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Stand: 07.03.2017

Fachthema

Sozialraumorientierung und soziale Stadtentwicklung

Ziel des sozialräumlichen Handlungsansatzes ist die Verbesserung der Lebenssituation von Menschen, die Stärkung ihrer Teilhabechancen und Selbsthilfekräfte. Um diese Ziele zu erreichen arbeitet die Caritas mit allen örtlichen Akteuren zusammen – mit Kommunen und Kirchen, mit Bildungsinstitutionen und niedergelassenen Ärzten, mit Vereinen. Mit dem Ladenbesitzer vor Ort. Mit der Nähstube. Je nachdem, welche Institutionen und Personen im Stadtteil oder einer Ortschaft eine wichtige Rolle spielen, je nachdem, welche Anliegen den Bewohner(inne)n am wichtigsten sind. Denn der Ausgangspunkt sozialräumlicher Arbeit ist immer der erklärte Wille der Menschen. Daher beginnen viele sozialräumliche Prozesse mit einer qualifizierten Sozialraumanalyse, mit einer Stadtteilkonferenz oder einer Bewohnerbefragung. 

Der Handlungsansatz der Sozialraumorientierung, entwickelt am ISSAB in Essen, wird in unterschiedlichen Fachbereichen, in städtischen wie in ländlichen Räumen umgesetzt und folgt dabei stets fünf zentralen Prinzipien: 

  • Orientierung am Willen und den Interessen 
  • Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe 
  • Konzentration auf Ressourcen 
  • Zielgruppen- und bereichsübergreifende Sichtweise 
  • Kooperation, Koordination und Integration

Sozialraumorientierung ist eine wichtige Strategie, um den Herausforderungen des demografischen Wandels oder Segregationstendenzen in städtischen Ballungszentren zu begegnen. Daher setzen auch politische Programme wie die "Lebenswerte soziale Stadt" auf die Sozialraumorientierung, allerdings mit einem starken Fokus auf die städtebauliche Aufwertung benachteiligter Stadt- und Ortsteile – also die Investition in "Steine". 

Gemeinsam aktiv im Sozialraum 

Soziallotterie GlücksspiraleDas Projekt „Gemeinsam aktiv im Sozialraum“ wird von der Glücksspirale gefördert.

Die Stärken der Caritas liegen in der Vernetzungsarbeit, der Integration verschiedener professioneller Fachdienste, der Erschließung ehrenamtlicher Ressourcen und dem Zugang zu sozial ausgegrenzten Menschen. Sozialräumliche Arbeit bedeutet nicht, die spezialisierte Einzelfallhilfe aufzugeben. Es bedeutet, sie in eine Gesamtstrategie zu integrieren. 

Um die Sozialraumorientierung in der verbandlich-kirchlichen Praxis weiter zu verbreiten, führt der Deutsche Caritasverband e. V. (DCV) derzeit zusammen mit 18 Diözesan-Caritasverbänden und 47 regionalen Standorten (s. Karte mit Projektstandorten unten) ein bundesweites Projekt unter dem Titel "Gemeinsam aktiv im Sozialraum" durch (Laufzeit 2014 - 2017). Die Erfahrungen der Projektstandorte helfen dabei, fördernde oder eher hinderliche Faktoren für sozialräumliches Arbeiten zu identifizieren.

Praxisbeispiele:

Flüchtlingsberatung, Caritasverband Main-Spessart

Auf den ersten Blick eine Idylle aus dem Naherholungsprospekt: Zwischen Hügeln, Wald und Feldern liegt eine Übergangsunterkunft für 29 Flüchtlinge aus den verschiedensten Krisenregionen der Erde. Für die 1350 Einwohner des bayrischen Dorfes sind die Menschen fremd, über ihre Ansiedlung wurden sie nicht informiert, eine Verständigung ist schwierig. Flüchtlinge wie Einheimische leiden darunter, dass es im Dorf kein Geschäft mehr gibt, samstags fährt nicht einmal mehr der Bus. Einmal in der Woche kommt die Flüchtlingsberaterin der Caritas und unterstützt bei der Lösung der dringendsten Probleme. Den Rest der Zeit gibt es für die Flüchtlinge wenig zu tun. Die Situation ist für die Flüchtlinge belastend, für die Einheimischen schwierig. Wer ergreift hier die Initiative, etwas zu verändern?

Der Caritasverband für den Main-Spessart-Kreis hat Bürgermeister, Kirchen, Vereine, Kindertageseinrichtungen, Flüchtlinge und einheimische Bürgerinnen und Bürger zu zwei runden Tischen zusammen gerufen. Erste Ergebnisse: Fahrgemeinschaften am Wochenende und Sprachtrainings Der Sportverein nimmt die Flüchtlingskinder auf und übernimmt die Beiträge; ein iranischer Asylbewerber bietet für den Verein Kurse an. Flüchtlinge und Dorfbewohner bilden ein Koordinierungsteam. Erste gemeinsame Aktion: Organisation eines Dorffestes.

Quartierbüro, Caritasverband Mannheim

Alles andere als eine grüne Idylle ist der Mannheimer Stadtteil Wohlgelegen. Die Wohnungen sind vergleichsweise günstig, hier leben viele alleinerziehende Mütter, viele Familien mit Migrationshintergrund. Man kennt sich nicht. Die Fluktuation ist hoch. Auch hier gibt es keinen Lebensmittelmarkt mehr, weil sich das für private Einzelhändler nicht mehr lohnt. Es fehlen Naherholungsmöglichkeiten, ansprechende Orte der Begegnung, Freizeitmöglichkeiten oder Spielplätze.

Seit dem 1. April 2010 gibt es in Mannheim Wohlgelegen einen Quartiermanager, finanziert vom Caritasverband Mannheim und der GBG Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft. Die Pfarrgemeinde St. Bonifatius stellt die Räumlichkeiten. Einmal wöchentlich fährt ein Einkaufsshuttle in den Fachmarkt, es gibt eine mobile Bibliothek und Sprechstunden des Sozial- und Migrationsdienstes im Quartierbüro. In Mannheim trägt die Caritas noch in drei anderen Stadtteilen die Quartierbüros.

Familienzentrum, Caritasverband Main-Kinzig-Kreis

Täglich bringen die Mütter ihre Kinder in die Kita der Gemeinde Mariae Namen. Viele haben einen Migrationshintergrund, sehr wenig Geld und sind kaum in die Hanauer Gesellschaft integriert. Der Pfarrer und der Caritasverband gemeinsam möchten für diese Familien etwas tun und initiieren eine Bedarfsabfrage bei den Eltern der Kindertageseinrichtung. Ergebnis: Am dringendsten gebraucht werden eine Hausaufgabenbetreuung für die älteren Geschwister, Nachhilfe und Sprachkurse für die Mütter. Allein kann die Caritas diese Angebote nicht stemmen. Deshalb holt sie Kooperationspartner mit ins Boot: die Grundschule, den Internationale Bund und die Familienbildungsstätte. Da die Sprachkurse in der Kindertageseinrichtung stattfinden und kostenfrei sind, werden auch Mütter erreicht, die keinen Kurs beim internationalen Bund besuchen würden.

Nähere Informationen zum Projekt:

Ulrike Wössner, Projektleitung "Gemeinsam aktiv im Sozialraum"
Deutscher Caritasverband e.V.
Referat Sozialraum, Engagement und Besondere Lebenslagen
Karlstr.40, 79104 Freiburg
Tel. 0761/200-372
ulrike.woessner@caritas.de

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