Seit 1. September 2024 ist Dr. Jens Werner Direktor des Caritasverbandes Rhein-Hunsrück-Nahe e.V. - etwa ein Jahr plus die einhundert Tage Eingewöhnungszeit, die man neuen Führungskräften meist zugesteht. Ein guter Zeitpunkt, nachzufragen: Welche Akzente setzt der 58-Jährige Theologe? Wie hat sich die verbandliche Caritas in den Landkreisen Bad Kreuznach, Birkenfeld und Rhein-Hunsrück unter der neuen Leitung verändert? In welche Richtung will Werner den katholischen Wohlfahrtsverband weiterentwickeln?
Spricht Dr. Jens Werner über seine Pläne für den Caritasverband Rhein-Hunsrück-Nahe e.V., dann klingt es gar nicht nach großem "Umbau": Es gehe ihm - selbstverständlich - darum, den Verband zukunftssicher aufzustellen und den Erhalt bestehender Beratungsdienste zu gewährleisten. Für entscheidend hält er den Ausbau bestimmter Angebote, darunter Eingliederungshilfe für psychisch kranke Menschen und Jugendhilfe.
In beiden Bereichen ist der Caritasverband schon lange aktiv - lokal allerdings in unterschiedlicher Intensität. "Mein Bestreben ist es, die zugehörigen Dienste im ganzen Verbandsgebiet so zu stärken, wie es die gesellschaftlichen Gegebenheiten nahelegen."
Eingliederungshilfe und Jugendhilfe seien von enormer Bedeutung für das soziale Gefüge, sagt er. "Da wie dort werden sozusagen Weichen gestellt: Unsere Betreuung kann Grundlagen dafür schaffen, dass Teilhabe trotz Benachteiligung möglich wird."
Der Zusammenhang zwischen Not und gesellschaftlicher Ausgrenzung treibt den Caritas-Chef spürbar an: "Das Thema zieht sich quer durch die verbandliche Arbeit. Denken Sie nur an unsere Allgemeine Sozialberatung, seit jeher ein Kerndienst der Caritas."
Grundsätzlich funktioniere die soziale Absicherung, räumt Jens Werner ein: "Der Staat stellt Bedürftigen das Lebensnotwendige zur Verfügung. Aber reicht das tatsächlich aus? Genügt das, was der Staat tut - was er tun kann -, wenn Gesellschaft gelingen soll?"
Um an der Basis den Belangen Ratsuchender gerecht zu werden, erscheint dem örtlichen Caritasdirektor die differenzierte Betrachtung von Armut unerlässlich. Schlüsselbegriffe seien "Teilhabe-Armut" und "verdeckte Armut".
Teilhabe-Armut beginne dort, wo staatliche Förderung endet: "Täglich begegnen unsere pädagogischen Fachkräfte Familien, deren Existenz gerade so gesichert ist, denen aber keinerlei finanzieller Spielraum bleibt. Dann ist etwa der Eintritt für den Tierpark nicht mehr drin, und der Kinder-Schwimmkurs bleibt allemal unerschwinglich."
Prekär wird es laut Werner, wo das Phänomen der verdeckten Armut hinzukommt. Betroffenen, die aus Scham nicht über ihre Situation sprechen, drohe allzu schnell soziale Ausgrenzung. "Wer wegen materieller Not zum Außenseiter wird, empfindet das als Stigma in allen Lebensbereichen. Deshalb muss es uns um Teilhabe an der Norm gehen - nicht bloß am Minimum!"
Der "Mikrokosmos" Schule belege das: "Schüler, deren Eltern nicht aufbringen können, was den meisten Altersgenossen selbstverständlich ist, erleben massive Benachteiligung. Sich der Situation entziehen zu wollen, ist verständlich - aber fatal, wenn das Gefühl, nicht mithalten zu können, in Schul-Absentismus mündet."
Hinzu komme, dass es vielen Jugendlichen an Gelegenheit zur Sozialisation fehle. "Ohne die digitale Welt zu verteufeln: Chats und Social Media alleine können nie Ersatz für reales Miteinander sein", sagt Jens Werner.
Neben dem Zutun von Staat und Wohlfahrtswesen seien weitere Lösungsansätze nötig, befindet er: "Es braucht jemanden, der hilft, die verbleibenden Benachteiligungen belasteter Bevölkerungsgruppen auszugleichen." Viel Potential liege in zivilgesellschaftlichem Engagement von Privatpersonen, die sich uneigennützig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einbringen.
Mit rund 300 Ehrenamtlichen in diversen Arbeitsfeldern habe der örtliche Caritasverband das sprichwörtliche "Pfund", mit dem er wuchern kann. Auch das Ehrenamt der verfassten Kirche sei für die Caritasarbeit oftmals unersetzlich, betont Jens Werner.
"Aber außerhalb dieses katholischen Raums existieren ebenfalls starke Akteure, die anlass- oder projektbezogen mit uns an einem Strang ziehen. Das sind nicht mehr allein die hiesigen Ableger der international vertretenen ‚Service-Clubs‘; in den letzten Jahren sind örtlich neue Initiativen entstanden, weil sich Menschen aus sozialer Verantwortung zusammengetan haben.
Exemplarisch nennt er den "Hunsrück hilft e.V.", ein gemeinnütziger Verein, der sich für Menschen in der gesamten Region einsetzt und seit dreieinhalb Jahren Beachtliches bewegt, wie Werner findet. Vor dem Jahreswechsel hat die zwölfköpfige Gruppe erneut in größerem Umfang für Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit der Caritas gespendet.
"Indem ‚Hunsrück hilft‘ qualitativ gute, moderne Schulausstattung für Kinder aus ärmeren Familien bereitstellt oder Jugendlichen sucht- oder psychisch kranker Eltern begleitete Gruppenausflüge ermöglicht, für die es keinen Kostenträger gibt, setzt der Verein am richtigen Punkt an", ordnet es Jens Werner ein. "Und das aus einer gesellschaftspolitischen Haltung heraus, die dem caritativen Verständnis entspricht: Die Aktiven fragen, was der Mensch WIRKLICH braucht."
Dr. Werner, JensFotostudio Backofen, Ludwigshafen