Es gibt unbestreitbar einen Zusammenhang zwischen Not und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Deshalb meine These: Indem wir erreichen, dass Teilhabe trotz Armut möglich wird, finden wir Antworten auf zentrale gesellschaftliche Fragen.
Zugegebenermaßen funktioniert die soziale Absicherung grundsätzlich. Der Staat stellt Bedürftigen das Lebensnotwendige zur Verfügung. Aber reicht das tatsächlich aus? Genügt das, was der Staat tut - was er tun kann -, wenn Gesellschaft gelingen soll?
Hier gilt es Armuts-Formen differenzierter zu betrachten. Schlüsselbegriffe sind "Teilhabe-Armut" und "verdeckte Armut". Teilhabe-Armut beginnt, wo staatliche Förderung endet - etwa in Familien, die am Existenzminimum leben. Wenn das Auskommen gerade so gesichert ist, jedoch keinerlei finanzieller Spielraum bleibt, ist etwa der Eintritt in den Tierpark nicht mehr drin. Und der Kinder-Schwimmkurs bleibt allemal unerschwinglich.
Prekär wird es in Kombination mit dem Phänomen der verdeckten Armut. Betroffenen, die aus Scham nicht über ihre Situation sprechen, droht soziale Ausgrenzung. Wer wegen materieller Not zum Außenseiter wird, empfindet das als Stigma in allen Lebensbereichen.
Dr. Werner, JensFotostudio Backofen, Ludwigshafen
Eindrücklich zu beobachten ist dies im "Mikrokosmos" Schule. Kinder, deren Eltern nicht aufbringen können, was den meisten Schülern selbstverständlich ist, erleben massive Benachteiligung.
Sich der Situation entziehen zu wollen, ist verständlich, hat aber fatale Folgen - nicht zuletzt Einsamkeit. Zudem fehlt es vielen Jugendlichen ohnehin an Gelegenheit zur Sozialisation. Ohne die digitale Welt zu verteufeln: Chats und Social Media alleine können nie Ersatz für reales Miteinander sein.
In jüngster Zeit haben Studien und Befragungen unterschiedlicher Urheber sich dem Thema "Vereinsamung" gewidmet. Eine wiederkehrende Erkenntnis lautet, dass gerade Jugendliche und junge Erwachsene sich zunehmend einsam fühlen. Ebenso wurde die Korrelation von Einsamkeit, Unzufriedenheit mit dem demokratischen System und politischer Radikalisierung hinreichend herausgearbeitet.
Das bringt mich zurück zu den unterschiedlichen Ausprägungen von Armut: Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren, muss es uns um Teilhabe an der Norm gehen - nicht bloß am Minimum!
Die Gewissheit, angenommen zu werden; Anlässe von Begegnung und Miteinander; das Gefühl von Gleichwertigkeit… All das definiert nach meinem Verständnis, was diese - für Menschen in Armut oft unerreichbare - Norm ist.
Deshalb möchte ich Sie dazu einladen und darum bitten: Gehen Sie mit offenem Blick ins noch junge Jahr. Versuchen Sie, an der einen oder anderen Stelle innezuhalten und zu fragen: Was braucht der Mensch WIRKLICH?
Dr. Jens Werner, Direktor im Caritasverband Rhein-Hunsrück-Nahe e.V.