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Inklusion

Kundenstudie erforscht Wünsche geistig behinderter Menschen

Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beschreibt Eckpunkte einer Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger das Recht auf vollständige und wirksame Partizipation und Inklusion in der Gesellschaft haben (Art. 3 BRK). Ihre programmatischen Aussagen bilden den Rahmen für die Gestaltung der sozialen Leistungen für Menschen mit Behinderung.

Im Prozess der Neuorientierung der Hilfesysteme hat die Perspektive der Betroffenen einen zentralen Stellenwert. Sie sind Akteure in der Planung, Entwicklung und Evaluation von Dienstleistungen. Nicht Einpassung in tradierte Strukturen ist die Devise. Nötig ist vielmehr eine Flexibilität der Dienstleistungen zur Realisierung eigener Lebensentwürfe in selbst gewählten sozialen Bezügen und zur Unterstützung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Diesen Ansatz hat die Berliner "Kundenstudie"1 gewählt, um Empfehlungen zur qualitativen Weiterentwicklung der Dienstleistungen im Bereich des Wohnens zu entwickeln. Im Mittelpunkt der Studie standen die Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, die als "Kunden" wohnbezogene Leistungen der Eingliederungshilfe in Anspruch nehmen.

Das Wohnquartier als ­Erfahrungsraum

Mit Blick auf die Zielperspektive Inklusion bedeutet "Kundenorientierung", die Erfahrungen von Menschen mit Behinderung in ihrem Wohnquartier und ihre Vorstellungen zur Realisierung von Teilhabe zu erkunden und diese zur Grundlage der Unterstützungsleistungen zu machen. Da­bei geht es nicht allein um individuumbezogene Leistungen, sondern auch darum, Ressourcen im Gemeinwesen zu erschließen.

Wohnquartiere haben als sozialer Nahraum für die Menschen, die dort leben, unterschiedliche Funktionen.2 Sie bieten Raum zur Versorgung mit Waren und Dienstleistungen, Raum für Begegnung  und soziale Kontakte, Raum für Aktionen oder Raum für Versammlungen und Demonstrationen. Je nach Lebensalter und Lebenserfahrung, nach Geschlecht und kultureller Zugehörigkeit, nach Interessen und Vorlieben wird der soziale Nahraum unterschiedlich wahrgenommen.

Welche subjektive Bedeutung der soziale Nahraum mit seinen Ressourcen für Menschen mit Behinderung hat, besonders für Menschen mit einer geistigen Behinderung, darüber gibt es bislang nur wenige Erkenntnisse. Darum wurde im Rahmen der "Kundenstudie" ein stadtteilbezogenes Praxisprojekt mit dem Namen "Leben im Quartier" durchgeführt. Zentrale Fragen waren:

  • Wie sind Menschen mit geistiger Behinderung in ihrem Wohnquartier eingebunden?
  • Welche Faktoren sind für eine gelingende Teilhabe bedeutsam?
  • Wie können die Teilhabechancen ge­stärkt werden?

Beteiligt waren 22 Frauen und Männer zwischen 20 und 76 Jahren aus drei Berliner Bezirken mit jeweils unterschiedlicher Sozialstruktur. Sie nehmen Wohnangebote der Behindertenhilfe in Anspruch (betreutes Einzelwohnen, Wohngemeinschaft oder Wohnheim) oder sie leben in ihrer Herkunftsfamilie. Im Rahmen des Projekts wurden sie im Zeitraum von mehreren Wochen von Studierenden in ihrem Alltag begleitet. Ziel war es, über Gespräche und Kiezgänge den Stand ihrer Teilhabe im Wohnquartier aus ihrer subjektiven Perspektive zu ermitteln: Welche Personen und Orte sind für sie bedeutsam? Wo gehen sie gerne hin? Welche Orte meiden sie? Die Aussagen wurden gemeinsam mit den Teilnehmenden - den jeweiligen Möglichkeiten und Vorstellungen entsprechend - in persönlichen Teilhabenetzen und Kiezkarten visualisiert. Für eine ältere Frau, die vor einigen Jahren erblindete, aber dennoch ihre Lieblingswege im Kiez zeigen konnte, wurde als persönliche Dokumentation der gemeinsamen Unternehmungen ein Hörbuch mit Ausschnitten aus den Gesprächen angefertigt.

Die subjektive Bedeutung des sozialen Nahraums

Die Analyse der Kiezkarten zeigt, dass am häufigsten die Nutzung von Geschäften und Dienstleistungen als wichtige Aktivität im Wohnquartier angegeben wird. Bevorzugte Orte sind Einkaufszentren, Kaufhäuser, Supermärkte und Einzelhändler. Den eigenen Vorlieben entsprechend haben bestimmte Läden und allgemein zugängliche Angebote einen besonderen Stellenwert, zum Beispiel Bäcker, Schreibwaren-, Fahrradladen oder die Stadtbibliothek. Besonders beliebte Orte sind die Pizzeria, der Dönerladen und die Eisdiele.

In Geschäfte zu gehen ist für viele die einzige Gelegenheit, mit Menschen ohne Behinderung ins Gespräch zu kommen, die nicht professionell mit ihnen zu tun haben. Diese Chance wird von einigen gezielt genutzt, indem sie auch ohne Kaufabsicht in Geschäfte gehen. Weitere Räume der Begegnung mit Menschen ohne Behinderung sind zum Beispiel der Fußballplatz in der Nähe oder die Tischtennisplatte im Hof. Vereinzelt finden im Innenhof von Wohnanlagen nachbarschaftliche Treffen statt, an denen auch Menschen mit Behinderung teilnehmen. Insgesamt wird die unmittelbare Nachbarschaft als überwiegend freundlich beschrieben. Regelmäßige Kontakte zu Kirchengemeinden werden nur selten benannt.

Zur Erholung machen einige Spaziergänge in Parks oder nutzen diese, um Sport zu treiben. Bei anderen stehen Erkundungsgänge im Mittelpunkt. So bummelt ein Mann gern über Marktplätze, beobachtet Leute und schaut sich an, was es alles so gibt. Zur Lieblingsbeschäftigung dieser Person gehört auch, mit öffentlichen ­Verkehrsmitteln zu fahren, vorzugsweise allein.

Einige der Projektteilnehmer(in­nen) haben eine starke Identifizierung mit ihrem Stadtteil entwickelt. Sie laufen aufmerksam durch ihren Kiez und bemerken Veränderungen, die bei ihnen Freude auslösen können (zum Beispiel neue Steinplatten auf einem zentralen Platz), oder sie entdecken Zustände, die sie ärgern. Da geht es um Abfall, den Leute in den Teich im Park werfen, oder um den Hundekot auf den Fußwegen. Solche Erfahrungen könnten Ansatzpunkte für gemeinsame Aktionen mit anderen Kiezbewohnern werden, die Zustände wie diese verändern wollen.

Intensivere Kontakte haben die Projektteilnehmer(innen) aber überwiegend zu anderen Menschen mit Behinderung. Beliebte gemeinsame Freizeitbeschäftigungen sind Spazierengehen, Sport, Kino-, Café- und Discobesuche. Alltägliche Begegnungen mit Menschen auf der Straße sind eher oberflächlich, kontinuierliche Kontakte mit anderen sind bei vielen keine Selbstverständlichkeit:

  • Fast 40 Prozent der Frauen und Männer, die Wohnangebote der Behindertenhilfe in Anspruch nehmen, haben keinen Ort in ihrer Nähe, an dem sie sich mit anderen treffen und gemeinsam etwas unternehmen können. Bei den in der Familie lebenden Personen ist der Anteil derer, die einen Ort in der Nähe haben, deutlich höher.
  • Nahezu die Hälfte der Befragten in betreuten Wohnformen hätte gern mehr Kontakte mit Menschen in der Wohngegend. Leben sie in ihren Familien, wird dieser Wunsch seltener geäußert.
  • Rund zwei Drittel der Personen in betreuten Wohnformen kennen Einsamkeit. Bei denjenigen, die in den Familien leben, tritt dieses Gefühl seltener auf.

Mehrere Frauen und Männer unternehmen nach eigenen Angaben in ihrer freien Zeit keinerlei Aktivitäten außerhalb ihres Wohnbereichs. Zu den Orten, die gemieden werden, gehören ein Park sowie Straßen und Plätze, die wegen Diskriminierungserfahrungen in unguter Erinnerung sind. Beschimpfungen durch betrunkene Jugendliche wurden erwähnt oder Kinder, "die uns jagen".

Auf der Basis des ermittelten Stands der Teilhabe am Leben im Quartier wurden die Beteiligten nach ihren Zielen in naher Zukunft gefragt. Nicht alle konnten diese Frage beantworten. Die Ziele verweisen auf Defizite bei der Realisierung von Teilhabe in mehreren Bereichen. Die Frauen und Männer wollen mehr Teilhabe an sozialen Beziehungen (Freund/Partner), Teilhabe an Arbeit außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen, mehr Bildung (Kompetenzen zum selbstständigen Wohnen), Mitgliedschaft in Sportvereinen oder mehr kulturelle Teilhabe. In Anlehnung an die persönliche Zukunftsplanung wurden in einem Persönlichen Teilhabeplan erste (eigene) Schritte auf dem Weg zum Erreichen des Ziels dokumentiert.

Rückblickend ist festzuhalten, dass sich die im Projekt "Leben im Quartier" erprobten partizipativen Verfahren zur Ermittlung des Eingebundenseins von Menschen mit Behinderung in ihrem Wohnumfeld als Ansatzpunkte für die Stärkung ihrer Teilhabechancen bewährt haben. Sie öffnen den Blick für Ressourcen des Sozialraums, die - als Gegenpol zur Besonderung - das Gemeinsame von Menschen mit und ohne Behinderung in den Vordergrund stellen.

Anmerkungen

1. Seifert, Monika: "Kundenstudie" - Bedarf an Dienstleistungen zur Unterstützung des Wohnens von Menschen mit Behinderung. Berlin : Rhombos-Verlag, 2010. Laufzeit der Studie: 2007-2009. Das Forschungsprojekt wurde gefördert von: Deutsche Behindertenhilfe - Aktion Mensch, Bonn; Heidehof-Stiftung GmbH, Stuttgart; D.-Ludwig-Schlaich-Stiftung, Waiblingen; Franz-Neumann-Stiftung für Behinderte, Berlin.
2. Vgl. Preis, Wolfgang; Thiele, Gisela: Sozialräumlicher Kontext Sozialer Arbeit : Eine Einführung für Studium und Praxis. Chemnitz : Rabenstück, 2002.