Friedliches Miteinander: Flutopfer in der Flüchtlingsunterkunft
Plötzlich hatte Winfried Hilges Stress. Es war der 15. Juli, auf die Minute genau zehn Uhr vormittags, in Ehrang, einem Ortsteil von Trier. "Ich schlief noch und wurde von dem plötzlichen Lärm wach", erzählt Hilges. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Kaum aufgewacht, stand die schon die Feuerwehr vor seiner Tür. Hilges musste sich zuerst besinnen: "Es war, als wäre mein Bett plötzlich in einem See. Rundherum Wasser."
Früh morgens wurde Winfried Hilges von der Feuerwehr geweckt. Da stand das Wasser schon meterhoch in seiner Wohnung. Jetzt wohnt er in einer Notunterkunft der Caritas, eine alte Kaserne, die heute als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird. Foto: Stefan Teplan
In Ehrang mündet der Fluss Kyll in die Mosel. Seit den frühen Morgenstunden des 15. Juli war das Wasser der Kyll über die Ufer getreten und stieg mehr und mehr an. Seit mindestens einer Stunde musste es in Winfried Hilges Parterre-Wohnung eingedrungen sein, bevor die Feuerwehr in aus dem Bett scheuchte. Da stand das Wasser schon mehr als einen Meter hoch, nicht nur um das Bett, sondern in beiden Zimmern, in Küche und Bad. "Ich hatte davon nichts bemerkt", sagt Hilges. "Ich hätte das Hochwasser glatt verschlafen." Binnen Minuten verließ er unter Anleitung der Feuerwehrler das Haus. Drei Dinge nahm er auf die Schnelle mit: die Kleidung, in die er blitzschnell noch schlüpfen konnte. Sein Mobiltelefon. Und Kater Biko, den er sich unter den Arm klemmte. Als er so auf die Straße trat, traute er seinen Augen nicht.
Die Straßen von Ehrang glichen reißenden Flüssen. Der ganze Ort war überflutet. Nicht nur die Menschen aus den Parterre-Wohnungen mussten evakuiert werden, auch das örtliche Krankenhaus und das Altenheim. Deren Infrastruktur war völlig zerstört. Die Feuerwehr brachte die Menschen zu Bussen, die sie in Notunterkünfte in der Stadt Trier beförderten. Auch Winfried Hilges.
Mit mehr als hundert anderen Betroffenen kam der Frührentner in der "Jäger-Kaserne" unter, einer ehemaligen Bundeswehr-Kaserne, die die Caritas seit sechs Jahren als Heim für von ihr betreute Geflüchtete nutzt. Normalerweise wird hier, neben Unterbringung und Verpflegung, Integrations-Hilfe geleistet. Die Geflüchteten nehmen an Sprachkursen teil oder werden bei Behördengängen und Arztbesuchen begleitet. Denjenigen unter ihnen, deren Asylantrag stattgegeben wurde, helfen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Caritas auch bei der Job- und Wohnungssuche in der Stadt.
Bereits zum zweiten Mal in der Notunterkunft
So kam es auch, dass einige der Hochwasser-Opfer, die am 15. Juli in die Jäger-Kaserne gebracht wurden, die Notunterkunft bereits kannten. "Sie hatten vor Jahren, als ihre Asylanträge noch liefen, eine Zeit lang hier in der Kaserne gelebt und bekamen später Wohnungen in Trier-Ehrang vermittelt" erklärt Caritas-Sozialarbeiter Joshua Schulte, der in der Jäger-Kaserne arbeitet.
Mehrere der Hochwasser-Opfer kamen mit Verletzungen in der Jäger-Kaserne an - Prellungen und Wunden, die sie sich bei Stürzen in ihren überfluteten Wohnungen zugezogen hatten. Ärzt_innen und Krankenpfleger_innen kamen in die Notunterkunft und kümmerten sich um die Verletzten. Für einige Patientinnen und Patienten wurden lebensnotwendige Medikamente wie Insulinspritzen oder Herzmittel bereitgestellt. "Nur in einigen wenigen Fällen, in denen der Betreuungsbedarf zu groß war, wurden die Betroffenen in ein Krankenhaus eingeliefert", erklärt Schulte. Das "Essen auf Rädern" lieferte das Deutsche Rote Kreuz in die Kaserne, in der hauseigenen Kleiderkammer konnten sich die Evakuierten trockene Klamotten abholen. "Die meisten Menschen, die hier ankamen, waren mit ihren Nerven am Ende", erinnert sich der Sozialarbeiter. Zusammen mit der Diakonie, Seelsorgerinnen und Seelsorgern biete die Caritas deswegen psychosoziale Betreuung für die Flutopfer an. Schulte betont, dass es nicht zuletzt auch wegen der vielen ehrenamtliche Helferinnen und Helfern möglich sei, rund um die Uhr für die vom Hochwasser Betroffenen da zu sein. Von Konflikten oder Neid zwischen Flutopfern und Geflüchteten wisse er nichts. Alles sei friedlich verlaufen.
Bereits 100 Flutopfer umgesiedelt
Die Jäger-Kaserne war nur als erste Notunterkunft vorgesehen. Die Zahl der vom Hochwasser Betroffenen, die in der Kaserne untergebracht sind, nimmt von Tag zu ab. Von den 120 Aufgenommenen waren eine Woche nach der Evakuierung nur noch 16 da - ein großer Erfolg, der der Zusammenarbeit zwischen Caritas und den städtischen Behörden zu verdanken ist. "Es konnten rund hundert Bewohnerinnen und Bewohner relativ schnell in Hotels oder freistehenden Wohnungen untergebracht werden", berichtet Sozialarbeiter Schulte stolz.
Den evakuierten Ehranger Winfried Hilges schmerzt es fast, dass man sich nun auch für ihn um eine andere Unterkunft in Trier bemüht, in der er vorübergehend leben soll, bis seine Wohnung in Ehrang wieder trocken ist. Das soll nach Auskunft seines Vermieters frühestens in vier Wochen der Fall sein. Der Frührentner könnte sich auch vorstellen, übergangsweise in der Jäger-Kaserne zu bleiben. "Ich schätze es schon, dass ich hier alles, was mein Kater Biko und ich brauchen, so gut bekomme." Trotzdem ist Hilges dankbar. Er hat von den Hochwasser-Katastrophen in schlimmer betroffenen Regionen wie Ahrweiler oder Bad Münstereifel gehört. Er weiß: "Es hätte weitaus schlimmer kommen können."
Stefan Teplan