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Interview Sex. Gewalt im Kinderheim

Aufarbeitung statt Wegsehen

[Apr. 2026] - Schwerste sexuelle Gewalttaten in einem Kinderheim. Nach Jahrzehnten melden sich Betroffene, das Heim existiert längst nicht mehr. Inzwischen stellt sich der Caritasverband Duisburg dieser Vergangenheit. Eine Geschichte über Versäumnisse, den mühsamen Weg der Aufarbeitung und die Perspektiven der Betroffenen.

Sanft lächelnde Frau mit lange braunen Haaren und Brille, die ein hellblaues Oberteil trägt und in einem Büro sitztJulia Schröder ist Vorständin des Caritasverbandes Duisburg e. V.Foto: privat

Caritas in NRW Der Caritasverband Duisburg war Träger eines Kinderheimes, das in den 80er-Jahren geschlossen wurde. Vor einiger Zeit kamen dann Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in dem Heim auf. Worum geht es da?

Julia Schröder: Bei den Vorwürfen geht es um Machtmissbrauch in Form von sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt im ehemaligen Kinderdorf "Maria in der Drucht". Die Einrichtung bestand bis 1987 und stand von 1946 bis 1983 in Trägerschaft des Caritasverbandes Duisburg.

Caritas in NRW: Wie hat der Verband auf die Vorwürfe reagiert?

Julia Schröder: Aus heutiger Sicht müssen wir selbstkritisch feststellen, dass auf die spätestens 2009 bekannt gewordenen Vorwürfe über Jahre keine angemessene institutionelle Reaktion folgte. Zwar wurden dem Caritasverband Duisburg sowie dem Bistum Essen in den Folgejahren
weitere Betroffene bekannt, teils ausschließlich über anwaltlichen Schriftverkehr, doch blieb eine strukturierte, transparente und konsequent betroffenenorientierte Aufarbeitung bei uns aus. Erst 2023 haben wir als Caritasverband Duisburg eine aktive Rolle eingenommen und begonnen, in den direkten Austausch mit Betroffenen zu gehen und gemeinsam mit ihnen systematisch weitere Schritte einzuleiten.

Im Sommer 2024 folgte die Beauftragung des Historikers Prof. Dr. Andreas Henkelmann mit einer unabhängigen Archivrecherche zur Institutionsgeschichte, da belastbare Informationen zur Einrichtung, etwa in Form von Akten, nicht vorhanden waren.

Die ersten Gespräche mit Betroffenen fanden zunächst unter Moderation des Bistums Essen statt. Seit Anfang 2025 gestalten wir den Aufarbeitungsprozess eigenständig mit externer Begleitung.

Mitte März 2025 wurden die bisherigen Aufarbeitungsmaßnahmen gemeinsam mit der Kölner Mediatorin Dr. Bettina Janssen überprüft, überarbeitet und neu strukturiert. Sie begleitet den Aufarbeitungsprozess "Maria in der Drucht" seither kontinuierlich.

Weiterhin wurden - in Abstimmung mit Betroffenen - im August 2025 Prof. Dr. Manuela Dudeck und ihr Team vom Lehrstuhl für Forensische Psychiatrie und Psychologie der Universität Ulm mit der Durchführung einer wissenschaftlich unabhängigen und methodisch fundierten Interviewstudie mit Betroffenen und ehemaligen Mitarbeitenden beauftragt. Um weitere mögliche Betroffene zu erreichen und Transparenz herzustellen, veröffentlichte der Verband zudem am 10.10.2025 einen Aufruf sowie eine Projekt-Webseite, unter anderem mit FAQ. Die Projekt-Webseite soll niederschwellig über Ziele, Ablauf und Beteiligungsmöglichkeiten informieren und Betroffene zur Mitwirkung einladen - unabhängig von Ort und Tageszeit.

Caritas in NRW: Wie gestaltete sich der erste Kontakt zu Betroffenen?

Julia Schröder: Ab Oktober 2023 entwickelten sich über den ersten Kontakt zu einer betroffenen Person moderierte Gesprächsrunden. Bei diesen Treffen stand zunächst das Zuhören im Vordergrund. Die Gespräche wurden dokumentiert, und gemeinsam mit den Betroffenen wurden die nächsten Schritte des Aufarbeitungsprozesses vereinbart. Einige Betroffene sind bis heute Teil eines Begleitgremiums, das regelmäßig tagt und den Aufarbeitungsprozess kontinuierlich begleitet.

Caritas in NRW: Gab es Forderungen und Wünsche der Betroffenen?

Julia Schröder: Zentral war der Wunsch der Betroffenen, gehört zu werden und dass ihr Leid anerkannt wird. Sie haben deutlich gemacht, dass sie Transparenz erwarten und eine Aufarbeitung, die ihre Perspektiven ernst nimmt und nicht über ihre Köpfe hinweg organisiert wird. Darüber hinaus wurden Erwartungen an eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung, an verlässliche Beteiligungsmöglichkeiten sowie an eine klare Übernahme institutioneller Verantwortung durch den Caritasverband Duisburg formuliert. Auch der Wunsch, dass aus der Aufarbeitung konkrete Konsequenzen für Prävention und Schutz gezogen werden, wurde wiederholt benannt.

Die Rückmeldungen der Betroffenen haben den Aufarbeitungsprozess maßgeblich geprägt und sind in die Gestaltung der einzelnen Schritte eingeflossen.

Auch Formen der Erinnerungskultur wurden in der Begleitgruppe intensiv besprochen. So haben wir in einem ersten Schritt eine vorläufige Gedenktafel an der Einrichtung aufgestellt; weitere Formate sind nach Veröffentlichung des Berichts geplant.

Caritas in NRW: Welche Ergebnisse und Erkenntnisse haben Sie heute?

Julia Schröder: Die Studien sind noch nicht abgeschlossen, sodass derzeit nur vorläufige Erkenntnisse vorliegen. Durch die inzwischen weit fortgeschrittene Archivrecherche gibt es jedoch erste Rahmendaten zur Geschichte, Struktur und Entwicklung der Einrichtung.

Parallel dazu laufen die Interviews mit Betroffenen und ehemaligen Mitarbeitenden. Deren Auswertung steht noch aus und ist zentral für das Gesamtverständnis des Geschehenen.

Caritas in NRW: Was hat Sie überrascht?

Julia Schröder: Mich hat vor allem überrascht, wie lückenhaft und fragmentiert die Quellenlage zur Geschichte des ehemaligen Kinderdorfs ist. Relevante Unterlagen sind - wenn überhaupt noch vorhanden - über unterschiedliche Archive verteilt, teilweise nur eingeschränkt zugänglich und häufig nicht digitalisiert. Darüber hinaus hat mich überrascht, wie anfällig institutionelle Prozesse über lange Zeiträume sind - etwa bei Personalwechseln oder unklaren Ablagestrukturen. Das erschwert die Rekonstruktion der damaligen Verhältnisse erheblich und macht die Aufarbeitung zeit- und ressourcenintensiv.

Caritas in NRW: Was kann diese Studie nicht leisten?

Julia Schröder: Die Studie wird Strukturen, Rahmenbedingungen und Gewaltkontexte sichtbar machen, Betroffenenperspektiven systematisch dokumentieren und daraus Erkenntnisse für Verantwortung, Lernen und Prävention gewinnen.

Die Studie kann natürlich nicht jedes individuelle Geschehen vollständig rekonstruieren oder alle offenen Fragen abschließend klären. Dafür sind die zeitliche Distanz, die lückenhafte Quellenlage und die Tatsache, dass viele damalige Beteiligte heute nicht mehr befragt werden können, schlicht zu groß.

Zudem ersetzt die wissenschaftliche Aufarbeitung keine juristische Aufklärung und kann individuelles Leid nicht ungeschehen machen. Sie kann keine Schuldzuweisungen im rechtlichen Sinne vornehmen und keine individuellen Verantwortlichkeiten abschließend feststellen.

Auszug (Seite 25) aus der Chronik der ersten Jahre des Kinderdorfes 'Maria in der Drucht' mit drei Fotos und Bildunterschriften. Die Fotos sind in schwarz-weiß.
Titel einer Chronik des Kindesdorfes 'Maria in der Drucht' mit dem Text
Das Kinderdorf wurde von der Caritas nach dem Krieg zunächst für Flüchtlingswaisen aus den deutschen Ostgebieten eingerichtet. Später wurden dort Kinder und Jugendliche untergebracht, deren Erziehung durch Eltern oder Vormünder nach Auffassung der Behörden nicht gewährleistet war.
Quelle: Landesarchiv NRW


Caritas in NRW:
 Die Journalistin Christiane Florin hat die Geschichte eines Betroffenen in ihrem Buch "Keinzelfall" veröffentlicht. Was hat das persönlich mit Ihnen gemacht - und lässt einen das an der guten Sache Caritas zweifeln?

Julia Schröder: Die Schilderungen im Buch "Keinzelfall" lassen niemanden unberührt und machen auch mich betroffen. Gleichzeitig kenne ich die Erfahrungen der Betroffenen auch aus persönlichen Begegnungen. Diese Gespräche haben mich tief bewegt, zumal es persönliche Gespräche waren. Sie machen in aller Klarheit sichtbar, welches Leid Menschen erfahren haben, und sie halten uns als Institution einen Spiegel vor, in den wir schauen müssen.

Am grundsätzlichen Auftrag der Caritas zweifle ich nicht. Aber die Berichte der Betroffenen zeigen deutlich, dass der Caritasverband Duisburg diesem Auftrag in der Vergangenheit in diesem Kontext in keiner Weise gerecht geworden ist. Genau deshalb reicht es nicht, nur auf heutige Standards, Schutzkonzepte oder das aktuelle Engagement der Caritas zu verweisen. Wir müssen uns unserer eigenen Geschichte stellen, Aufarbeitung konsequent mit und für Betroffene gestalten und daraus verbindliche Konsequenzen ziehen. Nur so kann Vertrauen entstehen - und nur so bleibt der Anspruch der Caritas glaubwürdig.

Caritas in NRW: Hat das Buch "Keinzelfall" Ihren Aufarbeitungsprozess beeinflusst?

Julia Schröder: Das Buch "Keinzelfall" ist ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion über das Thema. Es wählt einen journalistischen Zugang, der die Perspektiven von Betroffenen eindrucksvoll sichtbar macht und zugleich kritisch auf institutionelle Aufarbeitungsprozesse blickt.

Auslöser unseres Aufarbeitungsprozesses war das Buch jedoch nicht. Das Buch ist Anfang 2025 erschienen. Unsere Aufarbeitung begann bereits mit den Gesprächen mit Betroffenen im Jahr 2023. In der Folge wurde im Sommer 2024 Prof. Henkelmann mit der Archivrecherche beauftragt. Gleichwohl hat es uns wichtige Impulse gegeben und war Anlass zu einer kritischen Selbstreflexion. Dabei wurde deutlich, wo Abläufe zu langsam, zu komplex oder zu stark institutionell gedacht waren.

Caritas in NRW: Oft wird die Frage gestellt: Wer übernimmt denn jetzt die Verantwortung für diese Verbrechen, die ja verübt wurden, lange Zeit bevor Sie als Vorständin bei der Caritas Duisburg tätig geworden sind? Kann und muss die Caritas dafür die Verantwortung übernehmen? Und wo endet diese? Warum?

Julia Schröder: Als Caritasverband Duisburg übernehmen wir die institutionelle Verantwortung für das, was in unserem Verantwortungsbereich geschehen ist - auch wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen und die damals handelnden Personen heute nicht mehr im Amt sind.

Verantwortung heißt für uns, aufzuklären, Leid anzuerkennen, aus Fehlern zu lernen und daraus Konsequenzen zu ziehen - im Dialog mit Betroffenen und in Kooperation mit zuständigen Stellen.

Grenzen zeigen sich dort, wo unsere rechtlichen Zuständigkeiten enden, Quellen nicht mehr zugänglich sind oder belastbare Erkenntnisse nicht mehr gewonnen werden können. Auch in diesen Fällen suchen wir Transparenz, Kooperation und einen verantwortungsvollen Umgang damit.

Caritas in NRW: Wie geht die Aufarbeitung weiter?

Julia Schröder: Derzeit wird die wissenschaftliche Interviewstudie durchgeführt. Deren Ergebnisse werden gemeinsam mit den Erkenntnissen aus der historischen Archivrecherche in einem Aufarbeitungsbericht zusammengeführt, der voraussichtlich im Herbst 2026 veröffentlicht wird.

Der Bericht wird neben den inhaltlichen Ergebnissen auch ein eigenes Kapitel zum Aufarbeitungsprozess selbst enthalten. Darin werden offen die Schwierigkeiten, Grenzen und Hindernisse benannt, denen wir im Verlauf der Aufarbeitung begegnet sind.

Unser Ziel ist es, die Ergebnisse nicht nur für die eigene Organisation nutzbar zu machen, sondern sie auch für andere Verbände zugänglich zu machen. Insbesondere die Erfahrungen mit dem Prozess selbst sollen anderen Trägern helfen, von unseren Lernprozessen zu profitieren und Herausforderungen bei eigenen Aufarbeitungsprojekten frühzeitiger zu erkennen oder zu vermeiden. 

Caritas in NRW: Wenn Sie auf den bisherigen Weg der Aufarbeitung zurückblicken: Was würden Sie anders machen?

Julia Schröder: Rückblickend würden wir mehrere Dinge anders machen. Vor allem würden wir früher und konsequenter den direkten Austausch mit Betroffenen suchen und ihre Perspektiven von Beginn an stärker in den Mittelpunkt stellen.

Zudem würden wir frühzeitig eine Interviewstudie parallel zur Archivrecherche beauftragen, um Betroffenen schneller Raum für ihre Erfahrungen zu geben und die Aufarbeitung nicht ausschließlich von vorhandenen Akten abhängig zu machen. Schließlich würden wir früher externe fachliche Begleitung einbinden, um Prozesse klarer zu strukturieren, blinde Flecken zu vermeiden und Geschwindigkeit wie Qualität der Aufarbeitung besser auszubalancieren.

Das Kinderheim 'Maria in der Drucht' in Duisburg-Großenbaum mit der unmittelbaren Umgebung in der Vogelperspektive. Das Foto ist in schwarz-weiß.Das Kinderheim "Maria in der Drucht", das bis 1983 in Trägerschaft der Caritas existierte, liegt in einem Waldstück bei Duisburg. Dort sind mehrere Fälle sexualisierter, körperlicher oder psychischer Gewalt bekannt geworden, die sich insbesondere auf die 1960er- und 1970er-Jahre beziehen.Foto: Stadtarchiv Duisburg | Repro ppp

Caritas in NRW: Was nehmen Sie aus dieser Krisenerfahrung mit? Was haben Sie gelernt?

Julia Schröder: Diese Krisenerfahrung hat mir sehr deutlich gemacht, wie wichtig es ist, früh zuzuhören, transparent zu handeln und Verantwortung nicht aufzuschieben. Ich habe gelernt, dass Aufarbeitung nur dann glaubwürdig ist, wenn Betroffene konsequent einbezogen werden und ihre Perspektiven den Prozess mitprägen.

Institutionen müssen bereit sein, sich ihrer Geschichte offen zu stellen, auch wenn das schmerzhaft ist und das Vertrauen zunächst weiter belastet.

Für mich persönlich - und für den Caritasverband Duisburg - bedeutet das, Aufarbeitung nicht als Ausnahmezustand zu begreifen, sondern als Teil und Qualitätsmerkmal einer verantwortungsvollen Organisationskultur, die Lernen, Selbstkritik und Prävention dauerhaft ernst nimmt und sich so stetig weiterentwickelt.

Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Fragen stellte Nicola van Bonn.



Caritas Duisburg sucht Betroffene, Angehörige und ehemalige Mitarbeitende

Der Caritasverband Duisburg war von 1946 bis 1983 Träger des ehemaligen Kinderdorfs "Maria in der Drucht". Aus dieser Zeit sind mehrere Fälle sexualisierter, körperlicher oder psychischer Gewalt bekannt geworden, die sich insbesondere auf die 1960er- und 1970er-Jahre beziehen.

Im August 2025 beauftragte die Caritas Duisburg die Durchführung einer Interviewstudie.

Betroffene oder Angehörige bzw. ehemalige Mitarbeitende im Kinderdorf "Maria in der Drucht”, die ihre Erfahrungen zu sexualisierter, körperlicher oder psychischer Gewalt mitteilen möchten, können sich melden bei:

Dr. Judith Streb
Lindenallee 2
89312 Günzburg

Telefon: 08221/96-2868
E-Mail: judith.streb@uni-ulm.de



Weitere Beiträge zum Thema "Kinder und Jugendliche" finden Sie in unserem Themendossier.

Autor/in:

  • Nicola van Bonn
  • Julia Schröder
Zuletzt geändert am:
  • 16.04.2026
Quelle: caritas-nrw.de
Mehr zum Thema mit Link zur Seite: 'Online-Beratung'

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