Caritas-Studie

Ergebnisse

Was die Abgängerquote beeinflusst und was nicht

Werte der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in Prozent pro Bundesland und Jahr.

Die Zahlen für 2014 zeigen eine große Bandbreite. Während im Bundesdurchschnitt 5,7 Prozent (2013: 5,6 %, 2012: 5,6 %; 2011: 6,0 %; 2009: 6,9 %) der Schüler(innen) ohne Hauptschulabschluss blieben, waren es im Landkreis Mansfeld-Südharz 14 Prozent. Die beste Quote hatte Ansbach mit 1,2 Prozent. 

Einfache Erklärungen für die großen Unterschiede gibt es nicht. Doch die Studie des Deutschen Caritasverbandes und des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) identifiziert drei Faktoren, die statistisch einen großen Einfluss haben:

Sonder- und Förderschüler

Wo es viele Sonder- und Förderschüler gibt, ist auch die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss hoch. Das lässt sich statistisch belegen: Steigt der Anteil der Sonder- oder Förderschüler in einem Kreis oder einer Stadt um ein Prozent, gibt es dort durchschnittlich 0,6 Prozent mehr Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Dies gilt, wenn alle anderen statistisch gesicherten Einflussfaktoren unverändert bleiben. Dieser Zusammenhang lässt sich dadurch erklären, dass viele Förderschüler ohne Abschluss die Schule verlassen. Hintergrund: In Deutschland werden vier Prozent aller Schülerinnen und Schüler an Sonder- und Förderschulen unterrichtet (Stand: 2014). 

Große Schwankungen bei der Zahl der Förderschüler

Der Anteil der Förderschüler schwankt sehr stark: Während dieser 2014 in Bremen bei 1,2 Prozent lag, waren es in Mecklenburg-Vorpommern 6,1 Prozent. Auf Kreisebene lag die Quote zwischen 0,4 Prozent und 10,8 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern ergeben sich laut Bildungsbericht 2010 unter anderem aus unterschiedlichen Verfahren und Kriterien für die Bestimmung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs. Lokale Schwankungen hängen zum Beispiel davon ab, ob es dort eine Förderschule gibt und wie Kinder mit Förderbedarf in Regelschulen eingebunden sind (inklusive Bildung).

Arbeitslosenquote

Die Arbeitslosenquote wirkt signifikant auf den Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Sie ist der zweitwichtigste sozioökonomische Einflussfaktor: Im Durchschnitt steigt der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss um 0,23 Prozent, wenn die Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt höher ausfällt.

Das bedeutet: Wenn in einem Kreis die Arbeitslosenquote bei 8 Prozent liegt und die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss bei 5 Prozent, müsste bei einer Erhöhung der Arbeitslosenquote auf 9 Prozent bei ansonsten gleichen Bedingungen die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss bei durchschnittlich 5,23 Prozent liegen.

Bundesland

Bundesländer im Vergleich: Schüler ohne Hauptschulabschluss Höherer (+) bzw. niedrigerer (-) Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in Prozenten in einem Bundesland im Vergleich zu Schleswig-Holstein (Kreise mit denselben sozioöokonomischen Voraussetzungen).

Bildung ist Ländersache. Das zeigt sich auch in der Caritas-Studie: Die Bundeslandzugehörigkeit eines Kreises hat einen großen, statistisch gesicherten Einfluss auf die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. 

Eine Modellrechnung des RWI bringt das in Zahlen (siehe Grafik): Die Wissenschaftler sorgten dabei für gleiche Ausgangsbedingungen. Sie nahmen an, dass die Arbeitslosenquote in allen Bundesländern gleich hoch wäre, dass es überall denselben Anteil an Förderschülern gäbe und so weiter. 

Die Berechnungen von 2012 zeigten, dass es damals selbst dann in Mecklenburg-Vorpommern 5,5 Prozent mehr Jugendliche ohne Hauptschulabschluss gegeben hätte als zum Beispiel in Schleswig-Holstein. In Brandenburg wären es vier Prozent mehr gwesen, in Sachsen-Anhalt 2,2 und in Sachsen 1,9. 

Am anderen Ende des Vergleichs lägen die Kreise in Nordrhein-Westfalen. Deren Quote wäre um 2,8 Prozent niedriger gewesen als im frei gewählten Vergleichsland Schleswig-Holstein. In Baden-Württemberg wäre sie um 2,4 Prozent, in Bayern um zwei und in Niedersachsen um 1,7 Prozent darunter gelegen. Die restlichen Bundesländer hätten die gleichen Werte wie Schleswig-Holstein gehabt.

In der Zwischenzeit haben sich die Quoten der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in den Bundesländern leicht angenähert. Insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern waren Rückgänge zu verzeichnen. Es ist wahrscheinlich, dass sich dadurch auch die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern in der Berechnung verändern.

Einen geringeren Einfluss haben:

Ausländische Schülerinnen und Schüler

Der Anteil der ausländischen Schülerinnen und Schüler wirkt sich nur gering auf die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in einem Kreis aus: Fällt der Anteil der ausländischen Schüler um einen Prozentpunkt höher aus, erhöht sich der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss im Durchschnitt um 0,09 Prozentpunkte.

Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung

Steigt der Anteil der Beschäftigten ohne abgeschlossene Berufsausbildung in einem Kreis um ein Prozent, geht auch der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss im Durchschnitt um 0,09 Prozentpunkte nach oben.

Bruttoinlandsprodukt

Die Wirtschaftskraft eines Kreises oder einer Stadt hat Auswirkungen auf die Zahl der Jugendlichen, die ohne Abschluss von der Schule gehen. Steigt das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner um 1.000 Euro, sinkt der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss im Durchschnitt um 0,04 Prozentpunkte.

Verglichen mit anderen Faktoren (Arbeitslosenquote, Anteil der Förderschüler) haben diese drei Faktoren somit einen statistisch nachweisbaren, aber deutlich geringeren Einfluss auf die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss.

Keinen statistischen Einfluss auf die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss diese Faktoren:

Stadt oder Land

Unterschiede in der Siedlungsstruktur spielen keine Rolle für den Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Wo die Werte zwischen Stadt und Land auseinanderliegen, lässt sich diese gemäß der Caritas-Studie durch die unterschiedliche sozioökonomische Struktur in diesen Gebieten erklären.

Hauptschülerinnen und Hauptschüler

Die Caritas-Studie belegt, dass die Zahl der Hauptschülerinnen und Hauptschüler keine statistische Auswirkung auf den Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss hat. Das widerlegt die oft geäußerte Annahme, dass allein ein hoher Anteil an Hauptschülern die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss erhöht.

Verschuldung pro Kopf

Die Verschuldung eines Kreises hat keinen Einfluss auf die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Die Annahme ist falsch, dass verschuldete Kreise aufgrund geringerer Mittel weniger für die Bildung und Förderung ihrer Kinder und Jugendlichen tun. Allerdings kann die Caritas-Studie nicht klären, ob diese Kreise trotz knapper Kassen gute Angebote vorhalten oder ob sie andere Mittel und Wege gefunden haben, um die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen.

"Damit kann sich vor Ort niemand entschuldigen, man habe nur deshalb so wenig Befähigungserfolg, weil kein Geld vorhanden sei", sagt Caritas-Präsident Peter Neher. Er fordert die Bundesländer, die Kommunen und Kreise auf, mehr für Jugendliche zu tun, deren Abschluss in Gefahr ist.

Download

nc Spezial: Studie zu Bildungschancen (Juli 2012)

Die 32-seitige Sonderausgabe der Fachzeitschrift neue caritas beinhaltet die Ergebnisse der Caritas-Studie "Bildungschancen vor Ort", die lokalen Befragungen, die Forderungen der Caritas sowie einen Exkurs zur Förderschule.

Links

Bildungschancen 2016

Positivtrend gestoppt

Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss steigt leicht

Interaktive Karte

Aktuelle Zahlen vor Ort

Abgänger ohne Hauptschulabschluss

Hintergrund

Ohne Hauptschulabschluss

Kein Abschluss, keine Perspektive

Kommentar

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