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Interview

"Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wird sich erhöhen"

Portraitfoto von Dr. Matthias Schulze-BöingDr. Matthias Schulze-Böing, Geschäftsführer des kommunalen Jobcenters „Mainarbeit“ in Offenbach Foto: Privat

Herr Schulze-Böing, was brauchen Jobcenter, um die vielen Schutzsuchenden, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen sind, auf den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Zunächst einmal braucht es einen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt für diese Menschen - unnötige Barrieren zur Beschäftigung müssen abgebaut werden. Außerdem brauchen Jobcenter eine vernünftige Ausstattung, personell und sachlich. Derzeit sind wir unterpersonalisiert. Die in den vergangenen Monaten nach Deutschland immigrierten Menschen haben einen besonders intensiven Beratungsbedarf, der ein hohes Maß an individualisierter Zuwendung benötigt. Mit der vorhandenen Ausstattung können wir dieser Aufgabe nur bedingt gerecht werden.

Als Voraussetzung für die Integration auf den Arbeitsmarkt ist der Spracherwerb unerlässlich. Ist damit auch die Reihenfolge der Maßnahmen - zuerst Sprachkurs, dann Arbeit  - vorgegeben?

Nein, das glaube ich nicht. Viel sinnvoller ist es, beides simultan ablaufen zu lassen. Menschen mit Fluchthintergrund müssen früh aktiviert und angeleitet werden, etwas Sinnvolles zu tun. Sie sollten nicht nur die Schulbank drücken, sondern auch einen direkten praktischen Verwendungskontext haben. Arbeit, Qualifizierung und Spracherwerb müssen miteinander verzahnt werden, es braucht neue Konzepte - nur so kann eine vernünftige, fruchtbare Lernumgebung entstehen.

Geringqualifizierte Arbeitslose befürchten, dass die neu hinzugekommene Gruppe von Menschen, die auf den Arbeitsmarkt strebt, zur Konkurrenz werden könnte. Ist die Angst berechtigt?

Wenn mehr Menschen mit einfacher Qualifikation auf einen schrumpfenden Markt von Arbeitsplätzen mit einfachen Qualifikationsanforderungen treffen, wird sich die Konkurrenz erhöhen. Kurzfristig sind Flüchtlinge noch keine Konkurrenz für Langzeitarbeitslose und andere schwervermittelbare Gruppen. Mittel- und Langfristig muss man aber mit mehr Wettbewerb am Arbeitsmarkt rechnen, vor allem in bestimmten Segmenten, wie der Logistik, Bauindustrie, Gastronomie und dem Handel. Die deutsche Wirtschaft hat Bedarf an Fachkräften, nicht an Hilfskräften. Deshalb ist Qualifizierung so wichtig.

Wäre eine Sonderlösung für die Heranführung der geflüchteten Menschen an den Arbeitsmarkt da nicht hilfreich?

Nein, ich halte das nicht für sinnvoll. Durch einen Sonderweg wird die Konkurrenzsituation nicht verhindert, sondern das System wird noch komplexer und es entstehen unnötige Gerechtigkeitsfragen. Flüchtlinge bringen, soweit wir wissen, ganz überwiegend eine hohe Arbeitsmotivation mit. Diese Motivation muss erhalten werden. Den Menschen muss die Chance gegeben werden, ihre Fähigkeiten einzusetzen und weiter zu entwickeln. Deshalb müssen wir schnell und wirksam fördern und fordern, aber dürfen dabei nicht die anderen Immigranten und Langzeitarbeitslosen vergessen.