Im Portrait

Karl Rudolf und Inge Thull

Nach den Sternen greifen

Die Armut im eigenen Viertel oder gar im Nachbarhaus – wer nicht aufmerksam hinschaut, sieht sie nicht. Das Ehepaar Inge und Karl Rudolf Thull geht mit offenen Augen durch die Welt und will diese verändern.

Die Thulls: Armut lebt oft hinter verschlossenen Türen.

Die Mutter wusste von heute auf morgen nicht mehr, wie sie ihre fünf Kinder ernähren sollte, weil der Vater plötzlich erkrankt war. Bei einem Stammtischgespräch hörte das Ehepaar Inge und Karl Rudolf Thull zum ersten Mal von einer Familie in der Nachbarschaft, die nicht mehr ein noch aus wusste. „Ihr fehlte sogar das Geld, um Brot zu kaufen. Das hat uns sehr traurig gestimmt“, berichtet Inge Straßen-Thull. Für die Thulls wurde diese Erfahrung zu einem Schlüsselerlebnis.

Sie reagierten prompt und griffen der Familie ohne lange zu überlegen unter die Arme. In weiteren Gesprächen mit einer Erzieherin im benachbarten Kindergarten erhielt das Ehepaar eine Vorstellung davon, wie groß die Not auch in anderen Familien ist. „Was hinter verschlossenen Türen geschieht, bekommt man ja sonst nicht mit.“ Manchen Eltern fehlt das Geld, um ihren Kindern eine Badehose für den Schulausflug zu kaufen, andere stellt die Anschaffung von Tornistern vor ein schier unlösbares Problem.

Häkeln, Stricken, Töpfern oder Klöppeln. Für die handarbeitlich begabte Inge Straßen-Thull ist es schwer, einmal nichts zu tun: „Ich muss immer eine Beschäftigung haben.“ Verständlich ist daher auch, dass die Ratingerin und ihr Mann nicht tatenlos zusehen konnten, als sie erfuhren, wie es um die Not in ihrer Stadt bestellt ist. „Wir möchten den Menschen vor unserer Haustüre helfen“, erklärt Karl-Rudolf Thull. „Und gerade Familien haben es heutzutage schwer“, ergänzt seine Frau. „Meine christliche Verantwortung sagte mir, wir müssen aktiv werden.“ Zur gleichen Zeit bekam Inge Straßen-Thull eine Erbschaft in Aussicht gestellt. „Da dachte ich: Jetzt oder nie.“

Gleiche Startchancen für alle

Die Thulls gründeten unter dem Dach der CaritasStiftung ihre eigene Stiftung, um mit ihrem Geld nachhaltig helfen zu können. Nachhaltig, weil das Stiftungskapital niemals angerührt wird. Aber das Geld „arbeitet“ und die finanzielle Hilfe besteht aus den jährlich anfallenden Zinsen. Die Stiftung trägt den Namen „Kinder-Jugend-Starthilfe“ (KiJuStar) und das Logo zeigt deutlich, worum es dem engagierten Ehepaar geht: Ein Kind und ein Jugendlicher sind dort abgebildet, die nach den Sternen greifen. „Das ist unser Wunsch. Wir möchten Kindern helfen, scheinbar Unmögliches möglich zu machen und ihnen einen gerechten Start geben.“

Unterstützt werden Familien, die in Not geraten sind, dort, wo keine staatliche Förderung möglich ist. Der Staat solle schließlich nicht aus seiner Verantwortung genommen werden. „Viele Kinder werden in unserer Gesellschaft aufgegeben und auf Sozialhilfe vorbereitet - so etwas darf nicht sein“, kritisiert Inge Straßen-Thull das bestehende System. „Wir stehen auf der Sonnenseite des Lebens und teilen gerne mit denen, die sich auf der Schattenseite befinden.“ Die Hilfe der Stiftung setzt im Kindesalter an. „Denn hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Erhält ein Kind aus einer ärmeren Familie schon früh eine entsprechende Förderung, hat es auf einmal eine ganz andere Perspektive“, erklärt sie.

Kirstina Eigemeier