Ludger Schulten ist Referent für Wohnungslosenhilfe beim Diözesancaritasverband in Münster. Michael Bönte / Caritasverband für die Diözese Münster
Wie viele Menschen sind in NRW und in der Stadt Münster wohnungslos?
Ludger Schulten: Die NRW-Wohnungsnotfall-Berichterstattung weist für 2024 rund 122.000 wohnungslose Menschen aus. Die meisten leben in kommunalen Unterkünften oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Rund 7.900 Personen kommen vorübergehend bei Freunden oder Verwandten unter, etwa 1.800 Menschen leben auf der Straße oder in Behelfsunterkünften. Für Münster werden 1.750 wohnungslose Menschen erfasst.
Besonders alarmierend ist der hohe Anteil von Familien mit Kindern. Wohnungslosigkeit schränkt ihre Bildungs- und Zukunftschancen massiv ein. Wer dauerhaft auf engem Raum ohne Rückzugsmöglichkeiten lebt, hat schlechtere Voraussetzungen für schulischen Erfolg und gesellschaftliche Teilhabe. Hinter jeder Zahl steht ein menschliches Schicksal. Besonders Kinder dürfen nicht die Leidtragenden einer sich verschärfenden Wohnungskrise werden.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen in der Wohnungslosenhilfe?
Ludger Schulten: Die wirksamste Hilfe gegen Wohnungslosigkeit ist, Wohnungsverluste gar nicht erst entstehen zu lassen. Genau hier setzt die Landesinitiative "Endlich ein Zuhause" an. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Wohnung zu behalten oder schnell wieder eine neue zu finden.
Die Finanzierung des Programms läuft allerdings Ende 2027 aus. Deshalb fordern wir Land, Kommunen und Landschaftsverbände auf, dieses erfolgreiche Angebot dauerhaft abzusichern. Denn: Jede verhinderte Wohnungslosigkeit erspart den Betroffenen großes persönliches Leid und entlastet zugleich die sozialen Hilfesysteme.
Was müsste aus Ihrer Sicht politisch passieren, um Wohnungslosigkeit wirksam zu bekämpfen?
Ludger Schulten: Die Caritas hat sich gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden, Mieterbund, Gewerkschaften und Sozialverbänden im Aktionsbündnis "Wir wollen wohnen" zusammengeschlossen. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist längst zu einer der drängendsten sozialen Fragen geworden. Unsere wichtigste Forderung lautet: Der soziale Wohnungsbau muss deutlich ausgebaut werden. Gleichzeitig sinkt die Zahl der öffentlich geförderten Wohnungen seit Jahren. Um diesen Trend umzukehren, braucht es wesentlich höhere Investitionen.
Darüber hinaus sind ein wirksamer Mieterschutz und eine konsequente Mietpreisbremse notwendig. Für besonders benachteiligte Gruppen wie wohnungslose Menschen müssen zudem eigene Zugangswege zum Wohnungsmarkt geschaffen werden, etwa durch Vergabequoten oder spezielle Förderprogramme.
Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit. Ohne mehr bezahlbaren Wohnraum werden Armut und Wohnungslosigkeit weiter zunehmen.
Was können Bürgerinnen und Bürger tun, um wohnungslose Menschen zu unterstützen?
Ludger Schulten: Projekte wie "Housing First" beispielsweise des LWL zeigen, dass auch Menschen mit besonders schwierigen Lebenslagen erfolgreich in regulären Wohnraum vermittelt werden können. Private Vermieterinnen und Vermieter können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Förderprogramme und begleitende Unterstützungsangebote reduzieren mögliche Risiken und sorgen für stabile Mietverhältnisse. Wer Wohnraum zur Verfügung stellt, gibt Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern oft die Chance auf einen echten Neuanfang.
Das Interview führte Carolin Kronenburg.
Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich - die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto "Not sehen und handeln" sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM - Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 95 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe. Über 6.200 Teilnehmende nutzen jährlich die 350 Fort- und Weiterbildungsangebote des Diözesancaritasverbands.