitales Ökosystem zu installieren, das für die vielfältigen Programme und Apps, die in der Fläche entstehen, optimale Konnektivität sicherstellt.

Was sind die nächsten konkreten Schritte?
Der von der Bundesregierung Ende Oktober vorgelegte Raumordnungsbericht formuliert, dass "bei der Grundversorgung mit sozialen Dienstleistungen, wie Gesundheits- und Pflegediensten … die größten Veränderungspotenziale durch die mögliche Nutzung digitaler Dienstleistungen" bestehen. Und in der gemeinsamen Absichtserklärung der Spitzenverbände (s.a. neue caritas 17/2017, S. 33f.) mit dem Bundesfamilienministerium im September hieß es: „Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Digitalisierung zu stärken, sind die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege vielfältig gefordert. Sie müssen mit ihrer seismographischen Kompetenz … die digitale Transformation am sozialen Ausgleich orientiert mitgestalten." Politik sieht also, dass neben „Industrie 4.0" auch „soziale Infrastruktur 4.0" geschaffen werden muss. Die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung müssen sich in sozialen Nutzen für möglichst viele verwandeln. Diese Erkenntnisse in konkrete Verabredungen mit der neuen Bundesregierung zu gießen ist eine der wichtigen nächsten Aufgaben.