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Kirchl. Sozialinitiative

Armut Einzelner geht alle an

"Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" heißt ein kürzlich veröffentlichtes Papier der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es ist eine "Initiative für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung", für einen ernsthaften und folgenreichen Diskurs. Dieser müsse vor allem das Verhältnis von Ökonomie und Moral im Blick haben, insbesondere die Option für die Armen.

Ein Diskurs, der thematisiert, dass "unsere Gesellschaft in Zukunft besser als bisher ihrer Verantwortung für die Schwachen gerecht werden muss". Dass "Bildungspolitik vorsorgende Sozialpolitik ist" und "dem gefährdeten Menschen durch Qualifizierung und Befähigung die Beteiligung am regulären Arbeitsleben zu ermöglichen ist".

Von leeren Solidarkassen bei hoher öffentlicher Verschuldung ist die Rede. Doch dass ­diesen Schulden eine enorme Anhäufung von Privatvermögen gegenübersteht, wird nicht erwähnt. Das hätte der dringend erforderlichen gesellschaftlichen Debatte über das zunehmende Ungleichgewicht bei Privatvermögen mehr Zündstoff geben können.

Klar ist: Armut ist kein persönliches Pech, keine Laune der Natur und darf nicht einfach individualisiert werden. Die Armut so vieler Einzelner geht alle an. Es kann in Deutschland etwas dagegen getan werden: durch eine veränderte Bildungspolitik, eine bedarfsgerechte Regelsatzberechnung und eine Arbeitsmarktpolitik, die gegen Aufstockung und verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit aktiv antritt. Es geht um die gezielte Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Dass dies nicht einfach ist, zeigen die Diskussionen um Mindestlohn und Grundeinkommen.

Der "Sozialinitiative" von DBK und EKD müssen Taten folgen, damit wir daran messen können, ob sich Armut und soziale Ausgrenzung verringern. Das gemeinsame Wort hätte aus meiner Sicht viel beherzter dem Vorbild von Papst Franziskus folgen und einen deutlicheren Perspektivwechsel einfordern können. Dies wäre im Sinne der vielen Menschen in Deutschland, die unter Armut und Ausgrenzung leiden.

Armut zu bekämpfen ist eine gemeinsame Verantwortung. Sie bedeutet, dafür Sorge zu tragen, dass das Bildungssystem durchlässig für Kinder wird - unabhängig von Bildung und Einkommen ihrer Eltern. Dass eine gute gesellschaftliche Teilhabe ihre persönliche Entwicklung stärkt. Dieses Anliegen braucht mehr Eifer und wirkliches Wollen der politischen Entscheider. Es lohnt sich, dafür zu streiten, möglichst früh individuelle Hilfen für Familien anzubieten, Mittagessen in Ganztagseinrichtungen kostenlos auszugeben und eine tatsächliche Lehr- und Lernmittelfreiheit einzuführen.

Kinderarmut zu bekämpfen und die hohen Ziele der Inklusion und Partizipation dürfen keine Lippenbekenntnisse bleiben. Dies sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig.