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Caritas-Studie "Wohnen"

Wohnst du schon? Oder hast du gar ein Zuhause?

Junge Frau mit Zimmer auf StraßeDeutscher Caritasverband, Fotograf: Darius Ramazani

Vier von fünf im Herbst 2017 befragten Deutschen (79 Prozent) sehen hohe Wohnkosten als erhebliches Armutsrisiko. Drei Viertel der Befragten betonen, es sei vordringlich wichtig, das Menschenrecht auf Wohnen für alle zu gewährleisten. "Bezahlbares Wohnen" rangiert damit auf Platz 4 der sozialpolitischen Top-Themen. Mit diesen Zahlen unterstrich die vom Deutschen Caritasverband zum Start der Jahreskampagne 2018 präsentierte Studie "Menschenrecht auf Wohnen"1, wie notwendig es ist, dass sich die Caritas in diesem Jahr Fragen von Wohnungsnot und Wohnungsbau verstärkt zu­wendet.

Die Großfamilie, die Studentin, der Rentner: Sie alle sitzen buchstäblich auf der Straße. Auf großformatigen Plakaten zeigen die Motive der aktuellen Caritas-Kampagne2 den eklatanten Wohnraummangel auf. Sie hängen überall in Deutschland - in Altenhilfeeinrichtungen, an Kirchtürmen und Baukränen. Gleichzeitig sind in etlichen Regionen die ersten Aktionen zur Jahreskampagne gestartet. So stand im Erzbistum Bamberg die Caritas-Frühjahrssammlung bis zum 4. März unter dem Motto der Kampagne - die Allgemeine Soziale Beratung und der Hilfsfonds des Diözesan-Caritasverbandes wurden mit den Einnahmen aus der Sammlung gestärkt, um Menschen in Wohnungsnot zu helfen. Bei der Caritas im Erzbistum Köln laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren für die ­Aktion "fiktives Wohnzimmer" am 5. Mai, die öffentlichkeitswirksam auf die Probleme von Wohnungsnot und hohen Mietkosten aufmerksam machen soll. Ein Forderungspapier zu den Kosten der Unterkunft für SGB-II-Leistungsempfänger(innen) legt der Deutsche Caritasverband in diesem Heft vor (s. S. 32 ff.): der richtige Zeitpunkt, um noch einmal intensiver auf die Ergebnisse der Caritas-Studie zur Jahreskampagne zu schauen.

Was erklärt den hohen Stellenwert des Themas in der Bevölkerung? Welche Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind mit explodierenden Mietkosten verbunden? Welche Erwartungen richten sich an die Politik? Und wann wird eine Wohnung wirklich zum "Zuhause"?

Bezahlbares Wohnen muss der Politik am Herzen liegen

"Bezahlbares Wohnen gehört auf die politische Agenda!" Die weit überwiegende Zu­stimmung der Befragten zu dieser Aussage erstreckt sich über alle Einkommensklassen - ein deutliches Zeichen dafür, dass längst nicht mehr nur Menschen am Rande der Gesellschaft vom angespannten Wohnungsmarkt betroffen sind. Gleichzeitig wird aus den Umfrageergebnissen deutlich, dass das Thema "bezahlbares Wohnen" gerade für Personen mit niedrigem Einkommen kritisch ist: 83 Prozent der Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 1500 Euro halten die Frage nach bezahlbarem Wohnraum für äußerst oder sehr wichtig (im Vergleich zu 76 Prozent Zustimmung insgesamt).

Ganz offensichtlich speist sich die hohe Zustimmung zu sozialer Wohnungspolitik aus einem klaren Bewusstsein der Folgen steigender Mieten, die sich im eingangs erwähnten Armutsrisiko nicht erschöpfen: Drei von vier Befragten stimmen der Aussage zu, dass hohe Wohnkosten die Entwicklungschancen von Kindern beeinträchtigen. Etwa 75 Prozent meinen, dass Mietpreisexplosionen der räumlichen Segregation unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen Vorschub leisten und dass mit hohen Wohnkosten die Gefahr wächst, wohnungslos zu werden - allesamt Faktoren, die sich langfristig negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Bereits jetzt sehen 60 Prozent der Befragten den sozialen Zusammenhalt durch hohe Wohnkosten gefährdet.

Sozialen Wohnungsbau fördern

Sowohl das Armutsrisiko als auch den Nachteil für die Kindesentwicklung nehmen am stärksten Befragte mit geringem Einkommen wahr. Ein besonders ausgeprägtes Bewusstsein für die mit hohen Wohnkosten verbundenen Folgen beobachtet die Studie bei den Befragten über 50 Jahren: Von ihnen sehen 86 Prozent in hohen Wohnkosten eine erhebliche Armutsgefährdung, 81 Prozent fürchten schlechtere Entwicklungschancen für Kinder. Interessanterweise findet die menschenrechtliche Dimension des Themas Wohnen vor allem bei den jüngeren Befragten unter 30 Jahren überdurchschnittliche Zustimmung. Im Ergebnis gibt es beim Unterstreichen des wohnungspolitischen Handlungsbedarfs insgesamt keine Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Befragten, wohl aber bei der Unterstützung einzelner Vorschläge. Die Förderung des sozialen Wohnungsbaus - der wohnungspolitischen Maßnahme, die insgesamt klar die höchste Zustimmung in der Bevölkerung genießt (s. Abb. 1, oben) - wird von 82 Prozent der über 60-Jährigen vorbehaltlos unterstützt, bei den unter 30-Jährigen sind es nur 57 Prozent, die so uneingeschränkt positiv votieren.

Differenziert man bei der Zustimmung zu wohnungspolitischen Maßnahmen nach dem Einkommen, ergibt sich eine deutlich geringere Varianz: Auch wenn bei den Befragten mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 2000 Euro die Zustimmung zum sozialen Wohnungsbau besonders groß ist, sprechen sich doch mehr als zwei Drittel der Befragten mit einem darüberliegenden Einkommen ebenfalls dafür aus. Dank der in weiten Teilen der Gesellschaft vorhandenen Solidarität mit Menschen, die es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer haben, ist Engagement der Politik in diesem Feld nicht nur mehrheitsfähig, sondern ganz überwiegend willkommen. Der Entwurf des Koalitionsvertrages von CDU/CSU und SPD vom 7. Februar 2018 trug dieser Erkenntnis Rechnung: Die Parteien verpflichteten sich, auch 2020/21 noch mindestens zwei Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen.

GrafikAbb. 1: Um bezahlbares Wohnen sicherzustellen, sollte die Politik den sozialen Wohnungsbau stärken, forderten 84 Prozent der Befragten (Mehrfachnennungen geeigneter politischer Maßnahmen waren möglich).Grafik Ipsos/DCV

Die in der Caritas-Studie gleichfalls zutage geförderte hohe Zustimmung (80 Prozent der Befragten, s. Abb. 1, oben) zur Förderung von Wohnungsgenossenschaften als einer besonders geeigneten politischen Maßnahme findet ebenso eine Entsprechung im von CDU/CSU und SPD verhandelten Text.3 Die vor einigen Jahren unter Ökonom(inn)en und Politiker(inne)n verbreitete Erwartung, allein mit einer Verbesserung der Subjektförderung - mit Anpassungen etwa beim Wohngeld - Engpass-Situationen auf dem Wohnungsmarkt vermeiden und die Bezahlbarkeit von Wohnungen für alle gewährleisten zu können, hat erkennbar abgenommen.

Was ein Zuhause ausmacht

"Jeder Mensch braucht ein Zuhause" - neun von zehn befragten Personen assoziierten mit diesem Satz die Forderung nach einer bezahlbaren Wohnung (88 Prozent, s. Abb. 2, S. 22). Für rund die Hälfte aller Befragten machen aber erst soziale Eigenschaften die Wohnung zum Zuhause: Es bedarf einer angemessen großen Wohnung, der Möglichkeit, Gäste empfangen zu können; und auch nette Nachbarn gehören dazu, damit eine Wohnung zum Zuhause wird. Besonders wichtig sind diese Eigenschaften einer Wohnung Menschen mit geringem Einkommen.

Eine nette Nachbarschaft wird mit zunehmendem Alter als immer wichtiger bewertet: Während lediglich jede(r) vierte Befragte unter 30 Jahren die Nachbarschaft als einen relevanten Faktor fürs "Zuhause" ausweist, liegt die Zustimmung bei den befragten Personen über 60 Jahren bei knapp 60 Prozent. Offenbar wächst mit der Lebenserfahrung die Einsicht, dass die Bezahlbarkeit der Wohnung eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für ein wirkliches Zuhause ist. Es spiegelt sich unter Umständen in diesen Zahlen auch das Wissen um die Gefahr, im Alter einsam zu werden, wenn der Partner stirbt, die Kinder weit entfernt leben und im häuslichen Umfeld keine sozialen Kontakte gelingen.

Zuhause im Quartier

Eine Frage nach den Aspekten des Wohnumfelds, die besonders wichtig sind, um sich zu Hause zu fühlen, rundete daher die Caritas-Studie "Menschenrecht auf Wohnen" ab. Es überrascht nur auf den ersten Blick, dass ein guter öffentlicher Personennahverkehr, der die Erreichbarkeit von Freund(inn)en, Ärzt(inn)en und von Kulturangeboten erleichtert, mit einer Zustimmung von 78 Prozent der Befragten an erster Stelle steht; auf den Plätzen 2 und 3 folgen mit Kinderbetreuung (70 Prozent) und Sozialstationen/Pflegediensten (66 Prozent) originäre Angebote der Wohlfahrtsverbände.

GrafikAbb. 2: „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ – darunter verstehen die Befragten in erster Linie eine bezahlbare, warme Wohnung. Soziale Aspekte machen für jede(n) Zweite(n) eine Wohnung zum Zuhause (Angaben in Prozent der insgesamt 1009 Befragten; Mehrfachnennungen waren möglich).Grafik Ipsos/DCV

Betrachtet man die Zustimmung zur Wichtigkeit dieser Angebote in Abhängigkeit von der Größe der Orte, in denen die Befragten leben, ist zu erkennen: Vor allem in ländlichen Regionen wird die Bedeutung der sozialen Infrastrukturangebote für das "Zuhausesein" hervorgehoben. In Großstädten sagen 63 Prozent der Befragten, Sozialstationen seien wichtige Umfeldfaktoren für ein wirkliches Zuhause, in ländlichen Regionen sind es 82 Prozent. Bei der Kinderbetreuung fällt der Unterschied mit 66 zu 91 Prozent noch größer aus. Für Caritasverbände in ländlichen Gegenden, in denen nicht - wie in Ballungszentren - Wohnungsknappheit und Mietpreissteigerung sozialen Problemdruck erzeugen - können diese Studienergebnisse Anknüpfungspunkte sein, um im Rahmen der Kampagne 2018 "Jeder Mensch braucht ein Zuhause" den Fokus auf die Gewährleistung der sozialen Infrastruktur zu legen. Die Forderung, bezahlbaren Wohnraum zu sichern, ist eingebettet in das Ziel der Caritas, Orte lebendigen Miteinanders zu schaffen, an denen die Wohnung mehr ist als ein Dach über dem Kopf. Innovative sozialräumliche Quartiersprojekte - von denen einige exemplarisch in der Good-Practice-Mappe zur Kampagne vorgestellt sind - machen vor, wie diese Verantwortung wahrgenommen werden kann.

Caritas und Kirche

Der Quartiersarbeit und dem caritativen Engagement in den pastoralen Räumen kommt - das legen nicht nur die Ergebnisse der Caritas-Studie "Menschenrecht auf Wohnen" nahe - perspektivisch wachsende Bedeutung zu. Der "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" der Bertelsmann-Stiftung4, dessen aktuellste Daten einige Wochen vor der Caritas-Studie vorgestellt wurden, verweist auf den engen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Zusammenhalt und Nachbarschaftsaktivitäten.

Zur Bedeutung, die Kirchen und anderen Orten des Glaubens von den Menschen für ihr Zuhausesein zugeschrieben wird, liefert die Caritas-Studie nüchterne Befunde: So­wohl in der Großstadt als auch auf dem Land sind es jeweils noch ein (gutes) Drittel der Befragten, die für sich einen spürbaren Zu­sammenhang zwischen ihrem "Zuhause-Ort" und der Kirche in der Nachbarschaft sehen.

Anmerkungen
1. Die Ergebnisse der beim Marktforschungsunternehmen Ipsos Public Affairs in Auftrag gegebenen, von den Autorinnen dieses Beitrags konzeptionell begleiteten repräsentativen Bevölkerungsumfrage sind zusammengefasst auf der Kampag­nenhomepage www.zuhause-fuer-jeden.de abrufbar, ebenso Angaben zum Studiendesign.
2. Materialien zur Caritas-Kampagne 2018 (Plakatmotive, Sozialpolitische Positionen, Good-Practice-Mappe und Aktionsvorschläge) finden sich unter: www.zuhause-fuer-jeden.de
3. "Wir wollen das Engagement von Genossenschaften, kommunalen und kirchlichen Wohnungsunternehmen, nicht gewinnorientierten Initiativen und Stiftungen für den Neubau und eine sozialverträgliche Sanierung im Sinne einer Gemeinwohl­orientierung unterstützen. Wir wollen dazu gezielt langfristige Finanzierungen und Bürgschaften über 20 Jahre durch die KfW zur Verfügung stellen. Mit Beratung und weiteren innovativen Finanzierungsmodellen und einem Austausch guter Beispiele wollen wir auch Neugründungen in diesem Feld unterstützen."
4. Näheres unter: www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de, Suchbegriff: "Radar 2017".

18.04.2018 | 03:34  
jana schreibt

mitarbeiterin von bewo marin hat "ausversehen" ein schriftstück welches der ärztlichen schweigepflicht unterliegt an meinen vermieter, gag etc weitergegeben, welches jedenfalls genau das gegenteil ihrer kampagne "jeder mensch braucht ein zu hause" bewirkt hat.

18.04.2018 | 10:00
Gertrud Rogg antwortet  

Das tut uns sehr leid. Leider weiß ich nichts Näheres über Ihren Fall. Wäre es eventuell eine Möglichkeit für Sie vor Ort mit dem/der Vorgesetzten der Mitarbeiterin sowie der Mitarbeiterin selbst einen Termin zu der Angelegenheit auszumachen und um Klärung und Unterstützung zu bitten? Ich denke, dass die Caritas auf allen Ebenen das Anliegen der Kampagne "Jeder Mensch braucht ein Zuhause" ernst nimmt.

18.04.2018 | 11:37
antwortet  

18.04.2018 | 21:45
antwortet  

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03.04.2018 | 10:58  
Dorothee Bodewein schreibt

Beim Thema Wohnen scheint es nicht mehr darum zu gehen, ein Grundbedürfnis zu stillen. Wohnen ist zu einer Ware geworden, die nach marktwirtschaftlichen Spielregeln gehandelt wird und an der verdient werden will. Es geht um ein Lebensgefühl, das Menschen auch und gerade über die Medien vermittelt wird. In städtischen Ballungsgebieten bedeutet dies oftmals nicht die Entscheidung zwischen Wohnen oder Leben, wie ein schwedisches Einrichtungshaus uns weiß machen will. Es geht um Haben oder Nichthaben.
Der gegenwärtige Wohnungsmarkt sortiert automatisch Menschen aus, und der Sozialstaat versagt Menschen die Teilhabe an bezahlbarem Wohnraum. Seit 2014 steigt bundesweit nach Schätzungen der Anteil von Menschen, die ohne Wohnung sind. Aktuell sollen dies rund 1 Million Menschen sein. Bezahlbares Wohnen gehört nicht auf die politische Agenda. Ich frage mich, warum steht es nicht schon längst drauf?

07.04.2018 | 21:56
Eva Welskop-Deffaa antwortet  

Liebe Dorothee Bodewein,
Die Jahreskampagne 2018 des Caritasverbandes greift ein Thema auf, das für viele Aktive der Caritas schon lange unter den Nägeln brennt. An immer mehr Orten bemerken wir, dass Wohnraum fehlt, entweder weil objektiv zu wenig Wohnungen vorhanden sind und/oder weil die Logiken des Immobilienmarktes Menschen mit geringerem Einkommen, Familien mit vielen Kindern, Hartz-IV-Empfängern oder im Leben Gestrauchelten keine Chance lassen. „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ bündelt ein Jahr lang unsere Gegenwehr.

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