Predigt von Weihbischof Dr. Hauke zur Einweihung Tagestreff Eisenach:
Umwelt, Finanzen, Zuwanderungsobergrenze, Energiekosten, Krieg, Vertreibung, Flucht, soziale Gerechtigkeit: alles Themen, die uns heute beschäftigen und durch die Politiker diskutiert werden. Auf Stadt-, Landes- Bundes- und Europaebene suchen wir nach Lösungen der Probleme. Enkeltrick und fake-news zerstören das Vertrauen bis in die familiären Strukturen. Ich wünsche mir oftmals einen Messias, der alle diese Probleme löst, aber er kommt nicht, sondern sendet uns Menschen aus, diese Probleme zu meistern. Wo sollen wir anfangen? Was ist uns möglich?
Wozu haben wir Macht und Einfluss?
Die Frage nach den Prioritäten im Denken und Handeln spielt eine wesentliche Rolle dabei. Ist es die Flüchtlingsfrage oder doch der Klimawandel? Sind es die Streikmaßnahmen für höhere Löhne, die derzeit wieder im öffentlichen Dienstag, Freitag und Samstag den öffentlichen Verkehr lahmgelegt haben und wo jeder weiß, dass damit ja auch immer nur an der Spirale gearbeitet wird, die zu höheren Löhnen und damit auch zu höheren Kosten führt. Ich sehe es besonders im Bereich der Pflege in den Altenheimen, die von einer normalen Rente nicht mehr bezahlbar ist. Wenn es auch hier Sicherungssysteme gibt, so bleibt doch dann die Tatsache, dass ein älterer Mensch nach vielen Jahren der Arbeit erfahren muss, dass seine Rente zum Leben und überleben nicht mehr reicht.
Was ist wichtig? Dürfen wir hier auch die Frage nach der Nächsten- und Gottesliebe einbringen? Mir wäre es wichtig, das zu tun, weil ich hier auch einen Schlüssel sehe, die Probleme zu lösen. Jesus sagt es auf Anfrage hin: ,,Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken." Jesus nennt aber auch das zweite Gebot: ,,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." 248 Gebote und 365 Verbote kennt das jüdische Gesetz. Sie werden hier zusammengefasst und gebündelt, um leichter erfüllbar zu sein. Sie sollen den Rahmen abstecken, in dem sich das Leben entfalten kann. Sie sollen Leben möglich machen und nicht eingrenzen. Es reicht also eigentlich aus, sich auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zu konzentrieren, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Was aber passiert, wenn wir es nicht tun?
Wir spüren, was Gott von uns Menschen erwartet. Es ist ein göttliches Denken, dass in uns alle hineingelegt ist: Der Arme muss nicht arm bleiben und der Reiche muss nicht reich bleiben. Wer die Möglichkeiten zur Hilfe hat, sollte sie auch nutzen. Ich danke der Thüringer Landesregierung, die mit 18.000,00 EURO die umfangreichen Sanierungsarbeiten hier im Tagestreff ermöglichten. Ich danke der Stiftung Mercator für ihren großartigen Beitrag von 14.000, 00 EURO für die neue Kücheneinrichtung. Ich danke dem Caritasverband des Bistums Erfurt für die Initiierung der Baumaßnahme, die mehr ist, als eine Ausgabestelle für Essen. Sie kann und soll auch Wohnzimmer, Schutzraum und Begegnungsort sein. Viele von uns kennen die Nöte in unseren Städten, die Vereinsamung und Verarmung. Hier braucht es deutlich Zeichen der Nächstenliebe, die vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein können, aber dieser Tropfen schenkt Hoffnung im Alltag und ermöglicht Veränderungen, weil hier Menschen mit Empathie und Fachwissen sind, die weiterhelfen können, auch wenn die Lebenssituation sehr zerfahren und zerknäult zu sein scheint.
Wir Christen sehen in der Gottes- und Nächstenliebe einen Weg, um Veränderungen in der Gesellschaft anzustoßen und sogar u ermöglichen. Durch die Konzentration auf die Gottes- und Nächstenliebe würden Krieg und Vertreibung nicht geschehen, weil die menschliche Würde das Ziel allen Tuns ist. Waffen würden schweigen und der internationale Austausch wäre problemlos möglich. Wir durchschauen bisweilen die Weltkonflikte nicht und haben auch manchmal schon Probleme, die Familienkonflikte zu durchschauen und auf die Ursache hin zu untersuchen. Die Nächstenliebe bedeutet für mich nicht, die Probleme unter den Teppich zu kehren. Sie ist oft mit einem langen Ringen verbunden, das aber auch zu klaren Worten führen kann, um zur Besinnung anzuregen. ,,Correctio fraterna" wurde es genannt, was da geschieht, d.h. Korrektur in Mitbrüderlichkeit und Mitschwesterlichkeit, denn wir dürfen uns auch Gott dabei vorstellen, der mit seinem Zorn und seiner Enttäuschung auf uns Menschen schaut, wenn wir seine gute Schöpfung nicht liebevoll behandeln.
Unser Glaube sagt uns, dass unser Leben nicht vernichtet, sondern vollendet werden soll und wir jetzt schon etwas vom Himmelreich spüren lassen können. Haben wir Mut, uns auf die Liebe Gottes einzulassen, die uns zu Gottes- und Nächstenliebe herausfordert und dazu befähigt.
Von Herzen wünsche ich mir, dass die Gäste hier im Tagestreff neugierig werden auf die Quelle des Handelns, d.h. auf die Liebe Gottes zu uns Menschen, der wir durch unser caritatives Tun eine Antwort geben. Wir handeln aus Dankbarkeit dafür, dass uns manche Nöte erspart geblieben sind. In dieser Stadt Eisenach, die sich gern an die Liebe der heiligen Landgräfin Elisabeth erinnert, wird mit dem Tagestreff eine Chance gegeben, die Taten ihrer Liebe heute zu spüren, denn damals wie heute speist sich das caritative Tun aus der Dankbarkeit für die Liebe Gottes, die die Heilige Elisabeth besonders in der Begegnung mit den Notleidenden erkannt hat. Sie hatte einen besonderen Blick auf die Menschen. In jedem Menschen sah sie ein Abbild Gottes und besonders in den Armen, in denen sie den leidenden Gottessohn Jesus Christus erkannte. Sie hat in ihrer Person das gesellschaftliche und kirchliche Engagement verbunden. An diesem Tag ermutigt sie uns, auch weiterhin nach Möglichkeiten zu suchen, um die Nöte der Menschen zu beseitigen. Und wenn das Geld knapper wird, müssen wir entscheiden, wem das noch vorhandene Geld zugutekommt. Oftmals braucht es einen langen Atem, um Erfolge zu sehen. Prioritäten müssen gesetzt werden und ich denke, dass Investitionen für die Menschen in Not niemals falsch sein können. Wo Menschen gemeinsam essen, reden und füreinander da sind, wird Gottes Nähe spürbar - damals bei der heiligen Elisabeth und auch heute hier im Tagestreff. Amen.