Wenn Helfen verboten wird
@ Caritas international
Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 hat sich das Leben in Afghanistan dramatisch verändert. Frauen dürfen öffentliche Räume nur in Begleitung eines "Mahram", eines männlichen Verwandten, betreten. Bildung endet nach der sechsten Klasse, Studium ist verboten. Wer kann, verlässt das Land. Für Hilfsorganisationen bedeutet das einen ständigen Balanceakt: Hilfe leisten, ohne Prinzipien zu verraten – und ohne die Sicherheit der Mitarbeitenden zu gefährden.
@ Caritas international
Caritas international und ihre Partnerorganisationen sind seit Jahrzehnten im Land aktiv. Sie sichern weiterhin unter anderem Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder, psychosoziale Unterstützung und Nothilfe. Doch neue Vorschriften erschweren die Arbeit massiv. Damit Frauen Zugang zu Hilfe behalten, müssen kreative Lösungen gefunden werden – etwa einen Mahram engagieren, der Mitarbeiterinnen begleitet. "Ohne unsere Kolleginnen können wir nicht arbeiten", betont Veronika Staudacher, stellvertretende Büroleiterin von Caritas international in Kabul. Sie sind Schlüsselfiguren: Nur sie dürfen mit Frauen sprechen, Hilfsgüter überreichen oder Geburten begleiten. "Wie sollen wir Nahrungsmittelpakete verteilen oder sichere Schwangerschaften gewährleisten, wenn wir keine Frauen mehr beschäftigen dürfen?"
Die Einschränkungen haben gravierende Folgen. Hebammen wie Zainab (Name geändert) dürfen seit 2024 nicht mehr arbeiten, Mutter-Kind-Zentren bleiben geschlossen. "Noch vor wenigen Jahren haben wir große Fortschritte erzielt", erzählt sie. "Immer mehr Frauen konnten im Krankenhaus entbinden. Die hygienischen Bedingungen verbesserten sich und Impfungen wurden verbreitet. Heute dürfen wir Hebammen nicht einmal mehr Hausbesuche machen." Schwangere könnten ihr Kind zwar im Krankenhaus zur Welt bringen, doch vielen Familien fehlt das Geld für Transport, Medikamente und Untersuchungen. Entsprechend steigen Müttersterblichkeit und Frühgeburten. "Wir brauchen Frieden - und die Erlaubnis, wieder zu helfen", sagt Zainab. Ein weiteres Dekret untersagt Frauen seit Dezember 2024, ein Medizinstudium oder eine Hebammenausbildung zu beginnen. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist bedroht.
Auch die psychische Belastung wächst. "Das Stresslevel ist enorm hoch – viele leiden unter Depressionen, Angstzuständen und tiefer Erschöpfung", berichtet der Leiter einer Partnerorganisation, die psychosoziale Hilfe leistet. Wirtschaftliche Not verschärft die Lage zusätzlich, auch Suizide nehmen zu. Vor allem Frauen fühlen sich ohne Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe nutzlos und isoliert. Um dem entgegenzuwirken, bietet die Organisation Einzel- und Gruppensitzungen an, teils online. Kunsttherapie schafft Zugänge, wo Worte fehlen. "Psychische Probleme sind in Afghanistan ein Tabuthema und verknüpft mit Scham und Schuldgefühlen. Gerade hier hilft die Kunst, weil sie einen indirekten Ausdruck ermöglicht", erklärt Therapeut Saifullah (Name geändert). Kinder können Gefühle oft nicht in Worte fassen, das Malen fällt ihnen leichter. Für Jugendliche ist Kunst oft ein erster Schritt, Zugang zu den eigenen Emotionen zu finden. Doch selbst hier zeigt sich Angst: Gesichter werden kaum noch gezeichnet, Bilder sofort zerstört. "Die Ängste machen vor den Therapieräumen nicht halt."
Die Arbeit vor Ort ist ein ständiger Kraftakt. "Wir müssen unsere Arbeit mit der Taliban-Regierung koordinieren – anders wäre humanitäre Hilfe nicht möglich", sagt Veronika Staudacher. "Aber es gibt Prinzipien, die wir nicht verraten: Frauen müssen uneingeschränkten Zugang zu Hilfe haben." Um das durchzusetzen, braucht es Fingerspitzengefühl und ungewöhnliche Wege – manchmal sogar die Einbindung von Familienangehörigen in Projekte, um die Beschäftigung von Frauen zu ermöglichen.
Trotz aller Restriktionen setzen die Teams ihre Arbeit fort – mit Mut, Kreativität und Entschlossenheit. Sie bewegen sich in engen Grenzen, loten behutsam Spielräume aus und finden immer wieder Wege, weiterzumachen. Was bleibt, ist Hoffnung: die leise Stärke der Menschen, die sich nicht dauerhaft einschränken lassen. Jede Begegnung, jedes vertrauliche Gespräch zeigt, wie wichtig diese Hilfe ist – und wie sehr sie vom Engagement der afghanischen Kolleginnen abhängt.
Warum wir nicht aufgeben
Die humanitäre Lage ist komplex: Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, die Wirtschaft liegt am Boden, Millionen Menschen sind auf Unterstützung angewiesen. Hunger, fehlende medizinische Versorgung und die Einschränkung von Frauenrechten verschärfen die Not. Caritas international setzt deshalb auf langfristige Partnerschaften und lokale Netzwerke. "Unsere Partner sind tief in den Gemeinden verwurzelt. Sie genießen Vertrauen – das ist entscheidend, um Hilfe überhaupt möglich zu machen", erklärt Veronika Staudacher. "Wir können nicht laut auftreten, aber wir können leise wirken. Und genau das tun wir."
Diese leise, beharrliche Arbeit rettet Leben. Sie ermöglicht sichere Geburten, psychologische Hilfe, Nahrungsmittelversorgung und sauberes Wasser – trotz aller Hindernisse. Sie zeigt: Veränderung beginnt oft im Verborgenen, durch Menschen, die nicht aufgeben. Und sie braucht Unterstützung von außen. Denn ohne Solidarität bleibt die Hoffnung der afghanischen Familien unerfüllt.