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Gutscheine für Bettler

Bevormundung oder nachhaltige Hilfe?

Dritter Adventssonntag. Ein schwarzer Mercedes hält vor einer Kirche im Sauerland. Zwei schludrig aussehende Männer steigen aus, setzen sich vor die Kirchtüren. Der Fahrer rauscht davon. Egal, ob im Sauerland oder in den Innenstädten dieser Republik: Die, die vorbeigehen, stellen sich immer dieselben Fragen: Soll ich was geben oder nicht? Warum bettelt dieser Mensch? Bettelt er für sich oder wird er abkassiert? Wo wohnen diese Menschen? Un­terstütze ich mit meiner Gabe mafiöse Strukturen? Wie investieren die beiden meine Spende?

Wir im Caritasverband Altena-Lüdenscheid haben zwar keine Antworten. Aber wir hatten eine Idee. Seit Januar dieses Jahres können Bürgerinnen und Bürger in Kirchengemeinden, bei den Caritasgruppen und unserer Geschäftsstelle die "Wertmarke 1 Euro" kaufen. Für diese Wertmarken können Menschen, die Hilfe suchen, im Tagesaufenthalt unserer Wohnungslosenberatungsstelle zum Beispiel ihre Wäsche waschen, duschen oder Essen holen.

Aktueller Renner auf YouTube: Studenten inszenieren eine Spontanaktion für einen Obdachlosen.be japy e.V.

Dritter Adventssonntag. Ein schwarzer Mercedes hält vor einer Kirche im Sauerland.

Dass die Idee mit bislang rund 300 verkauften Gutscheinen Erfolg hatte, liegt an mehreren Faktoren.

  • Menschen, die diese Wertmarke verschenken, wissen: Ich helfe mit meiner Spende konkret.
  • Die Einrichtungen nehmen den Besuch der Hilfesuchenden zum Anlass, eine professionelle Beratung anzubieten, um dauerhaft zu helfen. Die ersten Monate zeigen: Oft ist der Gang zum Einlösen der Wertmarken tatsächlich der erste professionelle Hilfskontakt.
  • Organisierte Bettler haben von diesen Wertmarken nichts, aber der Spender hat mit seinem Euro die Caritasarbeit unterstützt. Gleichzeitig können wir so zeigen, dass wir helfen und wie wir es tun.
  • Zusätzlich hat die Aktion eine breite Diskussion in Öffentlichkeit, Politik und bei Sozialarbeitern ausgelöst. So weit sogar, dass österreichische Polizeibehörden die Kolleg(inn)en der dortigen Caritas und Diakonie darauf aufmerksam machten.

Wertmarken sind nachhaltiger als ein hingeworfener Euro

Kein Projekt ohne Kritik: Gegner halten uns zum Beispiel Bevormundung vor. Wir würden bettelnde Menschen dazu zwingen, sich beim Einlösen der Gutscheine outen zu müssen, würden die Stigmatisierung der Armut fördern. Bedenkenswerte Argumente, die ich – ganz ehrlich – auch nicht alle entkräften kann. Deswegen wird diese Hilfe wohl umstritten bleiben.

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Unsere Haltung ist klar: Der Euro, der dem Bettler hingeworfen wird, ist lange nicht so nachhaltig wie die Wertmarken-Aktion. Auf diese Weise können wir Alkohol- und Drogenkonsum verringern und den Einstieg in nachhaltige Hilfen schaffen. Das sind Gründe genug, die Aktion fortzuführen. Darin bestärken uns auch die Bürger(innen), die Einrichtungen und Kirchengemeinden. "Wenn ich nichts gebe, habe ich ein komisches Gefühl. Wenn ich etwas gebe, aber auch." Diesen Satz hören wir oft beim Gutscheinverkauf. Wir können zu dem guten Gefühl verhelfen, Menschen in Not sinnvoll zu unterstützen. Diese bekommen übrigens bei uns Dusche, Kaffee und eine warme Mahlzeit auch ohne Gutschein.

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25.09.2014 | 11:55  
Johannes Baldur schreibt

Ich finde das gut. Ein Euro hilft - aber Kontakt ist, was uns Menschen anregt und ermutigt uns in dieser Welt zu behaupten.

Das sieht man durchaus bei Geldreichen, denen die Kontaktfähigkeit abhanden gekommen ist. Sie behaupten sich nicht mehr in der Welt, sondern sie behaupten Etwas, was sie für die Welt halten.

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08.09.2014 | 11:25  
Jürgen schreibt

Ich finde diese Aktion ist eine tolle Sache. So wird ein Bettler guten Willens dazu angeregt sich "echte" Hilfe zu holen, um vielleicht wieder auf die rechte Bahn zu kommen. Bettler, die für solch eine Aktion nicht empfänglich sind, wird man wahrscheinlich schon an ihrer (negativen) Reaktion erkennen können. Denn wer sich nicht auf diese Weise helfen lassen will, daß ist dann doch sein eigenes Problem, denke ich. Denn die Wertmarke ist ja ein Angebot. Und dieses kann man entweder annehmen oder ablehnen.

08.09.2014 | 23:06
Gerold Reim antwortet  

Das ist so eine Sache mit der "rechten Bahn": Dadrin ist schon eine Wertung versteckt. Zugegeben, es gibt vermutlich keinen Menschen, der keine Werturteile fällt, aber man kann es auch so sehen, das ein Bettler einen größeren Beitrag zu einer menschlichen Gesellschaft leistet als jemand, der in der Rüstungsindustrie oder am Bau einer Autobahn arbeitet. Nicht alles, was durch Arbeit geschaffen wird ist gut und manche Probleme, die uns heute umgeben, hätten wir nicht, wenn wir so einfach leben würden, wie die Bettler glaube zwar nicht an Gott, aber mir fällt gerade der Bibelspruch ein: "Sie säen nicht, sie ernten nicht und die Welt (oder Gott) ernähret sie doch!. Ich habe zwar nur wenige Gespräche mit Bettlern oder Obdachlosen geführt aber da waren einige mit philosophischen Geist drunter. Grundsätzlich sehe ich aber auch: Wenn der 1-EURO-Gutschein dazu beiträgt, das einige zu für sie sinnvollen Hilfsangeboten geleitet werden, so ist das auch eine wertvolle Maßnahme.

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07.09.2014 | 02:35  
Gerold Reim schreibt

Es kann natürlich als Bevormundung angesehen werden, wenn jemand einen 1-Euro- Wertgutschein erhält. Aber ist es nicht auch eine Bevormundung, wenn einem Schwulen beim Caritasverband gesagt wird, Du darfst keine eingetragene Partnerschaft eingehen? Ist es nicht auch eine Bevormundung, wenn ein HartzIV-Empfänger eine Stelle bei einem Rüstungsunternehmen annehmen muß, weil ihm sonst sein Geld gekürzt wird. Ich will damit nicht sagen, das 1-Euro-Wertgutscheine okay sind aber weitergehend zum Nachdenken anregen, wo es überall Bevormundungen gibt.

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03.09.2014 | 14:13  
Michael Wolff schreibt

Ich befasse mich gerade intensiver mit dem Konzept von Amartya Sen „Entwicklung durch Freiheit“. Nach dem was ich davon verstanden habe, wäre Sen mit den Wertmarken nicht einverstanden. Er ist der Auffassung, dass die Möglichkeit und Ausübung von Freiheit in verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Lebensbereichen für die Entwicklung eines Menschen essentiell ist. Unfreiheiten schränken die Entwicklung ein. Für mich sind Wertmarken ein Symbol dafür, dass die Freiheit von Menschen durch Misstrauen und Generalverdacht auf der einen Seite und Sachleistungen statt Geldleistungen (vgl. Bildungs- und Teilhabepaket) auf der anderen Seite eingeschränkt werden. Warum traut man Bettlern nicht zu, das richtige für sich persönlich zu unternehmen, wenn man ihnen Geld gibt.
Das (eigentlich gute) Ziel, das die Caritas damit verfolgt, nämlich selbstbestimmte Teilhabe u.a. durch Beratung auszubauen, wird nach Sen durch die Einschränkung der Freiheit minimiert. Es besteht die Gefahr

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31.08.2014 | 11:34  
Dr. Klaus-Stefan Krieger schreibt

Mein - zugegeben subjektiver, aber ich habe auch mit Polizisten gesprochen - Eindruck ist, dass es bei uns (Bamberg, Erlangen) nur noch betrügerische "Bettler" gibt. Kriminelle Banden haben den Bettler, wie man ihn von früher kannte, verdrängt. Daher habe ich kein schlechtes Gewissen, nichts zu geben. Ich spende lieber direkt an die Caritas.

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26.08.2014 | 20:29  
wer187 schreibt

ich gebe nie was! aber ich lade ab und an einen ein zu kaffee trinken. meist wird dies abgeleht. damit habe ich die antwort auf des betteln.

außerdem würde ich mir wünschen das andere auch so viel geben wie ich in % zu meinem einkommen. denn ich weis wo hilfe not tut und bin dann dort aktiv.

wer bettelt kann noch gut für sich sorgen. es gibt aber auch leute die das nicht mehr können und keine fürhsprecher mehr haben?

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17.08.2014 | 11:14  
Susanne schreibt

Mein erstes Erlebnis mit einem Bettler hatte ich mit 16 Jahren. In Heidelberg bat mich ein junger Mann auf der Strasse nach Geld , um sich etwas essen kaufen zu können. Natürlich gab ich ihm Geld, denn zu essen sollte er haben. Nach einer Weile kam er zurück mit einer Flasche Wein und meinte zu mir "Trinken ohne essen ist besser , als essen ohne Trinken". Ich war enttäuscht, da ich doch jetzt seine Sucht unterstützt hatte. Seit dem habe ich nie mehr mit einem guten Gefühl etwas an Bettler gegeben, oft gar nichts. Der Wert-Euro würde dies ändern. Allerdings bliebe trotzdem das Gefühl, dass mein Euro verloren wäre wenn der Wert-Euro bei einem organisierten Bettler landet. Vielleicht gibts da noch eine besser Lösung

12.05.2016 | 09:18
Rainer S. aus Bielefeld antwortet  

Obwohl dieser Beitrag schon fast zwei Jahre her ist, möchte ich etwas dazu anmerken.
Für alle die erst heute dieses lesen.
Der Wert Euro ist nicht verloren, auch wenn er bei einem organisierten Bettler landet.
Der zuvor real gezahlte Euro an die Caritas, hilft dieser doch Ihre wertvolle Arbeit zu finanzieren.
Dafür wird dann eben auch jemand "versorgt / umsorgt " der ohne Wertmarke der Hilfe bedarf.
Ich finde diese Idee super !!!

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11.08.2014 | 15:06  
Gabriele Göhring schreibt

Es ist kaum verwunderlich, dass eine solche Aktion kontrovers diskutiert wird. Und zwar eigentlich schon seit Jahren nur immer wieder in einem anderen Zusammenhang.
Auch ich frage mich jedes Mal, wenn ich jemanden betteln sehe, soll ich etwas geben oder nicht, vor allem, wenn ich das Gefühl habe, dass sich eine organisierte mafiöse Struktur dahinter versteckt und dem bettelnden Menschen das Meiste wieder abgenommen wird.
Vor diesem Hintergrund würde mich einfach die Meinung der Betroffenen interessieren. Ist es nicht möglich, in einzelnen Städten zu den Betroffenen zu gehen und sie nach Ihrer Meinung zu fragen? Wir als Caritas haben doch die Zugänge und könnten auf der Straße, in der Pflasterstube oder dort, wo sich wohnungslose Menschen treffen, darüber mit ihnen diskutieren.
Nur wenn wir die Menschen selbst zu Wort kommen lassen, ist es selbstbestimmte Teilhabe, andernfalls rede nur immer Andere über sie und ich habe das Gefühl, dass wir so nicht weiterkommen.

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06.08.2014 | 16:22  
Thomas Becker schreibt

Geld oder was Anderes?
Für uns hat sich die Frage akut gestellt, als unsere Kinder beim Einkaufen in der Stadt fragten: "Was fehlt denn dem Mann da am Boden?" Auf die Antwort, er habe nichts zu essen, fanden die Kids den für sie logischen Weg. "Dann kaufen wir ihm doch was beim Bäcker." So haben wir eben in den folgenden Jahren immer wieder mal eine Brezel gekauft. Die Kinder haben sie den Bettlern gegeben. Dabei ergaben sich dann auch Gespräche, und zwar von Mensch zu Mensch, z.B. von Mittelschicht zu Armut. In die Augen sehen, Interesse füreinander haben, all das, was Menschsein eben reicher macht. Wenn bei der Übergabe des Gutscheins ein Gespräch entsteht, dann ist auch das ein Weg. Wenn es bevormundend getan wird, dann ist es nicht gut. Es kommt also nicht nur auf das Was (Geld oder Gutschein, oder gar Brezel), sondern vor allem auf das Wie an. Haben Sie schon einmal mit einem Bettler gesprochen. Es ist ein Erlebnis.

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06.08.2014 | 15:33  
Dorothee Biehl schreibt

Ich habe mich vor Jahren in meinem "privaten Leben" entscheiden Geld zu geben wenn jemand bettelt.
Alleine die Tatsache irgendwo zu sitzen und seine Bedürftigkeit öffentlich zu zeigen reicht mir als Begründung . Ich muss nicht wissen ob ich vielleicht "abgezogen" werde. Das werde ich an anderer Stelle auch und ich nehme es in Kauf (siehe Eintrag mit den Banken). In meinem beruflichen Kontext halte ich es ähnlich, wenn es um Essensmarken geht. Der Gang zu mir genügt erstmal um anzuzeigen, dass das Geld offensichtlich fehlt.
Natürlich frage ich auch nach, wenn ich sehe, dass es ein "Mehr" an Problemen gibt, ausser dem zu geringen Restgeld am Ende des Monats. Aber meinen Auftrag sehe ich nicht erzieherisch sondern in einem respektvollen Umgang mit den unterschiedlichen Lebensentwürfen meiner Mitmenschen. Hört sich jetzt sehr moralisch an, ist aber so nicht gemeint.

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